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GEORG FRIEDRICH HÄNDEL: OTTONE

08.06.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

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GEORG FRIEDRICH HÄNDEL: OTTONE – Gelungene Wiederbelebung einer einst erfolgreichen Oper dank Max Emanuel Cencic und George Petrou – DECCA 3 CD

Es ist schon eine Ungerechtigkeit der Musikgeschichte und auch des bisweilen oberflächlichen Musiklebens generell: Dort wo es effektvoll zugeht, da steht Erfolg drauf. In der 1723 am Kings Theatre Haymarket in London uraufgeführten Opera seria „Ottone“ auf ein Libretto von Nicola Francesco Haym hat es Händel mit leiseren Tönen, einer bescheideneren Instrumentierung vor allem im Vergleich zu Giulio Cesare versucht, und was kommt heraus? Nichts als Ärger und das Versinken in staubigen Regalen der Archive. 

Händel reagierte meist höchst flexibel (die nachstehende Anekdote zeigt ihn allerdings von einer anderen Seite) auf die Launen des damals exzessiv ausgeprägten Diventums. Jeder/jede wollte einen interessanten Charakter mit auf die Stimme maßgeschneiderten (Bravour)Arien haben. Immerhin fanden sich solche Kaliber wie Margherita Durastanti als Gismonda, der Altkastrat Senesino in der Titelrolle (beide aus Dresden abgeworben), der Bass Giuseppe Boschi als Emireno und vor allem die zickigeFrancesca Cuzzoni als Prinzessin Teofane in der Besetzung der Londoner Premiere. Wie das war, ist heute nicht mehr vorstellbar. Cuzzoni, über die ein Galerist entzückt ausgerufen haben soll „Verfluchtes Weib! Sie hat ein ganzes Nachtigallennest im Leib!“, kam erst zwei Wochen vor der Erstaufführung zu den Proben angereist, mokierte sich über die (fade) erste Arie und wollte Ersatz. Händel soll sie im Streit gepackt haben und ihr mit dem Wurf aus dem Fenster gedroht haben, worauf sie sich einverstanden erklärt haben soll, die erste Arie (in der sie ihre Enttäuschung über den vermeintlichen Bräutigam besingt) in der ursprünglichen Form zu singen. 

Dementsprechend fesselnd liest sich die Geschichte der verschiedenen Fassungen. Arien wurden ersetzt, gestrichen, ergänzt und sogar die Stimmfächer der zwei weiblichen Hauptrollen vorübergehend getauscht. In der vorliegenden Einspielung wurde auf die vollständige Fassung der Uraufführung zurückgegriffen, aber es sind auch Erweiterungen zu zwei Szenen eingearbeitet, die Händel für eine Galavorstellung der Cuzzoni umgeschrieben hatte. Als Bonus sind der Aufnahme drei Arien beigefügt, die Händel zur Wiederaufführung der Oper 1726 für den Titelhelden komponiert hatte.

Die Entstehung der Oper Ottone geht auf eine Aufführung von Antonio Lottis „Teofane“ zurück, die Händel in Dresden hörte. Zahlreiche Arien dieses Librettos finden sich auch in der Händel-Oper. Die Beschreibung „Empfindsamkeit“ passt wohl am besten auf den musikalischen Grundduktus der Oper. Melodische Eingebung mit Bezug auf die inneren Vorgängen/Konflikte seiner Figuren interessierten Händel in Ottone wohl mehr als die machtpolitischen Aspekte der historischen Vorlage. Ich möchte hier als Beispiele vor allem zwei Arien im zweiten Akt erwähnen, „Ah! tu non sai quant‘il mio cor sospira“ der Matilde und „Veni, o figliuo“ der Gismonda. Vergleichbar mit den schönsten Kantilenen Händels besingt die eine (Verlobte des Adalbert, den sie jedoch ohne mit der Wimper zu zucken an ihren Cousin Otto verrät) ihr Bedauern über sein Schicksal, die andere (Witwe des italienischen Tyrannen Berengario, üble Drahtzieherin der Macht) trauert über den bevorstehenden Tod ihres usurpatorischen Sohnes.

