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FLENSBURG/ Landestheater: DIE SCHNEEKÖNIGIN

FLENSBURG/ Landestheater: DIE SCHNEEKÖNIGIN
Familienoper in sieben Bildern von Marius Felix Lange
am 25. Januar 2026 im Stadttheater Flensburg


Die Schneekönigin (Laura Braun) in ihrem eisigen Reich | Foto: Henrik Matzen

Wenn der Teufel einen Spiegel baut, der die Welt und die Menschen nur hässlich und böse zeigt, seinen Gesellen dieser Spiegel aus Unachtsamkeit entzwei geht und dieser in Millionen, Milliarden, Billionen, Trilliarden kleinster Scherben zerspringt, die sich auf der Welt verteilen, so endet es schlimm…

Gerda und Kay sind zwei Kinder, die untrennbar sind, die ihre Liebe zur märchenerzählenden Großmutter und zu ihren wunderschönen Rosen verbindet. Als zwei der verzauberten Spiegelscherben Kay ins Auge und ins Herz treffen, kann auch er nur noch Hässliches sehen. Er verstößt Gerda und wird von der allmächtigen Schneekönigin, die das Land mit Kälte und Eis überzieht, in ihr Reich entführt.

Mit dem Mut der Verzweiflung macht sich Gerda auf den Weg, ihren Kay wiederzufinden. Dabei begegnet sie in einem wunderschönen Garten einer Frau, deren Blumen Märchen erzählen – aber niemand hier weiß etwas über Kays Schicksal. Später trifft sie auf eine eitle aber auch sehr hilfsbereite Krähe, die glaubt, dass Kay von der Prinzessin des Landes geheiratet wurde und führt Gerda in deren Schloss. Doch sie findet ihren geliebten Freund auch hier nicht. Die Reise kann sie nun dank der Prinzessin in einer reich geschmückten Kutsche fortsetzen, die eine gefährliche Räuberhorde auf den Plan ruft. Das Räubermädchen, das diese anführt, nimmt Gerda alle Schätze, zeigt aber ihren weichen Kern, als sie Gerdas Geschichte erfährt. Als die von ihr gefangen genommenen Vögel berichten, dass Kay von der Schneekönigin entführt wurde und ihr Rentier Bäh den Weg ins eisige Lappland beschreibt, schickt sie Gerda mit diesem auf die gefährliche Reise. 

Auf dem Weg dorthin begegnen sie der allwissenden Finnin, die weiß, dass nur Gerdas Liebe ihr die Kraft verleihen kann, der Schneekönigin zu trotzen und ihren Freund zu befreien.

Tatsächlich schafft es das tapfere Mädchen trotz aller Gefahren, in das eisige Reich der Schneekönigin zu gelangen und dort ihren Freund zu finden. Kay ist vergeblich mit einem Rätsel beschäftigt, dass ihm von der eisigen Herrscherin aufgetragen wurde: Er soll ein Wort zusammenfügen: EWIGKEIT. Dank Gerdas Hilfe gelingt dies, ihre Zuneigung zu Kay bricht den Fluch der Spiegelscherben und beide können glücklich nach Hause zurückkehren.

Das Schleswig-Holsteinische Landestheater zeigt anlässlich des 150. Todestages des Dichters Hans Christian Andersen eines seiner komplexesten Kunstmärchen als Oper. Komponist und Librettist Marius Felix Lange hielt sich für das 2016 uraufgeführte Stück eng an die literarische Vorlage.

Die Inszenierung Maximilian Eisenachers, die Bühne und die Kostüme (beides Katharina Heistinger) erschaffen ein Märchen, das die Zuschauer unwiderstehlich in seinen Bann zieht. Ganz besondere Elemente sind die beweglichen Kulissen: Sie sind nach dem Vorbild originaler Scherenschnitte Hans Christian Andersens gefertigt, der sich auch dieser Kunstform mit großer Hingabe widmete. In immer neuen Anordnungen begleiten diese Bilder durch das gesamte Werk, zum Teil auch als Schattenspiel hinter den die Bühne begrenzenden schlichten Vorhängen. An dieser Stelle müssen auch die besonderen Lichteffekte hervorgehoben werden – eine überzeugende Leistung des Beleuchtungsteams.

