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Festspieldokumente Salzburg

23.01.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

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Festspieldokumente Salzburg live Mozarteum 27.7.2011

Mahler SYMPHONIE Nr. 4, Bearbeitung für Sopran und Kammerensemble u.a.

ORFEO CD

Im Mahler-Jahr 2011 (100. Todestag) wollte man in Salzburg die Nähe Gustav Mahlers zu Arnold Schoenberg in programmatischen Konzerten dokumentieren und zu Klang werden lassen. Im Konzert „Mahler Szenen 1“ vom 27. Juli 2011 im Mozarteum standen der Schatz-Walzer von Johann Strauss Sohn in der Bearbeitung von Anton Webern, der Kaiser Walzer in der Bearbeitung von Schoenberg (für Streichquartett, Klavier, Flöte und Klarinette) und die Vierte Symphonie Gustav Mahlers für Kammerorchester arr. durch Erwin Stein, entstanden 1921 für Schoenbergs Verein für musikalische Privataufführungen auf dem Programm.

Die Geschichten rund um den pädagogisch wirkenden Verein zur qualitätsvollen Aufführung avantgardistischer Musik abseits der Öffentlichkeit sind Legion. Für die Probenqualität waren immerhin u.a. Alban Berg und Anton Webern verantwortlich. Probiert wurde bis zur Perfektion (für ein reines Walzerprogramm angeblich fünf mal fünf Stunden!), insgesamt 117 Konzerte fanden zwischen 1919 und 1921 statt, ausschließlich finanziert durch Mitgliedsbeiträge.

Die Partitur und Stimmen der Bearbeitung von Erwin Stein sind zwar verloren gegangen, wurden aber 1993 rekonstruiert. Salzburg hat für das Konzert im Juli 2011 alles engagiert, was gut und teuer ist: Renaud Capucon (Violine), Katja Lämmermann (Violine), Antoine Tamestit (Viola), Clemens Hagen (Violoncello), Alois Posch (Kontrabass), Magali Mosnier (Flöte), Sebastian Manz (Klarinette), Albrecht Mayer (Oboe), Herbert Schuch (Klavier), Gereon Kleiner (Harmonium), Leonard Schmidinger, Martin Grubinger (Schlagzeug). Aber leider ergeben auch die besten Zutaten allein noch keinen gelungenen Festschmaus. So bleibt der Gesamteindruck weit hinter einigen exquisit schönen Violinpassagen in den Walzern, wiederum Violine sowie edlen Klarinetten- und Oboenklängen in der Mahler Symphonie (3. Satz)  zurück. Das Klavier gewinnt kaum je Kontur, das Schlagzeug überfährt bisweilen brutal die Ensembles. Publikum und Presse sollen laut Booklet damals das Konzert bejubelt haben. Jetzt geht es aber darum, einen Tonträger zu beurteilen, was etwas ganz anderes ist. Die harte, direkte und trockene Aufnahmequalität trägt dazu bei, dass sich der Klang fragmentiert darstellt, sich zu keinem Ganzen fügen will. 

Musikalisch ziehen die formidablen Zwölf auch nicht ganz an einem Strang, was besonders bei den Walzern das Hörvergnügen beeinträchtigt, wo stilistisch uneinheitlich bis zur Karikatur gespielt wird. Irgend etwas Wienerisches, die berühmten verzögerten ersten der Dreivierteltakte, das geschmeidig Drehende, das traumwandlerisch Tänzerische wird man in dieser Interpretation vergebens suchen. Besser ist es da um Mahlers Vierte Symphonie bestellt, wo dieses aleatorische Miteinander wie bei den berühmt berüchtigten „Telefonorchestern“ die Strukturen der Symphonie in der interessanten Bearbeitung für Kammerensemble gut Kontur gewinnen lässt. Die Instrumentierung trägt dazu bei, manchmal Stravinsky oder R. Strauss herauszuhören zu wollen. Rein atmosphärisch und von der Emotion her berührt diese wunderbare letzte der Wunderhorn Symphonien aber in der vorliegenden Interpretation weniger. Wieder habe ich den Eindruck, dass vielen einzelnen gelungenen Passagen/Phrasen kein Gesamtkonzept, kein großer Spannungsbogen gegenübersteht. Und trotz des von Christiane Karg ausdrucksstark vorgetragenen „Himmlischen Lebens“ könnte sich jemand fragen, ob der gestrenge Schoenberg bei dem Stand der Einstudierung wohlwollend seine endgültige Zustimmung zu dieser Aufführung gegeben hätte, wie das damals im „Verein“ so Sitte war?

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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