Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

FREIBURG/ Theater: HULDA von Cesar Franck. Premiere

Proud to be black

17.02.2019 | Allgemein, Oper

César Franck: Hulda, Theater Freiburg, Premiere: 16 02.2019

Proud to be black

Warum führt man, werden sich sicher die Zuschauer, die das Haus in der Pause verlassen haben, gefragt haben, die Oper nicht  so auf, wie es im Libretto steht? Weil, so lautet die Antwort, César Franck das Norwegen des 11. Jahrhunderts nicht freiwillig gewählt hat und das Libretto Probleme behandelt, die zur Entstehungszeit der Oper aktuell waren und es heute noch genauso sind. Und die lassen sich besser mit Bildern zeigen, die der Zuschauer von heute kennt. Und da gehört das mittelalterliche Norwegen weniger dazu.

«Hulda» ist die dritte von vier Opern des belgischen Komponisten César Franck. 1882 bis 1885 komponiert, wurde sie am 4. März 1894 posthum in der Oper von Monte Carlo in stark gestrichener Fassung uraufgeführt. Nach nur drei Aufführungen abgesetzt gab es bis 1895 noch weitere, ähnlich kurze Aufführungsserien dergleichen Fassung in Den Haag und Toulouse. Seither ward das Stück nicht mehr gespielt.

Das Libretto zu «Hulda» basiert auf dem Drama «Halte-Hulda» (1858) des Norwegers Bjørnsterne Martinius Bjørnson (1832-1910), geschrieben hat es der Franzose  Charles Jean Grandmougin (1850-1939). Bjørnson, der 1903 den Literatur-Nobelpreis erhielt, war auch politisch sehr vielfältig aktiv: er setzte sich für internationale Schiedsgerichte zur Schlichtung zwischenstaatlicher Konflikte ein, war Mitglied des für den Friedensnobelpreis zuständigen Komitees, mischte sich in die Dreyfus-Affäre ein und nahm dezidiert Stellung zum Nationalitätenkonflikt in der Habsburgermonarchie. «Halte-Hulda» ist ein frühes Werk Bjørnsons, in dem er sich als republikanischer Patriot (Dichtung der Nationalhymne, Einsatz für ein einheitliches Schrift-Norwegisch) mit der norwegischen Geschichte und der Unterdrückung der Norweger auseinandersetzt. Da Norwegen von 1380 bis 1814 dänisch war, musste er dazu tief zurück ins Mittelalter.

Was mag nun César Franck bewogen haben dieses Stück als Vorlage seines Librettos auszuwählen?  Ende der 1870er-Jahre bemühte sich der lebenslang um Anerkennung kämpfende Non-Konformist um die Stärkung seiner institutionellen Position (Professor der Orgelklasse am Konservatorium). Dazu wollte er sich in drei Bereichen bewusst mit einem neuen Werk profilieren: an der Orgel, in der Kammermusik und im Musiktheater. Franck, der tief religiös war und dem christlichen Humanismus (Hugues Felicite Robert de Lamennais; Verbindung des Katholizismus mit dem liberalen und progressiven Gedankengut der Aufklärung) anhing, wollte, entsprechend seinem Verständnis des Künstlers als Missionar und Prediger, zu Themen seiner Zeit Stellung beziehen: die gewaltsame Auseinandersetzung unter Nationen und die Folgen von Unterdrückung und Unterwerfung. Während der Kompositionszeit hatte zudem das Interesse Europas an Afrika stark zugenommen:  von 1874 bis 1877 hatte der Engländer Henry Morton Stanley mit der Erforschung des Kongobeckens den letzten «weissen Fleck» Afrikas beseitigt. Bei dieser «Erforschung und Zivilisierung» Afrikas spielte der belgische König eine führende Rolle.

