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F. SCHMIDT: Symphonie Nr. 2 / R. STRAUSS: Träumerei am Kamin

03.06.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

0889853555222

FRANZ SCHMIDT: Symphonie Nr. 2, RICHARD STRAUSS: Träumerei am Kamin, SONY CD – Wiener Philharmoniker; Semyon Bychkov

Wiener Waldweben – Wienerwald-Weben 

Da hat sich der Wiener Kritiker Karl Löbl ganz schön in die Nesseln gesetzt, als er Franz Schmidts 2. Symphonie im Jahr 1958 nach einer Aufführung mit den Wiener Philharmonikern unter Dimitri Mitropoulos als „schönselig“ bezeichnete, ihr aber nur „gut kaschierte achtbare Hinterwäldler Mentalität“ attestierte. In einer Art Referendum haben die Wiener in einer Abstimmung allerdings mit überwältigender Mehrheit für Schmidt und gegen Löbl gestimmt, eine wohl einmalige Aktion im am Sonderbarkeiten beileibe nicht armen Wiener Musikleben.

Heute amüsieren solche Formulierungen und „G‘schichtln“, nicht wegen ihrer subjektiven Schärfe, sondern wegen des elitären Zeitgeists, der sich darin spiegelt.  Sie zeugen historisch von der mangelnden Wertschätzung für eine ganz im Jugendstil gehaltene spätromantische Komposition eines, ja,  „Nicht-Genies“. Die Partitur ist dennoch ein handwerkliches Wunderwerk, reich fließend und perlend in ihrer wallend-irisierenden Textur, die ungemein effektvoll einem Gemälde Klimts oder einer symphonische Dichtung von Richard Strauss ähnelt. Aber aufgepasst, keine allzu eingängigen Themen oder gar hitverdächtige Melodien erleichtern das Hören, auch in der Instrumentierung ist Schmidt Effekthascherei (ähnlich Robert Schumann) fremd. Kein Likör wird da serviert, dafür bester Wein aus der Wiener Vorstadt. Die Symphonie beginnt eher im Stile von Wagners „Siegfried-Idyll“, zahlreiche Naturassoziationen laden zum Träumen ein. Bisweilen gesellt sich ein Hauch von Melancholie in die Stimmung, nur um im nächsten Moment wieder von einer mächtigen Orchesterwoge hinweggespült zu werden.

Jedenfalls verdiente diese 2. Symphonie genau so wie etwa Strauss‘ Heldenleben oder Don Juan in die ständigen Programme der Philharmoniker und anderer Spitzenorchester Eingang zu finden. Die neue prächtig gelungene Aufnahme möge dazu anleiten, aber auch die Philharmoniker selbst seien dazu aufgefordert, endlich eine Gesamtaufnahme aller Symphonien Schmidts auf CD vorzulegen. Das neue Album vermittelt ausgehend von Bruckner eine Klangwelt an der Kippe zwischen Strauss und Mahler. 

Der in Pressburg geborene Franz Schmidt war bekanntlich Cellist des Hofopernorchesters, auf seinem Instrument erklärter Liebling von Gustav Mahler und selbstverständlich Mitglied der Wiener Philharmoniker. Aber auch als Professor für Violoncello, Klavier, Kontrapunkt und Komposition (er unterrichtete u.a. Karajan) vermochte er bleibende Spuren zu hinterlassen. Nach der 1902 verfassten 1. Symphonie dauerte es noch elf Jahre, bis die dreisätzige in ihren Dimensionen ausladende 2. Symphonie in Es-Dur unter Franz Schalk im Wiener Musikverein ihre Uraufführung erlebte. Die Cellisten im Orchester haben noch heute alle Mühe, dem immens schwierigen technischen Anforderungen an sie gerecht zu werden. Schmidt hat sogar Fingersätze als Gebrauchshilfe dazugeschrieben. Schmidt war auch ein gefragter Kammermusiker, sein Gedächtnis soll enorm gewesen sein; die meisten Partituren hat er im Kopf gehabt.

Die programmatische Paarung mit der „Träumerei am Kamin“ aus der 1924 vollendeten Oper „Intermezzo“ von Richard Strauss ist klug gewählt. Zu der schwärmerischen Zuneigung Christines für den jungen Baron von Lummer gesellen sich nostalgische Erinnerungen an ihr Eheleben. „Ein hübscher Mensch! Und jung ist er halt … Nun sitz ich wieder allein! Mein lieber Mann! Er ist so gut, so treu. Diese langen einsamen Abende… Man wird ganz traurig.“ Und so schließt sich der Kreis, von Schönheit zu Trauer und wieder zurück. Enden wollen wir jedoch mit dem jubelnden Finale der 2. Symphonie, das wie das gelungene Cover-Foto der CD, auf dem die goldenen Laubblätter der Wiener Sezession vor einem makellos himmelblauen Hintergrund glänzen, dem musikalischen Universum einen weiteren strahlenden Hymnus auf Liebe und ihre Verstrickungen hinzufügt. Eine CD für Genießer und solche, die es werden wollen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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