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O. G. Bauer: DIE GESCHICHTE DER BAYREUTHER FESTSPIELE

06.08.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover  Bayrueth 1~1  BuchCover  Bayrueth 2~1

Oswald Georg  Bauer:
DIE GESCHICHTE DER BAYREUTHER FESTSPIELE
2 Bände in Schuber, 1292 Seiten, Deutscher Kunstverlag, 2016 

Bayreuth ist immer eine gewichtige Angelegenheit, hier ist es auch eine schwere: Die kolportierten „sieben Kilo“ Lebendgewicht glaubt man aufs Wort, wenn man die beiden voluminösen Bände in Schuber in die Hand nimmt. Gemütliche Lektüre ist das nicht, so nebenbei ins Bett mitnehmen kann man so etwas nicht – diese Bücher muss man vor sich auf den Tisch legen, anders sind sie logistisch gar nicht zu bewältigen.

Zum ausführlichen Lesen Seite für Seite brauchte man wohl Monate (ein Unternehmen, dem sich die echten Wagnerianer gerne unterziehen werden). Die erste Annäherung an dieses Kompendium besteht allerdings darin, zu blättern, „Bilder zu schauen“ und sich hier und dort fest zu lesen.

Die Rede ist von „Die Geschichte der Bayreuther Festspiele“ von Oswald Georg Bauer, der ein Buch wie dieses nur erstellen konnte, weil er, wie man weiß, seit Jahrzehnten in Bayreuth mitgelebt, mitgeschrieben und gesammelt hat. Wobei er allerdings für sein Riesenwerk zum 140. Geburtstag der Festspiele eine grundlegende Entscheidung getroffen hat – denn an sich würde man von einem Buch, das 2016 erscheint, erwarten, dass es von 1876, dem Jahr der ersten Festspiele, zumindest bis 2015 reicht.

Bauer hingegen beginnt 1850 und endet im Jahr 2000. Ersteres begreift man – das Festspielhaus mit allem, was es repräsentierte, war ja nicht einfach plötzlich „da“. Wie viel theoretische und reale Vorarbeit darin steckte, einen Traum Wirklichkeit werden zu lassen, muss man ja erst einmal ermessen. Bauer gibt sich bis Seite 88, bis er bei den ersten Festspielen ist, da kommt schon Material zusammen, um die ungeheure Leistung, die Wagner nicht nur als Dichter / Komponist, sondern auch als Konstrukteur seines eigenen Lebens und seiner künstlerischen Selbstverwirklichung geleistet hat.

Die Schilderung der jeweiligen Vorstellungen nimmt in der Folge so breiten Raum ein wie die die Hintergründe der Arbeit sowie die Rezeption, unter besonderer Berücksichtigung der Interpreten (und vieles ist durchaus persönlich gefärbt, aus der Sicht eines Mannes, der eine Meinung dazu hat). Das überaus reichhaltige Bildmaterial, wo immer möglich in Farbe, liefert genaue Vorstellungen, wie die Ästhetik sich im Laufe der Zeit wandelte.

Band 1 mit seinen 724 Seiten reicht von 1850 bis 1950, und schon hier verwundert die Struktur ein wenig, denn es wäre sinnvoller erschienen, nach dem Zweiten Weltkrieg auch mit dem zweiten Band neu zu beginnen. Auch dieser folgt dem Prinzip einer bebilderten Schilderung von Jahr zu Jahr, wobei man dem potentiellen Leser immer näher kommt und er sich anhand der Fotos an vieles erinnern neu wird (Der „Aha“-Effekt des Bekannten…)

Dankenswert auch wieder die oft minutiöse Beschreibung der Inszenierungen, etwa von Chereaus „Ring“. Dankenswert ebenso, dass die Bebilderung zwar mit wenigen Einzelfotos auch das Promi-Rundum (Prinz Charles schüttelt Wolfgang Wagner die Hand) einbezieht, aber keineswegs eine Schicki-Micki-Bayreuth-Story gibt: Hier gilt’s der Kunst.  Ebenso lobenswert, dass keinesfalls versucht wurde, Bayreuth apologetisch schön zu schreiben – da liest man viele (auch berechtigte) Einwände, der Presse, des Publikums, und auch des Autors.

Dass Oswald Georg Bauer der „Mann von Wolfgang Wagner“ war, dessen Arbeit er von 1974 bis zu dessen Tod begleitet hat (man erinnert sich an ihn auch noch aus dem Pressebüro), weiß man, er hat über den so wichtigen Wagner-Enkel und Chef auch ein Buch geschrieben, und dass dieser Wolfgang Wagner in seiner gewaltigen Leistung vor allem organisatorischer Natur immer unterschätzt wurde, setzt sich als Erkenntnis auch langsam durch.

Warum Oswald Georg Bauer sein Buch (Band 2 hat 568 Seiten, da wäre ja wohl noch was „drinnen“ gewesen) mit der Jahrtausendwende beendet, ist schon deshalb nicht einzusehen, weil ja die Ära Wolfgang Wagner, die wirklich als Ganzes zu betrachten wäre, erst 2008 endete und Katharina und Eva, denen sehr wenig Platz eingeräumt wird, erst 2009 „an die Macht“ kamen. Die letzten 15 Jahre der Festspiele, die in unserem Jahrhundert, dann auf gerade zehn Seiten abzuhandeln, erscheint seltsam.

So sehr man ein Werk wie dieses auch bewundert und wie oft man sich mit Hilfe dieses Buches an Inszenierungen, Sänger und auch die obligaten Bayreuther Erregungen erinnern wird, so bleiben doch auch noch andere Einwände. Die knapp 1300 Seiten sind, zweispaltig beschrieben, hervorragend genützt, es bleibt kein weißer Fleck. Aber wirklich übersichtlich sind sie nicht. Die kleinen, hellblau gehaltenen Zwischentitel helfen nicht immer bei der Orientierung, wann und wo man sich gerade befindet –  so schön und „elegant“ das Buch ist, wirklich übersichtlich ist es nicht. Ohne den neumodischen, wirren Layouts das Wort reden zu wollen, hätte da einiges zur Strukturierung geschehen können.

Und vor allem fehlen schmerzlich die Besetzungszettel. Gewiß, man weiß, dass die Bayreuther Festspiele im Internet ein hervorragendes Archiv zur Verfügung stellen, wo man die Besetzungen der einzelnen Jahre relativ schnell abfragen kann. Dennoch wäre es absolut kein Fehler gewesen, diese Informationen  zumindest der Neuinszenierungen hier einzufügen – und sei es in Form der jeweiligen  Besetzungszettel. (Und gegen eine vollständige Aufzählung, welche Bayreuther Inszenierungen es auf DVD gibt, hätte man in diesem Zusammenhang auch nichts gehabt.)

Für Bayreuth-Fans unentbehrlich, das ist keine Frage, die 128 Euro sind es vermutlich jedem Festspielbesucher wert, der für eine einzelne Karte schon mehr ausgibt – und hier das umfassende Kompendium bekommt. Erinnerungsarbeit für Wagnerianer im allgemeinen und Bayreuthianer im besonderen.

Renate Wagner

 

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