Um den Konvention der Grand Opéra (der Klavierauszug bezeichnet das Werk als Opéra/legende scandinave 4 Akte und 1 Epilog) Genüge zu tun, musste Grandmougin tief in die Struktur der Vorlage eingreifen und hat dabei auch die Gewichtung der Charaktere verändert. Hulda wurde aufgewertet, ihre Gegenspielerin Swanhilde deutlich abgewertet.

Für die aktuelle Freiburger Produktion haben Fabrice Bollon und sein Team Archiv-Arbeit betrieben und konnten eine vollständige Fassung der «Hulda» erstellen. Die Fassung der Freiburger Aufführung enthält dann leider doch wieder Striche um das theaterpraktische Mass von drei Stunden zu erreichen. Vielerorts scheint dieses Mass immer noch heilig zu sein… Zudem wurden aus vier Akten und einem Epilog ein Prolog, drei Akte und ein Epilog. (Das Programmheft gibt leider weder über die für Freiburg erstellte Fassung noch die Striche in Freiburg und Monte Carlo/Den Haag/Toulouse Auskunft.)

Der Inhalt der Oper wäre nun folgender: Hulda, aus dem Stamm der Hustawicks, wartet mit ihrer Mutter auf die Rückkehr des Vaters Hustawick von der Jagd. Plötzlich werden sie von Kämpfern aus dem Stamm der Aslaks umstellt: Hustawick wurde getötet, sein Gefolge besiegt. Hulda wird an den Hof Aslaks entführt, wo sie Aslaks Sohn Gudleik heiraten soll. Huld schwört die Ermordung ihres Vaters zu rächen. Zwei Jahre später kommt es zum Eklat: Gudleik entdeckt seine Eifersucht auf den Ritter Eiolf, in den sich Hulda in ihrer Zeit am Hofe Aslaks verliebt hat. Im Rahmen der Hochzeitsfeierlichkeiten kommt es zum Kampf auf Leben und Tod und Eiolf erschlägt Gudleik. Nun sieht Gudleiks Bruder Arne seine Chancen gewachsen und erklärt Hulda seine Liebe. Nachts sind alle Katzen schwarz und so verwechselt Aslak Eiolf, den er erwartet hatte, und Arne, den er dann umbringt. Am Hof trifft Eiolf auf seine ehemalige Geliebte Swanhilde und entdeckt, nach einem Liebesgeständnis ihrerseits, seine Liebe zu ihr neu. Von Eiolf ausrangiert, schwört Hulda diesem Rache und gewinnt die überlebenden Söhne Aslaks zu ihrer Unterstützung. Im Epilog ermorden die Aslak-Brüder Eiolf und werden dann von Eiolfs Gefolge umgebracht. Hulda begeht Suizid.