Zum Leben erweckt wird das Märchen aber vor allem durch die stimmlich hervorragenden und mit ansteckender Spielfreude agierenden Sängerinnen und Sänger. Malgorzata Roclawska schlüpft in die Rolle der Gerda und zaubert mit ihrer wunderschön klingenden Stimme und ihrer Darstellung ein Mädchen auf die Bühne, das über sich hinauswächst und allen Gefahren trotzt. Ihre warmherzige Ausstrahlung, die vor allem im Rosenlied – das als Motiv immer wiederkehrt – zu spüren ist, steht in starkem Gegensatz zu den Gesängen der Schneekönigin (Laura Braun), deren hoher Sopran und beeindruckende eisige Präsenz die Kälte scheinbar bis in die letzten Winkel des Zuschauerraumes dringen lässt. Eindrucksvoll ist deren Kostümierung, eine wie aus Eis und Schnee gefertigte weiße Robe, ebenfalls mit scherenschnittartigen Formen und meterlanger Schleppe. Die Rolle des zunächst fröhlich unbeschwerten und später verzauberten Kay wird von Christian Oldenburg stimmlich und darstellerisch sehr gekonnt umgesetzt.

Von Beginn des Stückes an zeigen Sopranistin Anna Avdalyan als Tölpeltroll und Tenor Dritan Angoni als Trotteltroll gesanglich bestens aufgelegt vor allem ihr komödiantisches Talent. Anders als in Andersens Märchen begleiten die beiden mit dickem Fell bedeckten Trollkinder die gesamte Handlung und müssen – immer in Angst vor der Schneekönigin- versuchen, Gerda von ihrer Suche nach Kay abzubringen. Zum Glück gelingt dies den sich unentwegt miteinander prügelnden und genauso regelmäßig sich versöhnenden zotteligen Wesen („Trollfrieden“) nicht. 

Kai-Moritz von Blanckenburg füllt die Rollen des dämonischen Deubeltrolls, der den unheilvollen Spiegel hervorbringt und des leicht verängstigten Rentiers, das in einer wunderbaren Arie von Lappland träumt, mit Hingabe. 

In den Rollen der liebevollen Großmutter, der Blumenfrau (in eine bunte Tüllexplosion gewandet) sowie der allwissenden – gerade saunierenden – Finnin zeigt Mezzosopranistin Vera Semieniuk ihre stimmliche Kraft und darstellerische Wandlungsfähigkeit.

Als Krähe versprüht Tenor Christian Alexander Müller unwiderstehlich kauzigen Charme, der gekrönt wird durch die „Flüge“, die ihn trampolinspringend in die Lüfte erheben.

Sehr gut gefallen Mayumi Sawada und Dongwon Kang als Prinzessin und Prinz in der vierten Geschichte, deren innige Liebe sich nicht nur in ihren Duetten, sondern auch in ihren identischen, prächtigen Kostümen (die originalen chinesischen Prunkroben nachempfunden sind) widerspiegelt. Frech mimt Anna Stepanets das gefährliche Räubermädchen, das mit allen Mitteln versucht, ihr mitfühlendes Herz zu verbergen.

Hervorzuheben sind an diesem Abend die Leistung des Kinderchores und dessen Kindersolisten (Einstudierung: Oxana Sevostianova) und der Opernchor des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters (Avishay Shalom), die in verschiedenen Szenen und entzückenden Kostümen das Geschehen begleiten. Erwähnenswert ist besonders die dritte Geschichte im Garten der Blumenfrau, in der die Blumen die Märchen „Die Prinzessin auf der Erbse“, „Des Kaisers Nachtigall“ und „Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen“ erzählen. 

Das in großer Besetzung mit überzeugender (aber nicht übertriebener!) Kraft spielende Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester wird von Sergi Roca Bru sicher durch das in großen Teilen schwierige musikalische Werk geführt. Die eher selten wirklich eingängige Musik entfaltet erst im Kontext mit dem fein darauf abzustimmenden Bühnengeschehen ihre imposante Wirkung: Klirrende Kälte und splitterndes Eis sind förmlich spürbar. Sehr aufmerksam und sensibel begleitet der Dirigent den Kinderchor durch das Geschehen.

Dass es sich um eine Familienoper handelt, verkörperte erfreulicherweise das Publikum bei dieser Nachmittagsvorstellung: Viele Eltern und Großeltern mit Kindern und Enkeln, Junge und Alte, die am Ende diesem wundervollen Märchen und allen Mitwirkenden begeisterten Applaus schenkten.

Diese besondere Inszenierung sollte noch sehr viel öfter und in nachfolgenden Spielzeiten zu erleben sein, vereint sie doch in der Magie der Märchenwelt Gedanken über menschliche Stärke, die aus Liebe und Zuneigung erwächst, genauso wie über Schwächen, wie Gefühllosigkeit und bloße Rationalität mit ganz besonderer Musik und zauberhaften Bildern.

Kirsten Poeppel

 

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