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Film: DIE ODYSSEE

Kein Abenteuer, eine Tragödie

15.07.2026 | Allgemein, FILM/TV, KRITIKEN

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Filmstart: 16. Juli 2026
DIE ODYSSEE
The Odyssey  /  USA  /  2026
Drehbuch und Regie: Christopher Nolan
Mit: Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway u.a.

Kein Abenteuer,
eine Tragödie

Nein, man muss keine Klischees erfüllen, muss nicht Glanz und Gloria der Antike beschwören, schon gar nicht, wenn man Christopher Nolan heißt und das Publikum schon so herausgefordert hat wie mit „Inception“ und „Tenet“ und wenn man vor drei Jahren mit dem BioPic „Oppenheimer“ einen Welterfolg gelandet hat. Wenn also ein Christopher Nolan sich mit Homers „Odyssee“ einen der berühmtesten Stoffe der Weltliteratur hernimmt, kann man erwarten, dass etwas „Alternatives“ heraus kommt. Und das ist es auch.

Auch wenn man die „Odyssee“ nicht gelesen hat (eine Lektüre, die übrigens auch auf Deutsch herausfordernd  ist), so kennt man sie doch zumindest aus dem Kino und dem Fernsehen. Eine Abenteuer-Geschichte, wenn es je eine gab. Odysseus, König von Ithaka, schließt sich den griechischen Kollegen im Krieg gegen Troja an und hatte die „listige“ und siegreiche Idee, den Trojanern ein Riesenpferd vor ihre Mauern zu stellen, das sie hinein zogen und aus dem in der Nacht die griechischen Krieger krochen und die Feinde nach zehnjähriger Belagerung endlich besiegten.

In der Folge segelte Odysseus dann mit seinen Männern durch das Mittelmeer, bestand mythische Abenteuer, die meist farbenprächtig und phantasiereich dargestellt werden, wurde sieben Jahre von Kalypso fest gehalten und kehrte erst nach zwanzig Jahren nach Ithaka zurück, wo seine Frau Penelope treu und sein Sohn Telemachos sehnsüchtig auf ihn gewartet hatten (ihn aber natürlich auf Anhieb nicht erkennen konnten). Eine klassisch „schöne“ Story über Herausforderungen, unbekannte Gefahren, intelligente Bewältigung von Problemen, über Gefühle, Treue, Zweifel, Verzweiflung. Alles drin.

Christopher Nolan wollte davon nur wenig. Es ist sein Drehbuch, er ist für alles verantwortlich, was zwei Stunden und 50 Minuten lang (sehr lang, zu lang) auf der Leinwand passiert oder auch nicht. Dramaturgisch hat er sich an seinem „Oppenheimer“ orientiert, wo die Zeit- und Handlungsebenen auch wild durcheinander gewirbelt sind. Seine Odyssee besteht aus zahllosen Rückblicken, Erinnerungen, Visionen – dabei dürfte (man bezweifelt es auch gelegentlich) die Basis-Zeitschiene jene der letzten Warte-Jahre sein, in denen Penelope von den Freiern, vor allem Antinoos, bedrängt wird und Telemachos den Vater, den er nie gekannt hat, unbedingt finden will.

Das Schicksal von Odysseus kommt bröckchenweise, am Zustand seines Bartes kann man erahnen, wann die jeweilige Sache spielen sollte. Die Menschen rund um ihn sind Opfer der Unschärfe, mit der Nolan die Geschichte erzählt – man erkennt einen Agamemnon und viele andere gar nicht unter ihren Helmen, im Grunde haben nur ein paar seiner Gefährten kurzfristig „Gesichter“. Aber bekanntlich sterben die Herren ohnedies alle… Tatsache scheint: Mehr als die Menschen interessiert Nolan das von ihm aufwendig inszenierte cinematographische  Umfeld.

Nolan hat einige Motive der Abenteuer herausgepickt, aber wenn man bedenkt, wie er etwa den Riesen Polyphem nie deutlich zeigt, irgendein nackter Körper, die berühmte Einäugigkeit bleibt er schuldig. Auch sieht man Odysseus zwar an den Mast gebunden, aber die Erklärung des letalen Sirenen-Gesangs fällt minimal aus. Entweder hat Nolan vorausgesetzt, dass ohnedies jeder die Odyssee im Detail kennt, oder all das interessiert ihn wenig. Viel eher zeichnet er eindrucksvoll, wie sich die griechischen Krieger tagelang im „Bauch“ des Pferdes gefühlt haben, bis sie endlich angreifen konnten…

Nein, Nolan macht keinen „Abenteuer“-Film, sondern zeigt die Tragödie eines vom Krieg definitiv beschädigten Mannes. Darum kommt die Szene mit dem Trojanischen Pferd auch immer wieder vor, besonders das Blutbad, das die Griechen anrichten, nachdem sie innerhalb der Stadtmauern sind. Diese Szene des brennenden Troja stellt Nolan auch an das Ende des Films – so wird das Ganze zu seiner Schuld und Sühne Geschichte, die Irrfahren wirken wie die Sühne für das Unrecht des Krieges. Hier erkämpft sich nicht eine überdurchschnittlich intelligente Person den Weg nach Hause, hier schleppt sich ein gebrochener Mann durch sein Schicksal – und das in einer höchst unfreundlichen Ästhetik, damit das Publikum auch wirklich mitbekommt, dass hier nicht das Übliche geboten wird..