Regisseur Tilman Knabe (Studium der Katholischen Theologie, der Theaterwissenschaft und der Theaterregie) hat sich für eine Aktualisierung der Oper entschieden und lässt Hulda in einem kongolesischen Township spielen. Bei seinem Konzept gilt es an seinen persönlichen Stil, die Neigung zur genauen Darstellung von Gewalt auf der Bühne zu berücksichtigen und dann die Frage zu stellen, wie weit die Gewalt schon im Libretto (wie vom Theater behauptet und zur Begründung des Verschwindens der Oper von den Spielplänen herangezogen) vorhanden ist und wie weit sie der Arbeit des Künstlers entspringt. Kaspar Zwimpfer (Bühnenbild) hat Knabe für seine Inszenierung auf der Drehbühne einen Aufbau geschaffen, der Township (hier im Sinne einer fremdbestimmten Siedlungsstruktur) oder Anwesen des Warlords sein kann. Das Anwesen zeigt sich als zerschossenes „Hotel Leopold II“ (Leoplod II: 1865-1909 König der Belgier) und verweist zusammen mit der Behauptung der Afrika-Konferenz als Inspiration Francks und der Inspiration des Regisseurs durch den Dokumentarfilm „Cahier Africain“ (2016, Regie und Drehbuch von Heidi Specogna) auf das Setting im Kongo. „Cahier Africain“ thematisiert die in einem Schulheft dokumentierten Verbrechen kongolesischer Söldner von Oktober 2002 bis März 2003 an 300 zentralafrikanischen Frauen, Mädchen und Männern und im Laufe der Inszenierung wird wiederholt vermittelst eines Schulhefts auf diese Inspirationsquelle hingewiesen. Kostüme (Eva Mareike Uhlig) und Beleuchtung (Dorothee Hoff) ergeben zusammen mit den Aufbauten und der Ausstattung, zu der auch mehrere Autos gehören, ein durchaus stimmiges Bild wie gleich zu Beginn der Oper, als der Alltag der Frauen und Kinder im Township, das Beschaffen von Nahrung und Wasser gezeigt wird. Wenn dann aber, wenn der Chor davon singt, dass der Wind in den Bäumen jammert und die Wellen am Ufer brechen, erste Gewehr-Salven ertönen, gleitet die Inszenierung ins Regie-Theater ab, ein Theater in dem die Ideen/Meinungen des Regisseurs Übergewicht gewinnen. Nicht schlüssig ist dann auch, wenn Franck im Gebetsduett Huldas Mutter zum Gott der Christen und Hulda zu den Göttern ihrer Ahnen beten lässt, dass Huldas Mutter in Knabes Inszenierung einen Gebetsteppich verwendet. Die Mitglieder des Stammes der Aslak, die in der Oper die Hustawicks, zu denen Hulda gehört, unterdrücken und teilweise ermorden, als Blauhelme (Friedenstruppen der Vereinten Nationen) darzustellen ist dann, bei aller berechtigten Kritik, doch sehr gewagt. Waren im Kongo jemals Blauhelme stationiert?

Bildergebnis für freiburg HULDA
©Tanja Dorendorf 2019

Während Huldas Mutter erschossen und Hulda selbst mehrfach vergewaltigt wird, werden die Leichen ihres Vaters und seiner Getreuen auf der Ladefläche eines Pickups auf die Bühne gebracht. Nach dieser Szene bleibt auf der Bühne eine Schultasche liegen. Während Hulda in dem Schulheft liest, begegnen ihr die vom Regisseur frei hinzuerfundenen Ältesten (die eher an die Flüchtlinge des Jahres 2015 auf der Balkanroute als ein Township im Kongo erinnern). Zum „Hof“ des Warlords, an dem nun eine Doppelhochzeit gefeiert wird, gehört in der Sicht des Regisseurs auch ein prominent beleuchtetes „Bordell“. Für den Schwertkampf auf Leben und Tod, der auf Huldas Begegnung mit Eiolf und Gudleiks Eifersuchtsausbruch folgt und hier ein Ringkampf der mit Hühnerblut eingeschmierten Eiolf und Gudleik ist, wird vor dem Hotel eine improvisierte Arena eingerichtet. Die Bräute Thordis und Hulda werden in die erste Reihe gesetzt. Auch das alte Paar mit dem Heft sieht dann, wie Eiolf Gudleik kalt erschiesst. Während Aslak und Gudrun auf dem Söller des Anwesens überlegen, wie der Tod ihres Sohnes zu rächen wäre, planen eine Etage tiefer Eiolf und Hulda ihre Flucht. Huldas Tochter, Ergebnis der Geschehnisse im Rahmen des Überfalls auf die Hustawicks und Huldas Verschleppung zu den Aslaks nehmen sie mit. Vor der Flucht von Hulda und Eiolf sieht Gudleiks Bruder Arne seine Chancen gekommen und erklärt Hulda seine Liebe. Gemäss Libretto lehnt sie ihn ab. Hier ist sie aber bereit sich ihm hinzugeben, so als ahnte sie, dass gleich Aslak aus dem Verborgenen hervorstürzen würde um den vermeintlichen Eiolf zu rächen. Nach der Pause bezieht Regisseur Knabe dann auch den Zuschauerraum mit ins Geschehen ein, die Inszenierung driftet in Richtung Kapitalismuskritik, mündend in der These: „Imperialismus kann sogar zu einem Holocaust führen“. Für die Presse-Konferenz des „Conglomerat sur le progrès technique du Congo“, bei dem ein Vertrag mit „China Minmetals Corporation“ (die wenig später das Township zwecks Rohstoffgewinnung  räumen und abreissen wird) sind einige Wachen auch im Zuschauerraum positioniert. Blauhelme, Presse und Hostessen führen nun eine Bewegungschoreographie (zu den in den 1920er-Jahren mehrfach bei den BBC-Proms gespielten Ballett-Musiken der Hulda; Choreografie Peter Pruchniewitz). Das Drama nimmt nun seinen Lauf und kulminiert im mit „Im Herzen der Finsternis“ übertitelten (es ist weder angegeben, wer die Texte und Titel ausgewählt hat) Epilog. Bevor Hulda Suizid begeht und von der Ladefläche eines mit Maschinengewehr versehenen UN-Pickup in die Menge schiesst, vertraut sie ihre Tochter dem alten Ehepaar an. Bevor der Vorhang fällt, findet Huldas Tochter ihre tote Mutter und nimmt das Schulheft an sich.

