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GELSENKIRCHEN: PIQUE DAME

29.06.2014 | KRITIKEN, Oper

Gelsenkirchen: PIQUE DAME –  3. Vorstellung am 28. Juni 2014 (Premiere am 5. Mai)

  Diese „Pique Dame“ ist in doppelter Hinsicht ein Wiedersehen mit dem Regisseur DIETRICH W. HILSDORF, aber auch mit dem Tenor KOR-JAN DUSSELJE, was die biografischen Notizen des Hauses für diesen Sänger erstaunlicherweise verschweigen. Es war Claus Leininger, Intendant des zu seiner Zeit als „Ruhr-Scala“ bezeichneten „Musiktheaters im Revier“, welcher Hilsdorf 1981 zu seiner ersten Opernregie überredete (heute ist er fast ausschließlich im Musiktheater-Bereich tätig). Es handelte sich um „Eugen Onegin“, und der Rezensent hat die Aufführung noch deutlich vor Augen. Solisten waren Sue Patchell, Scot Weir, John Janssen – und Marga Höffgen als Flipjewna. Der Stil des Regisseurs hat sich in den letzten drei Jahrzehnten deutlich verändert. Die „Frechheiten“ von früher sind hier und da noch bei Wiederaufnahmen in Essen zu spüren, bei Neuinszenierungen bevorzugt Hilsdorf, meist in Zusammenarbeit mit DIETER RICHTER (Bühne) und RENATE SCHMITZER (Kostüme, auch diesmal einfallsreich), jedoch eine realistisch-dekorative Erzählweise, was aber nicht heißen soll, dass es seinen Interpretationen nun an kluger Werkdurchdringung fehlen würde.

 Auf der Gelsenkirchener Bühne steht einmal mehr ein schwerwandiger Einheitsraum, welcher sowohl als Treffpunkt von vergnügungssüchtigen Offizieren (Spielsalon „L’Enfer“) wie auch als Etablissement leichter Mädchen („Le Balcon“) dient. Ja, und tatsächlich: die Gräfin fungiert als veritable Puffmutter. Beim Einzug der „Zarin“ lässt sie sich, prachtvoll herausgeputzt, noch einmal feiern wie in längst vergangenen Tagen. Diese personale Mutation hat durchaus Einiges für sich. Schwieriger wird unter diesen Umständen die Deutung Lisas. Eine der käuflichen Frauen ist sie sicher nicht, auch wenn man an Hilsdorfs Kölner Tatjana vom Vorjahr denkt, bei der eine vorübergehende Gossenkarriere angedeutet wurde. Aber die Anhänglichkeit an ihre Großmutter wirkt im jetzigen Ambiente weniger plausibel. Die heiße Liebe Hermanns für sie und die moderat artikulierte Zuneigung des Fürsten Jeletzki bleiben hingegen glaubhaft. Vermutlich mit voller Zustimmung des Dirigenten Rasmus Baumann hat Hilsdorf die zweite Strophe von Tomskis Lied über die „russische Venus“ der Sängerin der Gräfin übertragen, und die Gouvernante ist zu einem transvestitischen Diener geworden (mit Gusto gespielt von MATTHIAS KOZIOROWSKI), welcher der greisen Dame in ihrem Boudoir (der Mittelteil des Bühnenbildes dreht es herein) letzte kleine erotische Aufmerksamkeiten schenkt.

 Triftig gelingt es dem Regisseur zu zeigen, wie die Leidenschaften Hermanns (für Lisa hier, für das Spiel dort) von Anfang an eng miteinander verwoben sind und schließlich völlig miteinander verschmelzen. Als die tote Gräfin nach Aufdeckung ihres Kartengeheimnisses die Bühne verlassen hat (eine neue Robe scheint andeuten zu wollen, dass sie nur noch eine Halluzination ist), schlüpft Hermann in ihre ehemaligen Kleider, stülpt sich ihre Perücke über (Anleihe bei Alfred Hitchcocks „Psycho“?). Dass Lisa bei diesem Anblick nicht erschreckt, ist szenisch freilich schlecht konstruiert. Aber die eine oder andere Ungereimtheit muss man bei dieser Hilsdorf-Arbeit nun mal in Kauf nehmen. Mit einem Knalleffekt im wahrsten Sinne des Wortes endet sie. Lisa bringt sich nicht um, sondern erscheint im Spielraum und erschießt Hermann. So bleiben nur Tote und Verzweifelte zurück (zu ihnen zählt auch Jeletzki). Über diesem Finale sollte sich der Vorhang übrigens schneller senken als in der dritten Vorstellung geschehen. Es ist theatralisch nicht eben schicklich, Darsteller für so lange Zeit in ihren tragischen Posen verharren zu lassen, während das Publikum bereits klatscht. Oder war’s nur ein Fehler des Abendspielleiters?

  RASMUS BAUMANN dirigiert klangfarbensatt und spannungsvoll, vor allem das Schlussbild scheint ihn zu herauszufordern. Bei den Sängern zunächst zu Kor-Jan Dusseljee. Der einstige lyrische Tenor (als solcher 1988-1992 in Gelsenkirchen engagiert; der Rezensent erinnert sich noch an seinen Wilhelm Meister) hat sich längst das heldische Fach erobert. Sein vokales Standvermögen bis hin zu einem sicheren hohen C ist wahrlich imponierend. Aber auch Belcanto-Qualitäten stehen im noch voll zur Verfügung, und darstellerisch verausgabt er sich enorm. Dusseljees Comeback nach Gelsenkirchen (vom Publikum mit gesteigertem Beifall begrüßt) verdankt sich übrigens einem tragischen Bühnenunfalls seines Kollegen Lars-Oliver Rühl bei der letzten Vorstellung der „Jenufa“-Neuinszenierung, die abgebrochen werden musste. Wenn er in der für ihn vorgesehenen Partie des Hermann irgendwann auftritt, wird er gegen ein besonders niveauvolles Rollenporträt anzusingen haben.

 PETRA SCHMIDT verkörpert die Lisa mit leuchtkräftigem Sopran und gibt auch darstellerisch ein beeindruckendes, zu Herzen gehendes Porträt. Wie immer persönlichkeitsstark zeigt sich PIOTR PROCHERA auch als Tomski, mit WILLIAM SAETRE, DONG-WON SEO, JOACHIM GABRIEL MAASS und E. MARK MURPHY als wackeren Spielkumpanen um sich. Das Lied der Polina gestaltet ALMUTH HERBST mit sanftem, aber auch üppigen Mezzo, während MICHAEL DAHMEN als Jeletzki etwas schmalspurig bleibt. Die Gräfin versieht GUDRUN PELKER mit angemessener Aura.

  Im Gegensatz zu vielen mittleren und sogar kleinen Theatern, wo selbst entlegene Originalsprachen inzwischen obligatorisch sind, „leistet“ sich Gelsenkirchen bei „Pique Dame“ die deutsche Übersetzung von Bettina Bartz und Werner Hintze. Das Haus bleibt bei seinen Leisten.

 Christoph Zimmermann

 

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