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FRANKFURT: LA TRAVIATA – konzertant

eine Sternstunde der Oper

08.11.2018 | Allgemein, Oper


Copyright: Barbara Aumüller

Frankfurt: „LA TRAVIATA“ – 07.11.2018

Wenn Musik zu schweben beginnt …

Eine Sternstunde der Oper!

Zur traditionellen Reihe konzertante Opern-Aufführungen der Oper Frankfurt war heute „Il Corsaro“ von Giuseppe Verdi geplant. Leider sagten die beiden vorgesehenen Soprane krankheitsbedingt ab, guter Rat war teuer, aus der Not entwickelte sich die Tugend. Glücklicherweise waren die Herren der Schöpfung gesund, am Hause probte für „I Puritani“ der nächsten Premiere Brenda Rae und somit entschloss man sich „La Traviata“ konzertant aufzuführen – eine kluge wie wunderbare Entscheidung, ein liquides Event der Superlative.

Keine abstruse Inszenierung störte, attraktive Sänger in eleganten Roben mit vortrefflichen darstellerischen Qualitäten schmeichelten dem Auge – nun stand der Konzentration auf das musikalische Geschehen nichts mehr im Wege, Opernherz was willst du mehr?

Brenda Rae gelang ein überwältigendes Portrait der Violetta Valery, dass man aus dem Staunen kaum heraus kam und rechtfertigte die Wahl dieser Oper umso mehr. Bewundernswert respektabel zugleich die außergewöhnliche Legatokultur der Sopranistin, die gesangsprofessorale Phrasierungskunst, in deren Mittelpunkt die Charakterstudie dieser tragischen Figur stand. Bei Rae stimmte einfach alles, ganz besonders die vokale Akkuratesse, die bezaubernde Optik gepaart mit intensiver Darstellung. Bemerkenswert die bruchlose, saubere Intonation, die herrlichen lyrischen Piani, die klangvollen silberhell leuchtenden Höhen gekrönt von schier endlosen schwebenden Tönen. Sicher bewältigte Brenda Rae die Koloraturen im ersten Akt und in komplexen Linienführungen verstand sie es mit ihrer nuancenreichen Stimme diese Frauenfigur zu formen, zu bezaubern und schließlich bis zur finalen Schlussphase zu berühren. Bravissimo!


Mario Chang, Brenda Rae. Copyright: Barbara Aumüller

Einst Ensemblemitglied am Hause kehrt Mario Chang immer wieder als gern gesehener Gast an den Main zurück und sang heute den Alfredo Germont. Optisch charakterisierte der südamerikanische Tenor den Lover mehr zurückhaltend als draufgängerisch, verstand es aber mit vokalen Mitteln und idiomatisch-belcantesker Stimmführung zu punkten. Sein Timbre bebte vor Emotion, vermittelte somit in spontaner Intensität mit klangvoller Mittellage und schmelzreichem Oberbereich besondere Qualität des Vortrags. Mitreißend gestaltete Chang die Cabaletta Oh mio rimorso und krönte mit einem brillanten Acuto, sehr präsent offerierte er sich zudem als vortrefflicher Duett-Partner.

Baritonale Virilität der Sonderklasse vermittelte Zeljko Lucic als vortrefflich gestaltender Giorgio Germont. Auch dieser Sänger war am Hause ein Jahrzehnt Ensemble-Mitglied und startete von hier seine Weltkarriere. Fasziniert lauschte man dieser prächtig fokussierten Stimme welche sich in makellosem Duktus sowohl im dramatischen Aplomb als auch wunderbar nuanciert in mezza voce entfaltete. Lucic offenbarte in Vollendung sein herrliches Timbre zu Wohlklang und Ausdruck, verband in unvergleichlicher Deklamation auch während seiner Duette mit Rae und Chang stilistisch überzeugende Vokal-Welten in hinreißender Interpretation – ein solitärer Verdi-Bariton und absolute Koryphäe.

Das übrige Ensemble jedoch besonders schönstimmig Nina Tarandek (Flora) und Elizabeth Reiter (Annina) sowie die Herren Michael McCown (Gaston, Vicomte), Iain MacNeil (Douphol), Brandon Cedel (d´Obigny), Matthew Swensen (Giuseppe, Bote), Isaac Lee (Diener) und Magnus Baldvinsson (Doktor Grenvil) bewährten sich bestens. Auf hohem Niveau präsentierte sich wiederum der vokal dynamisch, rhythmisch, trefflich ausbalanciert agierende Opernchor (Tilman Michael).

Ich erwähnte es bereits zuvor Wenn Musik zu schweben beginnt, liegen die Gründe vornehmlich beim Dirigenten und Orchester. Ein wahrer Glücksfall war das Engagement und Debüt von Francesco Lanzillotta am Hause einem Maestro der jüngeren Generation, welcher mit dem unvergleichlich aufspielenden Frankfurter Opern- und Museumsorchester wahre Wunder von atemberaubender Klang-Akkuratesse vollbrachte. Bereits die ersten Takte des Vorspiels ließen das orchestrale Ereignis erahnen. Ein rhythmisch pointierter Klangduktus bestimmte das musikalische Geschehen, so muss Verdi klingen und nicht anders! Lanzillotta setzte das Instrumentarium unter Strom, entfachte emotionales Feuer, ließ orchestrale Farben in Feinschliff funkeln. Duftig leicht federnd, spritzig perlend wie Champagner erklang die Partitur (wie man es von einstigen LP/CD- Einspielungen der Scala kennt), glutvoll dramatisch wurden musiktheatralische Effekte betont, stets wachen Blickes den Sängern genügend Raum bietend zum Atmen und zur Entfaltung der Emotionen. Grandioso Maestro!

Das Publikum schien euphorisiert, geizte nicht mit Szenenapplaus und bedachte alle Künstler, Dirigent und Orchester mit 10-minütigen lautstarken Ovationen.

Gerhard Hoffmann

 

 

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