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Film: THE 355

08.01.2022 | Allgemein, FILM/TV, KRITIKEN

film the355

Filmstart:  6. Jänner 2022  
THE 355
USA  /  2021 
Regie: Simon Kinberg
Mit: Jessica Chastain, Penélope Cruz, Diane Kruger, Lupita Nyong’o, Bingbing Fan u.a.

Früher waren Julia Roberts, Sandra Bullock oder Catherine Zeta-Jones unterwegs, um in irgendwelchen „Ocean“-Filmen den weiblichen Aufputz zu den männlichen Action-Helden  zu bieten. Diese Generation hat ihre glamourösen Tage hinter sich gelassen, und auf die Seite lassen sich die Frauen von heute  (#wir sind da und mächtig – erfundener Hashtag!) auch nicht mehr schieben,

Also sind diesmal die Frauen an der Reihe, den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Warum nicht? Außerdem sind Action-Routine ja ohnedies so unglaubwürdig, als seien sie Comics in irrtümlicher Menschengestalt… Da macht dieser Film von Regisseur Simon Kinberg absolut keine Ausnahme, der übrigens zugibt, dass die Bond- oder die Mission-Impossible-Filme bewusst als Vorbild genommen wurden. So sehr, dass die weibliche Version so ziemlich belanglos wird.

Als Beispiel des Zeitgeistes ist man diesmal „divers“. Das heißt, eine Rothaarige (Jessica Chastain), eine Blondine (Diane Kruger) und eine Schwarzhaarige (Penélope Cruz), das hat früher schon für drei Engel für Charlie gereicht, denn so neu sind die Frauen-Action-Krimis ja auch wieder nicht. Nur dass hier noch zur Latina der Cruz eine PoC und eine Asiatin dazu kommt, also alles abgedeckt. Die Männer schicken entweder die Damen in die Schlacht oder sie sind die Bösewichte, die bekämpft werden, wobei es hier auf der Männerseite einen eklatanten Mangel an Persönlichkeiten (und schon gar keinen glänzenden Gegenspieler) gibt.

Die Handlung wirkt albern, möge es nie Wirklichkeit werden, dass ein Computerprogramm wirklich „alles“ kann, was man sich an Zerstörung auszudenken vermag. Algorithmen werden also gejagt, aber man braucht noch Leute dazu. Frauen in diesem Fall – Mason Browne (Jessica Chastain), ausgeschickt vom CIA. Sie holt sich eine ehemalige Kollegin vom MI 6 an Bord, die Kryptologin Khadijah (Lupita Nyong´o, die sich als starke Persönlichkeit immer wieder in den Mittelpunkt spielt). Zu dem Team stößt die kolumbianische Psychologin Graciela (Penélope Cruz darf immer wieder Spanisch sprechen). Der deutsche BND schickt zum gleichen Zweck Marie (Diane Kruger, spricht gelegentlich Deutsch, wenn sie daheim ist) aus, und die Damen müssen sich zusammen tun, um den entscheidenden Chip zu finden. Codename 355…

Die Darstellerinnen haben (wenn ihnen das Spaß macht, wahrscheinlich war die Gage groß genug) ein Waffen- und Kampftraining absolviert, und das dürfen sie auch zeigen – im Ringkampf Frau gegen Mann lässt sich Jessica Chastain beispielsweise auch nicht von einem Abendkleid behindern. Außerdem ziehen alle schnell die Waffen und ballern punktgenau (Feuergefechte gibt es reichlich). Zudem gehören zu Filmen dieser Art wechselnde Schauplätze, von Paris nach Marokko (wo sich die PoC-Dame schnell in eine einheimische Muslima verkleidet).

Der Höhepunkt findet dann in Shanghai statt, wo die Ladies in Abendkleidern auftreten – diese ganze Passage des Films würde bei Tom Cruise oder Daniel Craig genau so aussehen – und verhindern wollen, dass der Chip während des Vorwandes einer Kunstauktion parallel im Darknetz versteigert wird… Da (ziemlich spät, zwei Drittel der Geschichte sind gut vorbei) taucht dann als rätselhafte Auktionsbetreiberin Lin mi Sheng (Bingbing Fan) auf, die sich auch als Agentin herausstellt…

Was soll man sagen? Was ist das „Weibliche“ an diesem Film (nachdem der letzte James Bond schon so unerträglich sentimental war)? Dass Penelope Cruz die ganze Zeit jammert, dass sie all das nicht will und bei jeder Gelegenheit mit ihren Kindern skypt. Dass Lupita Nyongo’o  ihrem Boyfriend immer wieder telefonisch versichert, dass sie bald heimkommt? Dass Diane Kruger ein gequältes Seelenleben hat, weil ihre deutschen Chefs ihr eigentlich misstrauen (ihr Vater soll ein russischer Spion gewesen sein, was natürlich nicht wahr ist). Dass die Ladies, die auch ziemlich cool psycho-foltern, ganz besinnlich werden, wenn sie über ihre Aktionen reflektieren? Ja, und nicht nur Jessica Chastain erfährt, dass man Männern absolut nicht trauen darf…

Die Chastain und Lupita Nyong´o haben „Ocars“, von Diane Kruger und Penelope Cruz kann man anspruchsvolle Filme aufzählen, Bingbing Fan ist ein großer Star in ihrer chinesischen Heimat – was kann Frauen solchen Kalibers dazu gebracht haben, so abgegriffenes Popcorn-Kino zu machen?

Und das noch offenbar mit der Hoffnung auf Fortsetzung, denn am Ende verabschieden sie sich mit einer Art von „bis zum nächsten Mal“. Darüber wird wohl der Kassenrapport entscheiden. Als besonders überzeugendes Team haben sie sich, ungeachtet ihrer einzelnen Qualitäten, nicht gezeigt. Liegt vielleicht daran, dass man einfach nur Spionage-Routine abgezogen hat wie immer, statt sich für die Damen etwas Originelleres auszudenken.

Renate Wagner

 

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