Treibende Kraft hinter der Produktion ist Freiburgs Generalmusikdirektor Fabrice Bollon und die Exzellenzinitiative der Theaterfreunde Freiburg. Immer wieder ermöglichen sie die Aufführung selten gespielter wie zum Beispiel im Juli 2019 Franz Schrekers „Das Spielwerk“ im Konzerthaus Freiburg. Das Philharmonische Orchester Freiburg folgt seinem GMD klangschön und mit viel Energie, die stellenweise etwas gar überschwänglich wird. Die Chöre (Opernchor des Theaters Freiburg und Extrachor des Theaters Freiburg) wurden von Norbert Kleinschmidt vorbereitet.

Bildergebnis für freiburg HULDA
©Tanja Dorendorf 2019

Morenike Fadayomi ist Hulda. Voll und ganz. Mit unglaublicher Kraft steht sie die konditionell wie psychisch schwierige Partie hervorragend durch und begeistert mit ihrer Leidenschaft und Bühnenpräsenz. Juan Orozco (Gudleik), Jongsoo Yang (Arne) und Joshua Kohl (Eiolf) sind die Figuren, die den Kontakt mit Hulda nicht überleben. Im Schatten von Fadayomin und dem Regiekonzept gehen ihre Leistungen leider etwas unter. Anja Jung (Mutter Huldas) singt ein wunderbares Duett mit Fadayomi, Katerina Hebelková (Gudrun) und Jin Seok Lee (Aslak) geben die Eltern von Gudleik, Arne und den anderen Aslak-Brüdern. Irina Jae Eun Park  singt eine etwas scharfe Schwanhilde.

Grosser Jubel im Publikum, der nicht nur spontan war.

Fazit:

  • Gutes Konzept, fragwürdige Umsetzung.
  • Für alle Fans des Regietheater ein Muss.
  • Für alle anderen die lohnende Begegnung mit einer interessanten Rarität. Bereitschaft die Szene auszublenden vorausgesetzt.

Weitere Aufführungen: Donnerstag, 28.02.2019 // 19:00; Mittwoch, 06.03.2019 // 19:00; Sonntag, 10.03.2019 // 18:00; Samstag, 23.03.2019 // 19:00; Samstag, 27.04.2019 // 19:00, Freitag, 03.05.2019 // 19:00; Samstag, 11.05.2019 // 19:00; Freitag, 31.05.2019 // 19:00; Sonntag, 16.06.2019 // 15:00

17.02.2019, Jan Krobot/Zürich

 

Diese Seite drucken