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Evelyn Steinthaler: STARS UND LIEBE UNTER DEM HAKENKREUZ

13.11.2018 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Evelyn Steinthaler:
MAG’S IM HIMMEL SEIN, MAG’S BEIM TEUFEL SEIN
STARS UND LIEBE UNTER DEM HAKENKREUZ
224 Seiten, Verlag Kremayr & Scheriau, 2018

2018 bedeutet nicht nur das Gedenken an die Gründung der Ersten Republik vor hundert Jahren, sondern auch daran, was sich in Österreich vor 80 Jahren (und in Deutschland noch früher) ereignete: Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und was das für den jüdischen Teil der Bevölkerung bedeutete. Das Bestreben, das deutsche Volk „rasserein“ und die Nazi-Welt „judenfrei“ zu machen, fuhr tausendfach in die persönlichen familiären Beziehungen zwischen Deutschen und Juden.

Autorin Evelyn Steinthaler, die sich dieses Thema am Beispiel berühmter Filmschauspieler der damaligen Zeit hernimmt, befasst sich zu Beginn mit den ausgeklügelten sprachlichen Formulierungen, die sich die Nationalsozialisten ausdachten, um ihr inkriminierendes System zu befestigen: Die „Nürnberger Gesetze“ stellten „Rassenschande“, die sexuellen Beziehungen von Deutschen und Juden, unter Strafe (das konnte auch zu Schauprozessen mit Todesurteil für jüdische Männer führen). Bei „Mischehen“ wurden dem deutschen Partner schleunigst die problemlose Scheidung angeraten. Halbjuden waren „Mischlinge ersten Grades“ und auch solche – selbst wenn sie so berühmt waren wie Richard Tauber – wurden aus dem Land gemobbt und wählten am besten die Emigration, so lange es noch möglich war.

Unter den vielen Fällen, wo berühmte Schauspieler jüdische Partner hatten – Fälle, die alle verschieden „liefen“ -, hat die Autorin vier herausgehoben. Wobei das Paar Lotte Lenya / Kurt Weill eigentlich am wenigsten hergibt. Er war Jude, sie – die nichtjüdische Wienerin – kam aus dem Kreis rund um den „roten“ Bert Brecht, es war gar keine Frage, dass beide emigrieren wollten, mussten und es auch taten. Da wäre es interessanter gewesen, den Fall Hans Moser (der nur kursorisch erwähnt wird) genauer zu betrachten – nicht zuletzt, weil der allmächtige Goebbels den unscheinbaren, „undeutschen“ Mann hasste und Moser in der Angelegenheit seiner jüdischen Frau immer zu Hitler selbst gehen musste, um gnadenhalber Zugeständnisse für deren Sicherheit in Budapest zu erlangen…

Der zweite Fall ist der tragischste überhaupt: Joachim Gottschalk, ein ungemein beliebter Schauspieler, war mit der Jüdin Meta Wolff verheiratet und hatte mit ihr einen Sohn. Er glaubte, dass seine Popularität seine Frau schützen würde, aber als Goebbels Meta Wolff bei einem Empfang – ohne wahrzunehmen, was er da tat – ihr wie allen andern Damen die Hand küsste und sein Adjutant ihn darauf aufmerksam machte, war alles aus: Gottschalk wurde nicht mehr beschäftigt, man verlangte mit aller Brutalität die Trennung der Familie. Gottschalk beging mit Frau und Kind Selbstmord, indem er den Gashahn aufdrehte. Für einige Kollegen, die sich bisher mit dem Regime arrangiert hatten wie Brigitte Horney, war dies der entscheidende Punkt, sich innerlich abzuwenden.

Zwei Fälle sind in ihrer Seltsamkeit kaum nachzuvollziehen, und auch die Autorin kann das Verhalten von Hans Albers und Heinz Rühmann schwer erklären, zumal beide nach dem Krieg absolut nicht bereit waren, darüber zu sprechen. Albers hatte eine lebenslange Beziehung mit der jüdischen Schauspielerin Hansi Burg, die ihn schließlich „rettete“, indem sie – ohne ihm etwas zu sagen – ins Exil nach England ging. Es war für Albers, der unerschütterlich für die Nazis filmte, ohne sich ihnen anzubiedern, ein regelrechter Schock, als sie nach dem Krieg wieder vor ihm stand… Sie blieben bis zu seinem Lebensende zusammen.

Heinz Rühmann war mit der jüdischen Schauspielerin Maria Bernheim verheiratet, ließ sich scheiden, damit sie eine formale Schutzehe mit einem Ausländer eingehen konnte und dessen Staatsbürgerschaft erhielt, kümmerte sich allerdings offenbar stets um ihr Wohlbefinden und ihre Finanzen. Mit Hertha Feiler heiratete er eine „Vierteljüdin“, was gerade noch zu vertreten war, und stellte sich den Nationalsozialisten in jeder Hinsicht zur Verfügung. Seine Beliebtheit war allerdings so groß, dass sie auch den Krieg überstand und er seine Karriere danach unbeschadet fortsetzen konnte…

Das Buch beleuchtet am Rande des Geschehens noch Persönlichkeiten wie Gustaf Gründgens, dessen Haltung zwischen Devotion und nachweislichem Schutz für Kollegen nie zu durchschauen war, wie Paul Hörbiger, der gleichzeitig für die Nazis arbeitete und den Widerstand unterstützte, oder natürlich immer wieder Goebbels, der mit seiner Allmacht gewissenlos verfuhr. Spätere Behauptungen, deutsche Schauspieler hätten sich ihm widersetzen können, ohne Schaden zu nehmen, sind schlechtweg unrealistisch. Der Fall Gottschalk zeigt, dass er jedermann vernichten konnte, wenn er es darauf anlegte.

Wenn nun in unseren Tagen von allen Seiten beschwörend das „Nie wieder!“ in den Raum gestellt wird, dann sind Fälle wie diese aussagestärker als jegliche theoretische Diskussion.

Renate Wagner

 

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