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FRANKFURT: IWAN SUSSASIN – Opernrarität von Michail Iwanowitsch Glinka

07.11.2015 | Allgemein, Oper

Opernrarität in Frankfurt: „Iwan Sussanin“ von Michail Iwanowitsch Glinka (Vorstellung: 5. November2015)

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Überragend in der Titelrolle war der britische Bass John Tomlinson (Foto: Barbara Aumüller)

Die in letzter Zeit des Öfteren mit Preisen ausgezeichnete Oper Frankfurt wartete wieder mit einer sehenswerten Rarität auf: „Iwan Sussanin“ von Michail Iwanowitsch Glinka (1804 – 1857), die als die erste russische Nationaloper gilt. Das auch unter dem Titel Ein Leben für den Zaren bekannte Werk machte Glinka mit einem Schlag zum führenden Musiker Russlands und brachte ihm die Ernennung zum Kapellmeister des Hofchors ein.

Die Handlung der Oper, deren Uraufführung 1836 in St. Petersburg stattfand und deren Libretto Jegori Fjodorowitsch Baron von Rosen und Sergej M. Gorodeckij (Epilog von Wassili Andrejewitsch Schukowski) verfassten, in Kurzfassung: Nach einem Machtwechsel und einem vermeintlichen Sieg über die Feinde laufen die Vorbereitungen zur Hochzeit des heimgekehrten Sobinin und seiner Verlobten Antonida. Als aber die feindliche Macht erneut zum Angriff bläst und in das Haus des Vaters der Braut, Iwan Sussanin, einfällt, wird diesem klar, dass er sofort handeln muss, um das Vaterland zu retten. Noch mitten in der Nacht schickt er seinen Ziehsohn Wanja mit der Warnung vor dem einmarschierenden Heer zu dem geheimen Ort, an dem sich das neue Staatsoberhaupt aufhält. Sussanin selbst führt die Feinde in die Irre und nimmt dafür den eigenen Tod in Kauf.

Regiealtmeister Harry Kupfer verlegt die Heldenlegende aus dem 17. Jahrhundert um den Bauern Iwan Sussanin, der sein Leben für den Zaren opferte, in das 20. Jahrhundert inmitten des Zweiten Weltkriegs. Gemeinsam mit dem Chefdramaturgen Norbert Abels erarbeitete er für die Frankfurter Erstaufführung eine neue Fassung, die der Dramaturg in seiner exzellenten Einführung zum Werk erläuterte, wobei er die Meinung vertrat, dass es sich um keine historische Oper handle, in der die Historie eine protagonistische Bedeutung habe. Iwan Sussanin sei vielmehr ein tragisches Gleichnis, das nach dem Muster der großen klassischen griechischen Tragödien gestrickt wäre. Wie dieses Gleichnis historisch in Erscheinung trete, wäre gar nicht so wesentlich. Deshalb habe man sich für den Vaterländischen Krieg entschieden und in der Neufassung den zweiten Akt, den sogenannten Polen-Akt, von Deutschen bestreiten lassen, die zum Teil auch deutsch singen.

Die Herren Regisseure und Dramaturgen können es nicht lassen, auch historische Opern in eine andere Zeit zu verpflanzen und dabei größere Eingriffe in die Werke vorzunehmen. Dass in diesem Fall dennoch großartige Bilder mit erstklassig choreographierten Massen-Chören entstanden, ist mit Sicherheit der „Theaterpranke“ Harry Kupfers zu verdanken. Das die weite Landschaft Russlands symbolisierende Bühnenbild mit zwei zerstörten Kirchenglocken und der Ruine eines riesigen Torbogens entwarf Hans Schavernoch, die dazu passenden Kostüme Yan Tax. Für die kreative Lichtgestaltung zeichnete Joachim Klein verantwortlich.

Neben der Titelfigur ist der Chor die tragende Säule des musikalisch großartigen Werks. Mit dem Extrachor standen mehr als hundert Sängerinnen und Sänger auf der Bühne, die mit selten gehörter Stimmkraft agierten (Einstudierung: Tilman Michael). Dass der Chor nicht nur sang, sondern in vielen Szenen auch eindrucksvoll spielte, ist ein weiterer Pluspunkt der Inszenierung.

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Bewegende Bilder: John Tomlinson alsIwan Sussanin (rechts) mit seiner von Kateryna Kasper gespielten Tochter Antonida. Foto: Barbara Aumüller

Überragend war der britische Bass Sir John Tomlinson in der Titelrolle. Mit seiner starken Bühnenpräsenz und seiner tiefen, das Opernhaus mühelos füllenden Stimme muss er als die Idealbesetzung für den Bauern Iwan Sussanin angesehen werden. Seine große Arie im vierten Akt Sie ahnen die Wahrheit, in der er Abschied von seiner Familie und seinem Volk nimmt, zählte zu den erschütterndsten Momenten der Aufführung. Seine Tochter Antonida wurde von der ukrainischen Sopranistin Kateryna Kasper verkörpert, die ihre Rolle darstellerisch gut bewältigte, stimmlich jedoch von der deutschen Mezzosopranistin Katharina Magiera in der Hosenrolle des Wanja, ein von Sussanin adoptierter Waisenknabe, übertroffen wurde.

Exzellent in der Rolle des Bogdan Sobinin, Antonidas Bräutigam, war der russische Tenor Anton Rositskiy, der mit seiner warmgetönten Stimme jede Höhe mühelos erklomm. Der junge, bereits mehrfach ausgezeichnete Sänger, der mit seiner italienische gefärbten Arie im 4. Akt zu brillieren wusste, könnte eine große Zukunft vor sich haben. In kleineren Rollen bewährten sich der junge britische Bassbariton Thomas Faulkner als Hauptmann und der in Boston ausgebildete Tenor Michael McCown als Bote.

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, von Sebastian Weigle umsichtig geleitet, überzeugte schon mit der glänzend gespielten Ouvertüre und brachte die gefühlvolle, ins Ohr gehende Musik des Komponisten in allen Nuancen zur Geltung. Das begeisterte Publikum feierte am Schluss das gesamte Sängerensemble, den Chor und das Orchester mit seinem Dirigenten minutenlang mit Jubel- und Bravorufen.

Udo Pacolt

 

 

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