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FÜR SICH SEIN: EIN ATLAS DER EINSAMKEITEN

27.09.2021 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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FÜR SICH SEIN:
EIN ATLAS DER EINSAMKEITEN
von Johann Hinrich Claussen und Ulrich Lilie
248 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2021 

Die Pandemie währt inzwischen lange genug, dass man ihre Analysen nicht Journalisten und Hobbytheoretikern überlassen muss. Die in den Anfängen, vor der Impfung nötigen Lockdowns haben das Thema der Einsamkeit – der unfreiwilligen Trennung von den Mitmenschen –  besonders aktuell gemacht. Johann Hinrich Claussen und Ulrich Lilie, beide hohe Funktionäre der Evangelischen Kirche Deutschlands, legen nun Erkenntnisse dazu vor.

Sie arbeiten dabei auf mehreren Ebenen – auf jener der aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen, mit historischen Beispielen, mit Ausflügen in die Literatur.

Was vor allem amerikanische Universitäten zur „Einsamkeit“ erforscht haben, scheint großteils auf der Hand zu liegen. Nämlich, dass Menschen ganz unterschiedlich, je nach ihrer persönlichen Disposition, darauf reagieren. Dass die Umstände, unter denen man Einsamkeit erleidet, einen entscheidenden Faktor darstellen. Jedenfalls ist Isolation eine extreme Erfahrung, weil man davon ausgehen kann, dass der Mensch als soziales Wesen geprägt ist – von dem Augenblick an, da eine Mutter ihr Baby an sich drückt und ihm damit „Nähe“ vermittelt.

Des weiteren haben die Autoren das Thema nach allen möglichen Gesichtspunkten facettiert. Denn es gibt schließlich zahllose Arten von Einsamkeiten, die unfreiwilligen (etwa im Gefängnis), aber auch viele freiwillige. Da spielt dann die Natur in vieler Hinsicht eine Rolle, die den Menschen aus der menschlichen Gesellschaft, die er aus welchen Gründen auch immer, meiden will, heraus holt.

Wobei die Natur nicht unbedingt erbaulich sein muss, wenn der Mensch sich prüfen will – der ägyptische Antonius ging in die Einsamkeit der arabischen Wüste, fromme Männer suchten sich mit Skellig Michael die denkbar unzugänglichste Steininsel an der irisichen Küste, um dort ihr Kloster zu errichten. Meister Eckhart wiederum wurde der Vater einer mystischen Abgeschiedenheit, die sich innerlich von den Menschen fern hielt.

Ob Waldeinsamkeit (die heilige Genoveva), ob das freiwillige Einschließen in der Studierstube (Isaac Newton), Menschen fanden ihre individuellen Formen, sich in sich selbst zurück zu ziehen. Raus aufs Land! beschloß Petrarca, nur abseits des städtischen Lebens könne man Frieden finden (eine bis heute „moderne“ Haltung), Hier finden die Autoren aber dann auch die negativen Seiten dieser stolzen Einsamkeit, die die Massen verachtet und sich den Mitmenschen gegenüber unfreundlich zeigt…

Mode wurde vielfach das „grüne Alleinsein“, vielleicht ein Natur-Pendant zur Kavaliersreise – erwachsene Männer, die sich aufmachten, monatelang unruhig durch die Natur zu wandern, weg vom Streß des täglichen Lebens, hin zu den Freuden des Alleinseins.

Aber dann  gibt es natürlich noch die negativen Seiten der Einsamkeit mit erschütternden Schicksalen – wenn beispielsweise beschrieben wird, wie sich homosexuelle Menschen mit ihrem Geheimnis in sich selbst zurück ziehen mussten, um sich nicht zu verraten und der gesellschaftlichen Ächtung auszusetzen. Mutterseelenallein sind Menschen, die ihre Mütter verlieren (als Beispiel wird von Aharon Appelfeld erzählt, der im KZ von seiner Mutter getrennt wurde und sie nie wiedersah). Und die japanischen „Hikkimori“, die ihre Zimmer nicht verlassen aus Angst vor dem Leben „draußen“, das die Japaner in ein gnadenloses Leistungssystem und starre gesellschaftliche Normen hineinzwingt, aus denen es kein anderes Entkommen gibt – als sich selbst einzusperren und so in der Einsamkeit zu verschwinden.

Wie das Alter selbst gewählte Einsamkeit hervorrufen kann, wird an den Beispielen von Greta Garbo und Marlene Dietrich erzählt, überaus erfolgreiche Frauen, die sich zurück zogen, als sie dem Bild, das die Welt von ihnen hatte, nicht mehr entsprechen konnten… Letztlich schlagen die Autoren den Bogen bis zur Gefängnisseelsorge und bis zu einem „Einsamkeits-Ministerium“ (das gibt es wirklich)…

In der Kunst sind allerlei Beispiele zu finden, wenn man sie sucht, von der konzentrierten Form des Haiku bis zur gemalten Einsamkeit des Caspar David Friedrich oder die Traurigkeit  des portugiesischen Fado. Die Autoren haben Gedichte über die Einsamkeit gefunden und Zitate –  viele Dichter verkündeten diese Sehnsucht auf alles andere als oberflächliche Weise (wie etwa Kafka). Kurz, das Bild rundet sich mit vielen unerwarteten Überlegungen zum Thema.

Renate  Wagner

 

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