Die Aufnahme lebt primär von der hohen deklamatorischen Kunst und dem richtigen Mix aus schwelgerischen Seelenklagen und pointierter rhythmischer Kraft. Meine Erfahrung zeigt: Alles, was George Petrou angreift, wandelt sich in seinen Händen in musikalisches Gold. Gegenüber der einzig erhältlichen Vergleichseinspielung aus dem Jahr 1993 unter Robert King mit James Bowman, Claron McFadden, Jennifer Smith, Michael George und dem King’s Consort, lässt Petrou echtes Theaterblut fließen. Nichts klingt  anämisch oder esoterisch dünn, die Musik gehorcht final den Gesetzen der dramatischen Aktion.

Ihm steht aber auch eine durchaus ideale Besetzung zur Verfügung, mit Max Emanuel Cencic in der Titelrolle an der Spitze. Dieser begnadete Countertenor mit der für mich schönsten Stimme in seinem Fach, der am 21. September mit einer Aufführung von Glucks „Orfeo ed Euridice“ an der Oper in Zagreb sein unglaubliches 35-jähriges Bühnenjubiläum feiern wird, hat seine Stimme ohne die geringsten Verschleißerscheinungen bewahren können. Am 5. Juni gab Max Emanuel Cencic sein fulminantes Debüt bei den Salzburger Pfingstfestspielen im Mozarteum. Sein Counter ist natürlich reifer geworden, die Mittellage breiter und pastoser, die Tiefe ausladender, die Höhe dramatischer. Diese „Langlebigkeit“ ist einerseits darauf zurückzuführen, dass Cencic seine Rollen immer mit Bedacht gewählt hat und auch als eigener Produzent über das Was und Wie seiner CD-Einspielungen und Inszenierungen entscheiden konnte. Andererseits stützt sich Cencic‘ Tenor auf eine immense Gesangstechnik. Absagen sind ihm fremd. Auch lässt er sich zwischen seinen Terminen genügend Zeit zur Rekreation, was man von anderen Gesangstars mit häufigen Ausfällen leider nicht behaupten kann. 

Die Besetzung der weiblichen Hauptrollen ist grandios und überraschend ohne große Stars bis auf Anne Hallenberg in der Rolle der intriganten Gismonda. Mit Hallenberg wird Cencic auch in einer interessanten konzertanten Aufführung der Oper „Giulietta e Romeo“ von Niccolò Antonio Zingarelli am 27. Jänner 2018 im Theater an der Wien zu hören sein. 

Besonders hervorzuheben sind die vokalen Qualitäten des lyrischen Soprans Lauren Snouffer in der Riesenpartie der Teofane, Tochter des oströmischen Kaisers Romanos, die Otto am Ende der Oper in einem Happy End heiraten wird. Aber auch die ukrainische Mezzosopranistin Anna Starushkevych als Matilde vermag mit einem persönlichen Timbre, hoher Musikalität und technischer Meisterschaft zu überzeugen. Pavel Kudinov in der Partie des Emireno, Teofanes Bruder, orgelt seine Arien mit profundem Bass. Bleibt die Rolle des Adelberto, die mit Xavier Sabata adäquat besetzt ist. Allerdings fällt mir bei aller gediegenen Pracht seiner Stimme auf, dass ihm die Attitüde des „Bösewichts“ nicht so recht in die natürlichen Ausdrucksgene der Stimme gestanzt wurde.

Das Instrumentalensemble Il Pomo d‘Oro auf authentischen Instrumenten, eines der besten seiner Art weltweit, vermag auch in der knappen Orchestrierung mit Streichern, Oboe, Fagott, Flöte Cembalo und Theorbe den Farbenreichtum und Charakter der Instrumente voll auszukosten. 

Fazit: Ottone ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht, liebevoll wachgeküsst durch eine Handvoll begeisterter Künstler, die ihren Idealismus und ihr Können einem überzeugenden Projekt gewidmet haben.

Konzerttermine Ottone: 

7 Juli 2017: Cour de Hospices, Beaune 

24 September 2017: Theater an der Wien (Besetzung wie CD, nur Dilyara Idrisova wird die Teofane singen)

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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