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Georg Gaugusch: WER EINMAL WAR

24.03.2012 | buch

Georg Gaugusch:  
WER EINMAL WAR
Das jüdische Grossbürgertum Wiens 1800-1938  A-K
1649 Seiten, Amalthea Verlag 2011 

Ein Buch wie dieses bekommt man nicht alle Tage in die Hand, auch nicht alle Jahre, vielleicht in Jahrzehnten, man kann noch höher greifen und ein „Jahrhundert-Werk“ nennen, was der 1974 geborene Georg Gaugusch hier vorlegt. Kein „Dr. phil.“ ziert übrigens seinen Namen, er ist „Dipl.Ing.“ und leitet mit der Firma Jungmann am Albertinaplatz eines der Traditionsgeschäfte Wiens, das den „K.u.k. Hoflieferanten“ führt, als wäre die Zeit stehen geblieben. Und „Wer einmal war“ erzählt denn auch von „damals“, zwischen 1800 und 1938…

Die Zeit anhalten möchte offenbar Georg Gaugusch, der einmal begonnen hat, in den kostbaren alten Auftragsbüchern der Firma Jungmann zu stöbern (damals kleidete man auch Damen ein, nicht nur – wie heute – ausschließlich Herren aus den feinsten Kreisen), und als er sich fragte, wer die Kunden von damals waren, merkte er (es ist schon über ein Jahrzehnt her), dass es darauf keine Antworten gab. Seither hat er sich auf die Spuren dieses jüdischen Großbürgertums Wiens gesetzt, das zwar durch den Zweiten Weltkrieg einen nie gut zu machenden Aderlass erfuhr, aber heute noch in zahlreichen Nachkommen vorhanden ist.

Gaugusch und seine Frau Marie-Theres Arnbom, gleichfalls Autorin und Historikerin, sind diesen großen jüdischen Familien, die Österreichs Geschichte in so hohem Maße mitbestimmt haben, bis in die entlegensten jüdischen Friedhöfe der ehemaligen Monarchie gefolgt, und tatsächlich waren für das Aufspüren von Daten und familiärer Zusammenhänge auch die Todesanzeigen der Zeitungen von hoher Wichtigkeit, die Gaugusch unermüdlich sammelte. Abgesehen davon hat er jede Quelle des Wissens angezapft  wie etwaPeter Michael Braunwarth, den Herausgeber der Schnitzler-Tagebücher (denn es finden sich natürlich auch Schnitzler-Verwandte und zahllose Bekannte hier),oder alte Damen mit unglaublichem Gedächtnis, die ihm Dinge erzählen konnten, die niemand mehr wusste und die nun zwischen Buchseiten eingegangen sind.

Das Ergebnis nennt sich nicht „Es war einmal“, denn es war kein Märchen, es heißt: „Wer einmal war“, und tatsächlich ist nach achtjähriger Arbeit an diesem konkreten Buch nun erst der erste Band, die Familien von A bis K enthaltend, erschienen. Der zweite Band ist für 2013 versprochen, und der Amalthea Verlag hat sich (trotz der vielen auch finanziellen Unterstützer des Projekts von Nachkommen in den USA bis zur Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, von Republik, Ländern und Ministerien) besonders um die Herausgabe verdient gemacht, weil hier wahrlich nicht gespart wurde: Das Buch ist das, was man als „Riegel“ bezeichnet, ein gewaltiger Band, den man nur am Tisch lesen kann, und es bedurfte besonderer Künste von Buchbindern, um 1652 Dünndruckseiten zusammen zu halten.

Was findet man nun hier in einem Werk, in dem man jahrelang lesen kann (und wird)? Namen zuerst, die Namen von Familien, wobei das Jahr 1800 mehr oder minder als Beginn genommen wurde, da der Aufstieg des im weitesten Sinne „österreichischen“ Judentums nach Joseph II. begann. Viele der Namen kennt man noch, von den Arnstein über die durch Klimt wieder ins Bewusstsein gekommenen Bloch-Bauer bis zu den Korngolds (ja, der Komponist).

Zuerst blättert Gaugusch die Familiengeschichten auf, die meist tief in die Provinzen der Monarchie zurückführten, bevor viele dann natürlich in Wien landeten. Und da finden sich über die Maßen kostbare Marginalien zur österreichischen Geschichte überhaupt, nicht nur zu Wirtschaft (ja, viele der Juden waren reich), sondern vor allem zur Kultur. Es gab unter ihnen übrigens nicht nur viele, viele Unternehmer aller Art, sondern auch Mitglieder jenes hohen Beamtentums, das der Monarchie Ehre machte. Und Georg Gaugusch erzählt, was er nur finden konnte, häuft Detail auf Detail, ist vor allem in Zeitungen der Zeit fündig geworden.

Die jüdischen Familien waren unglaublich vernetzt, sowohl untereinander wie auch mit christlichen Familien, da viele Juden konvertierten. Auf die Familiengeschichten folgen die Familienmitglieder, und es ist von grenzenloser Faszination, wer wer und was war, wer wen geheiratet hat, wer wessen Vater, Großvater, Bruder, Onkel, Vetter war… Allein, wie Gaugusch zu jeder Person, die er finden konnte, noch die Vorfahren zitiert, erinnert an die Bibel und ihre Gewalt der Genealogie: Abraham zeugte den Isaak, Isaak aber zeugte den Jakob, Jakob aber zeugte den Juda und seine Brüder…

Zu all dem gibt es nicht nur jede Menge Daten (und offen deklarierte Leerstellen mit Pünktchen, wenn gewisse Dinge nicht aufzufinden waren), dazu nach Möglichkeit sogar mit Adressen zu Lebzeiten und im Tode, samt Todesursache, wenn sie auffindbar war, auch „deportiert“, „ermordet“, auch „Nachkommen in den USA“.

Und dazu liefert der Autor auch noch Verweise und Belege sonder Zahl. Wer je selbst wissenschaftlich gearbeitet hat, kann vor Respekt angesichts einer solchen Leistung nur den Hut ziehen oder in die Knie gehen. Allein die Logistik, hier die Übersicht zu behalten, scheint schier unglaublich.

Das Register zu diesem Band findet sich im Internet (35.000 Namen, wie man hört), der zweite Band soll dann ein Gesamtregister enthalten.

Bei all der Überfülle derInformation ist dieses Buch nicht nur ein Nachschlagewerk: Zumindest die Familiengeschichten machen es zum Lesebuch, wobei es spannend ist, sich auch aus den Angaben zu den Einzelmenschen ihre Geschichten zusammen zu denken. Die gewaltige Leistung des Judentums für das Gesamtgefüge der Monarchie (wobei man dergleichen ebenso für Deutschland, Frankreich, England unternehmen könnte), ersteht hier in seiner ganzen unglaublichen Breite.

Irgendwann, wenn Georg Gaugusch auch den zweiten Band vorgelegt haben wird, wünscht man sich dann von ihm noch einen Bildband zum Thema, denn von einfachen Bürgerhäusern bis zu großen Palais, von Fabriken bis Friedhöfen lassen sich da sicher noch viele Spuren finden…

Renate Wagner

 

 

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