Erklärt das die Besetzung mit Matt Damon? Man hatte befürchtet, dass er alles andere als ein idealer Odysseus sein würde, und so ist es auch gekommen. Selbst wenn er schlanker und drahtiger wirkt als sonst, die Ausstrahlung der fraglosen Führungspersönlichkeit lässt sich nicht anschminken. Ein Film über eine der berühmtesten Figuren der Weltliteratur mit einem unbefriedigenden Hauptdarsteller, das ist ein Problem.

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Das meiste Interesse hat Nolan offenbar Penelope und Telemachos zugewendet, mit einer schönen, hoheitsvollen und starken Anne Hathaway als Königin und einem berührenden Tom Holland als Telemachos auf Vatersuche. Robert Pattinson ist vom einst schönen Teenager mit leerem Gesicht ein Mann mittleren Alters mit starker Ausstrahlung geworden, der eine Nebenrolle ins Zentrum rückt, wenn er Penelope tatsächlich gefährlich bedrängt. Jon Bernthal streckt als König Menelaos, zu dem Telemachos um Informationen kommt, einen Charakterkopf ins Geschehen.

Es gibt viele Frauen in der Geschichte – aber hier eigentlich nicht (Nausikaa kommt gar nicht vor). Denn außer Penelope gewinnt keine einzige von ihnen etwas ausführlicher Profil. Kirce, die Odysseus‘ Männer in Schweine verwandelt, ist in Gestalt von Samantha Morton alles andere als eine verführerische „Circe“, sondern eine ekelhafte, rachsüchtige Hexe, die die Verwandlung nur unappetitlich vollführt. Kalypso ist auf einmal da, wird nicht eingeführt und bleibt in Gestalt von Charlize Theron gänzlich ohne Profil. (Der Weg von Kalypso schließlich nach Hause, nach Ithaka, ist bei Nolan nur ein Schnitt – so einfach war es wohl nicht.)

Die Szenen von Lupita Nyong’o sind so verwaschen, dass man kaum erkennt, wie sie als Klytämnestra ihren Mann Agamemnon tötet. Was ihre Funktion als schöne Helena hier sein soll  (eine Doppelrolle, die beiden Frauen waren schließlich Schwestern), erzählt das Drehbuch auch nicht. Diese Besetzung impliziert übrigens, dass zwei griechische Könige, Athens Agamemnon und Spartas Menelaos, zwei Schwarzafrikanerinnen geheiratet haben könnten. Wer die Einstellung der Griechen zu Fremden kennt („Barbaren“), kann das nur für höchst unwahrscheinlich halten und einzig der heutigen Diversity zuschreiben…

Und wenn schließlich zwei-, dreimal für wenige Minuten Zendaya an der Seite von Odysseus auftaucht, bekommt man keine Ahnung, was die Göttin Athene von ihm will und was sie soll… die Götterwelt beschränkt sich sonst darauf, dass alle „Zeus“ anrufen.

Der Film hat erstaunlich viele Schwächen. Vor allem ist er nie spannend, trotz reichlichem Kampfgetöse, brüllend dramatischer Musik und wilden Szenen auf dem Meer. Die Geschichte tümpelt vor sich hin, statt sich je dramatisch zu ballen. Und dort, wo sie es absolut tun  müsste, inszeniert der Regisseur (zweifellos bewusst) gegen den Strich. Wenn Odysseus heimkehrt, alle Männer versuchen, seinen Bogen zu spannen, was nur er kann, ist das eine ganz große Szene (so wie nur Artur Excalibur und Siegmund Nothung aus dem Stein bzw. aus der Esche ziehen können) – das ist Weltliteratur und müsste Weltkino sein, nicht irgendwie unter den Tisch gekehrt, worauf das Geschehen sofort in eine sagenhafte, unübersichtliche Schlachtplatte mündet.

Viele offenen Enden, sehr viel Leerlauf, und das kann mit einer über weite Strecken brillanten Machart (wer wird diese Christopher Nolan schon absprechen) nicht aufgewogen werden.

Renate Wagner

 

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