Frank Martins «La Tempête» eröffnet die neue Saison in Genf. Besuchte Aufführung vom 20.09.2026

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Mit Frank Martins «La Tempête» eröffnet das Grand Théâtre de Genève die Spielzeit 2026/27. Gleichzeitig beginnt Alain Perroux seine erste Saison als neuer Generaldirektor des Hauses. Dass er dafür eine Oper des Schweizer und in Genf geborenen Komponisten Frank Martin gewählt hat, ist ein bewusstes Zeichen. Statt eines bekannten Repertoirewerks steht zum Auftakt eine selten gespielte Oper des 20. Jahrhunderts auf dem Programm.
Eine Oper mit Happy End
Frank Martins Oper „La Tempête“ (Der Sturm) basiert auf William Shakespeares gleichnamigem Schauspiel. Prospero, der einstige Herzog von Mailand, wurde von seinem Bruder Antonio entmachtet und lebt seit zwölf Jahren mit seiner Tochter Miranda auf einer abgelegenen Insel. Als seine früheren Gegner auf einem Schiff vorbeikommen, entfesselt Prospero mithilfe des Luftgeistes Ariel einen Sturm und lässt sie auf der Insel stranden. Während Miranda und Ferdinand, der Sohn des Königs von Neapel, sich ineinander verlieben, muss Prospero entscheiden, ob er an seiner Rache festhält oder seinen Feinden vergibt. Am Ende entscheidet er sich für Versöhnung statt Vergeltung, verzichtet auf seine Zauberkraft und gibt Ariel die Freiheit.
Am Pult des Orchestre de la Suisse Romande steht mit Thierry Fischer ein ausgewiesener Kenner der Musik Frank Martins. Der in der Schweiz lebende Dirigent hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dessen Werk beschäftigt und in Genf die «Odyssée Frank Martin» initiiert. Seine grosse Erfahrung mit dieser Musik ist während des ganzen Abends spürbar.
Fischer führt das Orchestre de la Suisse Romande sicher und mit grosser Aufmerksamkeit für die vielen unterschiedlichen Klangfarben der Partitur. Er vermeidet unnötige Schwere und sorgt dafür, dass die Musik transparent bleibt. Besonders in den ruhigeren Passagen lässt er dem Orchester viel Raum. Gleichzeitig entwickelt er in den dramatischen Momenten die nötige Spannung. Das Orchestre de la Suisse Romande zeigt sich dabei in sehr guter Form. Die einzelnen Instrumentengruppen treten immer wieder deutlich hervor, ohne dass der Gesamtklang auseinanderfällt. Auch das Orchester hinter der Bühne, das von Arnaud Arbet betreut wird, trägt wesentlich zur besonderen Atmosphäre bei. Der von Mark Biggins vorbereitete Chor des Grand Théâtre fügt sich präzise in das musikalische Geschehen ein.
Eine moderne Welt für Prosperos Insel
Netia Jones übernimmt Regie, Bühnenbild und Kostüme. Unterstützt wird sie von Malcolm Rippeth für das Licht und Lightmap für die Videogestaltung. Ihre Inszenierung arbeitet stark mit technischen Mitteln, Projektionen und Video. Prosperos Insel erscheint dadurch weniger als märchenhafter Ort, sondern als künstliche Welt, die von ihm kontrolliert und gesteuert wird.
Diese Idee funktioniert über weite Strecken gut. Die Videoprojektionen schaffen eindrucksvolle Bilder und unterstützen die geheimnisvolle Atmosphäre der Musik. Gelegentlich entsteht allerdings der Eindruck, dass die technischen Möglichkeiten etwas zu stark in den Vordergrund treten. Die stärksten Momente der Inszenierung sind jene, in denen Jones den Sängern und der Musik mehr Raum lässt.
Im Zentrum des Abends steht Stéphane Degout als Prospero. Der französische Bariton gestaltet die anspruchsvolle Partie mit grosser Sicherheit und ausgezeichneter Textverständlichkeit. Seine Stimme besitzt die notwendige Autorität für diesen Herrscher über die Insel, ohne dass er die Figur überzeichnet. Besonders überzeugend sind die ruhigeren Szenen, in denen hinter Prosperos Macht auch seine Verletzlichkeit sichtbar wird.
Catherine Trottmann singt Miranda mit warmer, klar geführter Stimme. Sie gestaltet die Tochter Prosperos natürlich und ohne übertriebene Sentimentalität. Mit Julien Dran als Ferdinand bildet sie ein überzeugendes Paar. Drans heller und beweglicher Tenor passt gut zu dieser lyrischen Partie, und die gemeinsamen Szenen der beiden gehören zu den ruhigsten und musikalisch schönsten Momenten des Abends.
Nicolas Cavallier verleiht Alonso mit seinem markanten Bass Gewicht und Autorität. Edwin Crossley-Mercer überzeugt als Sebastian mit prägnantem Bariton, während Léo Vermot-Desroches als Antonio klare Akzente setzt. Christian Immler ist als Gonzalo eine besonders solide Besetzung. Sein kultivierter Bassbariton und seine gute Textverständlichkeit geben auch dieser kleineren Partie deutliches Profil. Glen Cunningham ergänzt das Ensemble als Adrian.
Einen starken Eindruck hinterlässt Alex Rosen als Caliban. Sein dunkler Bass gibt der Figur die nötige Kraft und Bedrohlichkeit. Gleichzeitig gelingt es ihm, Caliban nicht nur als wilde oder gefährliche Gestalt zu zeigen. Auch dessen Abhängigkeit von Prospero und seine Verletzlichkeit werden deutlich.
Für die leichteren Momente sorgen François Rougier als Trinculo und Christophe Gay als Stephano. Beide spielen ihre komischen Szenen lebendig, ohne sie unnötig zu übertreiben. Georgiy Derbas-Richter fügt sich als Bootsmann gut in das Ensemble ein.
Eine besondere Aufgabe hat Joseph Chosson als Ariel. Im Zusammenspiel mit Chor, Licht und Videoprojektionen erhält diese Figur etwas Unwirkliches und schwer Fassbares. Chosson besitzt dafür eine starke Bühnenpräsenz und fügt sich überzeugend in das Konzept der Inszenierung ein.
Ein überzeugender Saisonauftakt
Musikalisch ist vor allem Thierry Fischer für den Erfolg des Abends verantwortlich. Seine Vertrautheit mit Frank Martins Musik ist deutlich zu hören. Er führt das Orchestre de la Suisse Romande mit Ruhe, Präzision und einem sicheren Gefühl für die besonderen Farben dieser Partitur.
Damit gelingt dem Grand Théâtre de Genève ein interessanter und musikalisch überzeugender Start in die neue Spielzeit. Alain Perroux beginnt seine Amtszeit nicht mit einem bekannten Publikumsmagneten, sondern mit einem Schweizer Werk, das auf den Opernbühnen nur selten zu erleben ist. Gerade deshalb ist «La Tempête» ein bemerkenswerter Auftakt seiner ersten Genfer Saison.
Marcel Emil Burkhardt

