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GELSENKIRCHEN: DIE FRAU OHNE SCHATTEN. Neuinszenierung

05.10.2014 | KRITIKEN, Oper

GELSENKIRCHEN: DIE FRAU OHNE SCHATTEN                    Zweitvorstellung 5. Oktober

                                                                                               (Premiere: 28. September)

 Im Strauss-Jahr als repräsentative Produktion die „Frau ohne Schatten“ zu wählen, macht besonderen Sinn. Immerhin umschließen die Jahre ihrer Entstehung (1913-1919) die des ersten Weltkrieges, an den derzeit ja auch nachdrücklich erinnert wird. Aus diesem Faktum leitet MICHAEL SCHULZ, Intendant am Musiktheater im Revier (MiR), seine interpretatorische Grundidee her. Die Inszenierung war am koproduzierenden Staatstheater Kassel bereits im Mai dieses Jahres zu sehen, von dort wurde auch die Statisterie übernommen.

Strauss war ein ausgesprochen ich-bezogener Mensch und Künstler. An seinen Werken hing er, da mochte ruhig die Welt um ihn herum untergehen. Die nach 1945 komponierten „Metamorphosen“ sind – so meint man es jedenfalls zu hören – wirkliche Schmerzensmusik. Aber Strauss trauerte vor allem um den Untergang vieler Opernhäuser, die nun (bis auf weiteres) seine Bühnenwerke nicht mehr würden spielen können. Mitten im Zweiten Weltkrieg tändelte er bei „Capriccio“ um das ewige Wort-Ton-Verhältnis herum, als ob damals kein wichtigeres Thema angestanden hätte. Nun gut, es gab immerhin „Friedenstag“. „Frau ohne Schatten“ wurde zwar schon vor dem Ersten Weltkrieg begonnen, geriet dann aber doch zu einer Vogel-Strauss-Oper. In jüngerer Zeit haben zwei Inszenierungen den Finger auf die Wunde gelegt: Peter Konwitschny mit „Daphne“ 1999 in Essen (Schlussszene) und Christian von Götz mit „Capriccio“ (Edinburgh 2007, anschließend Köln 2009).

 Michael Schulz beginnt mit einem neutralen Bild (Auftritt Kaiser). Die nachfolgende Szene der Kaiserin gibt mit dem symmetrischen „Zauberflöten“-Himmel Friedrich Schinkels von 1816 einen Verweis darauf, dass Strauss und sein Librettist Hugo von Hofmannsthal bei ihren Stoffvorlagen u.a. Mozarts Oper im Visier hatten. Von diesem „unschuldigen“ Ambiente führt die Inszenierung aber bald in eine gefährdete Realität, die nämlich des Krieges. In einer Fabrikhalle (Ausstattung: DIRK BECKER) arbeitet das Färber-Ehepaar lädierte Kriegskleidung auf. Die Brüder Baraks sind bereits zu Krüppeln geworden. Dessen Mitgefühl für sie überträgt sich auf viele andere, welche sich zu ihm flüchten. Auch die Färberin wird, trotz aller zur Schau getragenen Härte, von all dem Leid angerührt (Finale 1. Akt). Schulz gönnt dieser Frau auch ansonsten etliche Akzente der Anteilnahme. Ein kurzes Streichen durch Baraks Haar zeigt an, dass in ihrem Geifern gegen den Gatten viel Aufgebauschtes mitschwingt. Auch die Amme zeigt in einer stummen Hintergrundszene mit dem „Jüngling“ irgendwann, dass ihr Menschenhass Grenzen kennt.

Die problematischste Figur der Oper ist der Kaiser. Ihn als „Jäger und Verliebten, uns sonst nichts“ zu charakterisieren, ist noch höflich. In Gelsenkirchen wird er (von RENÉE LISTERDAL in eine Uniform gesteckt) sogleich als Militarist vorgeführt. Er muss die Kaiserin mit seiner Mannespotenz in der „Trunkenheit der ersten Stunde“ wohl überwältigt haben. Aber das noch unreife Mädchen lebt eine rein intuitive, naiv begeisterte Liebe, findet erst langsam, dann allerdings umso überzeugter zu Mitleidsfähigkeit. Dass ihr Gatte, welcher in einer Szene Exekutionen ausführt, ein brutaler Hund ist (das “Er wird zu Stein“ kann man jetzt als Verhärtung des Herzens auslegen), will die Kaiserin auch am Schluss nicht ganz wahrhaben und fügt sich seiner kalten Dominanz. Der finale Hymnus ist eine Zeremonie, wo immer noch der Mann das Sagen hat. Den überfrohen Barak lässt der Potentat nicht an sich heran. Zuletzt wird noch ein Delinquent zum Erschießen geführt. Der C-Dur-Jubel von Straussens Musik samt Kinder-Raunen bleibt äußerliches Dekor.

Nicht alle Assoziationen von Michael Schulz mögen völlig aufgehen (der Cello und Violine top-synchron spielende „Jüngling“ INGO SCHILLER beispielsweise ist lediglich eine romantische Figureneinblendung), aber sie wirken – jenseits von Märchengeheimnissen angesiedelt – hintergründig und schmerzhaft. So darf, so muss man mit Strauss umgehen. Die Publikumsreaktionen in der Premiere waren dem Vernehmen nach durchwachsen, die besuchte 2. Vorstellung (bestens besucht und mit viel Senioren-Anteil) wurde einschränkungslos bejubelt.

 Nun hat das MiR aber auch ein exzellentes musikalisches Team zur Hand. RASMUS BAUMANN lädt mit der NEUEN PHILHARMONIE WESTFALEN die breite Ausdruckspalette der Strauss-Musik wie mit Feuerflammen auf, beschwört aber auch ihre fragilen Klangreize höchst subtil. Bei den Gastsängern besticht vorrangig SABINE HOGREFE als Färberin mit großem vokalen Emotionsradius und liefert auch darstellerisch markante Impulse. YAMINA MAAMAR als Kaiserin verzehrt sich förmlich im Singen, eine leicht grelle Höhe lässt sich in Kauf nehmen. Den Kaiser gibt MARTIN HOMRICH sattelfest, aber nicht sonderlich strahlend. URBAN MALMBERGs Barak-Porträt ist ausgesprochen sympathisch, als Sänger kommt er konditionsmäßig freilich an Grenzen. Dass er vor einigen Jahren den Wotan verkörperte, möchte man so recht nicht glauben. In die Rolle der Amme wirft sich Ensemblemitglied GUDRUN PELKER mit stimmlicher und darstellerischer Verve hinein. Diese Partie liegt ihr ungeachtet der hohen konditionellen Anforderungen besser als kürzlich die Küsterin in „Jenufa“. Ein properes Trio von Barak-Brüdern ist mit PIOTR PROCHERA, JOACHIM G. MAAß und WILLIAM SAETRE zu sehen. Den Falken verkörpert DORIN RAHARDJA als Soldatin, mit welcher der Kaiser eine Liaison hat, bevor er sie absticht. Etwas zu röhrig klingt der Geisterbote von DONG-WON SEO.

 Die Aufführung gibt zu mancherlei Nachdenken Anlass und dringt in ihren besten Momenten in die „Tiefe des Herzens“. Das ist viel, sehr viel.

 Christoph Zimmermann

 

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