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FREIBERG( Mittelsächsisches Theater: DER ROSENKAVALIER

29.10.2014 | KRITIKEN, Oper

Freiberg: „Der Rosenkavalier“ – 28. 10. 2014

 Nach einer ziemlich zweischneidigen halbszenischen Wiedergabe von Wagners „Tannhäuser“ wagte die Leitung des Mittelsächsischen Theaters mit Richard Straussens Komödie für Musik erneut einen Griff nach den Sternen. Erfreulicherweise darf man dem Regisseur und Ausstatter in Personalunion Sebastian Ritschel eine insgesamt stimmige und ansprechende Arbeit bescheinigen, die angesichts der bescheidenen  Bühnenmaße von Freiberg (und Döbeln) ohne Zweifel für sich einnimmt. Ritschel platziert die Mittelsächsische Philharmonie auf der Hinterbühne linker- und rechterhand eines Laufstegs, der Auftritten und Abgängen des Ensembles dient, ihm den Weg in das Geschehen auf der Vorderbühne ebnet. Die jeweiligen Handlungsorte werden mit spartanischen Mitteln angedeutet. Eine Liege und ein Sessel genügen für das Reich der Feldmarschallin, kostbares Gestühl weist auf die Welt des Parvenüs Faninal hin, aneinandergereihte Tische müssen dem Beisel des letzten Aktes Genüge tun. Mit Bedacht angefertigte Videos (Steffen Cieplik) bringen ihr Übriges für eine entsprechende Atmosphäre ein. Bewusst verweigert sich Ritschel einem optischen Bezug auf das Wien Maria Theresias, auch die Kostüme verweisen auf Zeitloses, wobei die weißen Beinkleider des Octavian deren Trägerin freilich nicht auf den Leib geschneidert sein dürften und das Outfit der Sophie recht ärmlich ausfällt. Oder sollte hier ein Gegensatz zum großspurigen Vater beabsichtigt sein? Ritschel geht es darum, dem „Aufeinandertreffen von Generationen, deren Leidenschaften, Sehnsüchten sowie dem melancholischen Schatten der Vergänglichkeit“ nachzuspüren. Diesen Vorsatz hat der Regisseur beispielhaft in die Tat umgesetzt. Zu erleben war eine für sein Feingefühl sprechende Aufführung, die selbst die Figur des Ochs nicht plumper Komik überantwortet, sondern ihn im Sinne seiner Schöpfer als gewieftes Schlitzohr präsentierte, dem man seine erotischen Abenteuer fraglos abnahm.

Raoul Grüneis sorgte am Pult der um Studenten der Dresdner und Leipziger Musikhochschulen erweiterten Mittelsächsischen Philharmonie, dass der Klangkörper, wennschon keinen „ernsten“, so doch immerhin einen „großen Tag“ für sich verbuchen konnte. Wie der Generalmusikdirektor das ihm anvertraute Orchester souverän durch die Tücken der anspruchsvollen Partitur geleitete, dessen ungewohnte, unmittelbar mit der Szene konfrontierte Platzierung in den Griff bekam, war aller Ehren wert. Dabei geriet ihm der Klangrausch des Komponisten nie zu einer undefinierbaren  Einheitssoße, „schwindsüchtelten“ die seelenvollen Passagen des Werkes an keiner Stelle.           

Darstellerisch imponierte Barbora Fritscher (Octavian) als stürmischer Liebhaber, der das Unverständnis für die ältere Frau nicht unterschlug, das Lausbubenhafte des „Mariandl“ voller Spielfreude ausstellte und die aufkeimenden Gefühle für Sophie dezent andeutete. Leider setzte sie ihren angenehm timbrierten, klangschönen Mezzo über weite Strecken zu ausschließlich im Forte ein – ein Fakt, der in Anbetracht der transparenten Orchesterleistung verwunderte. U. U. offenbarte sich hiermit auch ein stimmtechnisches Problem. Miriam Alexandras Sophie kam mir etwas von des Gedankens Blässe angekränkelt vor, ein Eindruck, der sich gleichermaßen im Vokalen niederschlug. Von ganz anderem Kaliber erwies sich hingegen Leonora del Rio (Marschallin), deren apartes Timbre aufhorchen lässt. Das wäre jedoch nur die halbe Miete, gesellte sich diesem Vorzug nicht eine sichere Technik hinzu, die es der Sängerin ermöglicht, mit einer die Vorstellung dominierenden stimmlichen Leistung von hohem Rang aufzuwarten, die wahrhaft beglückend mit einer dementsprechenden beseelten szenischen Verkörperung voller Adel und Seelengröße korrespondierte. Als Ochs zwang Sergio Raonic Lukovic, wenngleich nicht durchgängig über des Basses Grundgewalt gebietend, das Publikum ohne Mühe in seinen Bann  – ein Kerl von echtem Schrot und Korn, ein erotischer Nimmersatt, den man zweifelsohne liebgewinnen könnte, blitzte nicht hie und da die gefährliche Hinterfotzigkeit dieses Don Juans vom Lande auf. Als italienischer Sänger beeindruckte Frank Unger mit sicherer Höhe, die er vielleicht noch ein wenig unbeschwerter servieren könnte. Bettina Denner und Jens Winkelmann gefielen rollendeckend als stets zur rechten Zeit am rechten Ort auftauchendes Intrigantenpaar. Tobias Horschke hatte die auch  kleinere Aufgaben übernehmenden Damen und Herren des Chores einstudiert.

 Joachim Weise

 

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