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Franz Liszt: TRANSCENDENTAL

01.10.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

CS Liszt

Franz Liszt:
12 Études d‘exécution transcendante,
Konzertetuden,
Paganini Étuden

Daniil Trifonov,
Deutsche Grammophon 2 CDs,

Veröffentlichung: 7.10.2016

Was für ein Teufelspianist!

Daniil Trifonov Klavierspiel zuzuhören gleicht einer gewaltigen Kur für die Ohren. Seine Einspielung der wie besessen fabulierten Konzertetüden von Liszt fliegt einem mit Lichtgeschwindigkeit um alle Sinne. Technische Kühnheit und stilsichere Eleganz sind Epitheta, die auch Franz Liszt als Klangpoeten auf dem Klavier auszeichneten.  Darüber hinaus weiß Trifonov um alle Finessen von Anschlag, fast schon dämonisch vorwärts drängende Intensität und poetisch ausdrucksstarker Klangrede der Liszt‘schen Meisterwerke. 

Das neue Album vereint alle von Liszt geschriebenen Konzertetüden (die die Deutsche Grammophon hiermit zum ersten mal vorlegt), beginnend mit den meisterlichen 12 Études d‘exécution transcendante, den 5 Konzertetüden S 144 und S 155 bis hin zu den sechs Grandes Études de Paganini. Trifonov gibt uns einen Schlüssel zum Verständnis seiner Interpretation, wenn er sagt: „ Liszt setzte seine technische Virtuosität als Mittel ein, um emotionale Extreme besonders deutlich herauszustellen. Mit seinen kühnen harmonischen und strukturellen Innovationen eröffnete er neue Möglichkeiten für die Darstellung von emotionalen und psychologischen Befindlichkeiten in der Musik. Man kann seine Kompositionen als dynamische Abbilder der spirituellen Erlebnisse einer romantischen Seele sehen.“

Die 12 Ètudes d‘exécution transcendante sind durch ihre Tonarten miteinander verbunden und spiegeln die Reise eines Helden wieder. Trifonov macht plastisch alle Wandlungen von der „überschäumenden Energie der Jugend, der fast schon unspielbaren Ungezügeltheit in Mazeppa bis hin zur Wilden Jagd und final der nostalgischen Sehnsucht in Ricordanza und Chasse-neige“ hörbar. Der russische Pianist und Komponist begnügt sich aber nicht mit einer Aneinanderreihung virtuoser bis meditativer Piécen, sondern spannt einen großen Bogen, wo die verschiedenen Stadien dieses Liszt‘schen Heldenlebens einander bedingen und durchdringen. Den heißt, den rasenden Tempi  der kontrastreichen Étuden 1-8 und deren wahnhaft schweifenden musikalischem Gedanken stehen durchaus spannungsgeladene, nichts weniger als gemütliche Ruhepunkte der Étuden 9-12 gegenüber, sondern kompromisslos ehrlichen Reflexionen über das eigene Sein. 

Den zwei letzten Étuden S 145 „Waldesrauschen“ und „Gnomenreigen“ attestiert Trifonov den Charakter impressionistischer musikalischer Gemälde, wie sie Caspar David Friedrichs gemalt hat. Dagegen sind die drei Konzertetuden S 144 mit ihren Bezeichnungen „Il lamento“, „La leggierezza“ und „Un sospiro“ als eine  leichtfüßige Hommage an die italienische Oper zu genießen. In den Paganini Étuden lässt Liszt den Geist von Paganinis berühmten Violinstücken auferstehen. In den beiden letzteren Werken zeigt sich Trifonov ganz von seiner romantischen bzw. poetisch lichten bis nachtschattenen Seite. Langgezogene Rubati und perlend verträumte Melancholie zeugen eher von lyrischem Singen, denn Zurschaustellung akrobatischer Künste. Trifonov verleiht diesen Werken durch sein glühendes sich Versenken und gekonntes Modellieren eine   ganz besondere Dimension existenzieller Dringlichkeit. Berauschend! Aber diesen Rausch  muss man sich in konzentriert hingeneigtem Zuhören erst verdienen….

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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