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FRANKFURT: DIE WALKÜRE

28.01.2013 | KRITIKEN, Oper

Frankfurt: DIE WALKÜRE  am 27.Januar 2013 (Werner Häußner)

 Man muss oft in die Oper gehen, um einen jener Abende zu erleben, an denen einfach alles stimmt. An denen sich szenische Schlüssigkeit mit einer zum Nachdenken anregenden und gleichwohl ästhetisch beglückenden Bildwelt verbindet, Orchester und Dirigent sich blendend verstehen, die Darsteller auf tadellosem Niveau singen und spielen, und sich jenes schwer zu beschreibende, packende, bewegende, tiefe Einverständnis zwischen Bühne und Publikum einstellt, das einen großen Opernabend ausmacht. Der Oper Frankfurt ist ein solcher Abend in der Wiederaufnahme von Vera Nemirovas „Walküre“ im derzeit laufenden „Ring“-Zyklus geglückt. Opernchef Bernd Loebe hatte also keinerlei Anlass, grämlich dreinzuschauen: ausverkauftes Haus, eine grandiose Wagner-Deutung: Was will das Intendantenherz mehr?

Wieder zeigt sich, dass Nemirovas unspektakuläre Kunst der Personenführung und Jens Kilians variable Scheibe auf der Bühne stimmig zusammenpassen. In Hundings Hütte unter dem gehobenen äußeren der vier Drehbühnenringe ereignet sich ein Wunder sensibler Darstellungskunst, als Sieglinde (Dara Hobbs) dem ins Wolfsfell gehüllten Siegmund (Frank van Aken) den Quell reicht. Ein anderes „Beziehungswunder“: Das Gespräch Wotans (Terje Stensvold) mit der selbstbewusst auf ihren formalen Argumenten beharrenden Fricka (Tanja Ariane Baumgartner), für die keine Rolle spielt, ob die Ehe aus Liebe eingegangen oder mit Gewalt erpresst wurde. Lieblosigkeit ist es, an der die Ring-Welt zugrunde geht. Wotan weiß das, als er sein Kind Brünnhilde ins Feuer schließt: Bittere Tränen vergießt der Gott, bevor sich der Feuerkreis von oben herabsenkt und Wotan gebrochen den Schauplatz verlässt: ein zu Herzen gehender Moment eindringlichen Theaters.

Sebastian Weigle hat seine Ring-Deutung geschärft: Mit dem wieder einmal ausgezeichnet formierten Frankfurter Orchester setzt er auf passende Tempi und einen moderaten Mischklang. Weigle ist kein Leitmotiv-Vorzeiger, bindet die beziehungsreichen Details eher in einen flexibel geformten musikalischen Fluss ein, als sie plakativ auszustellen. Auch die verweilende Lust an der schönen Stelle kann ihn – anders als etwa Daniel Barenboim – nicht verlocken. Ein schlüssiges, durch und durch überzeugendes Gesamtbild.

Mit der Besetzung steht Frankfurt auf Augenhöhe mit den renommierten Ring-Häusern: Rebecca Teem als Brünnhilde, die sich die Partie in Lübeck – begleitet von der Bewunderung der Presse – erarbeitet hat, erntet die Früchte der Aufbauarbeit; Dara Hobbs als Sieglinde mag im Lauf des Abends Schwächen im Stimmsitz zeigen, gestaltet aber so berührend, dass man technische Fakten vorübergehend schwärmend beiseiteschiebt, Terje Stensvolds Wotan beweist eine heute selten gewordene stimmliche Glaubwürdigkeit und wächst im dritten Aufzug als berührend intensiver Gestalter über sich selbst hinaus.

Ante Jerkunica ist ein Macho-Hunding, dessen gewalttätige Disposition so beängstigend ist wie sein nachtschwarzer Bass. Selten hört man die acht Walküren so klar und präzis singen wie in Frankfurt: Vera Nemirova hat ihnen den Aktivismus ihres „Ritts“ erspart. Statt in Gehopse und Getolle Einsätze zu suchen stehen sie ruhig über einer Halle, in der Uniformierte die Särge von Kameraden aufstellen. Brutale, blechgepanzerte Attacke spielt sich nur in der Musik ab: Der einzige Moment des Abends, den Weigle zu behäbig, zu wenig mit Biss spielen ließ. Dieser „Ring“ ist – nach der legendären Berghaus-Gielen-Tetralogie in den achtziger Jahren und dem reflektierten, in seiner dramatischen Konzentration allerdings etwas abfallenden Wagner-Vierer von Herbert Wernicke in den Neunzigern – ein Kandidat auf die „Hall of Fame“ der Wagner-Inszenierungen. Frankfurt im Glück!

 Werner Häußner

 

 

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