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Evelyn Deutsch-Schreiner: THEATERDRAMATURGIEN

28.05.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover  Schreiner  Theaterdramaturgien

Evelyn Deutsch-Schreiner:
THEATERDRAMATURGIEN VON DER AUFKLÄRUNG BIS ZUR GEGENWART
352 Seiten, Böhlau Studien Bücher, 2016  

Seit wann ist es üblich, dass beim Stab der Mitarbeiter einer Inszenierung am Programmzettel – am Ende zwar meist, aber immerhin – der Dramaturg aufscheint? Noch nicht allzu lange, würde man gefühlsmäßig sagen. Und immer noch werden viele Menschen, auch versierte Theaterbesucher, keine exakten Vorstellungen darüber besitzen, was ein Dramaturg eigentlich zu tun hat – außer, die Programmhefte zusammen zu stellen…

Evelyn Deutsch-Schreiner, heute Professorin für Dramaturgie, Theater- und Literaturgeschichte in Graz, davor Dramaturgin in Linz und am Volkstheater Wien, weiß um die Problematik ihres ehemaligen Berufs. Kurz kann sie ihn unter „Schnittstelle von Kunst, Theorie und Organisation“ verorten, in der Langfassung umfassen die Aufgaben des Dramaturgen mehrere Seiten. Was natürlich eine Entwicklung beinhaltet, die sich im übrigen vor allem im deutschen Theaterbereich vollzog – vielleicht ist hier die Neigung zur Theoretie am stärksten…

Da die Definition und Geschichte des Themas also sichtlich Erklärungs- und Darstellungsbedarf zeigt, liegt nun dieses Buch über „Theaterdramaturigen von der Aufklärung bis zur Gegenwart“ vor. Das lässt sich am überzeugendsten an den einzelnen großen Gestalten des Theaters festmachen, die „Dramaturgen“ (oder „auch“ Dramaturgen, denn der Beruf stand erst in letzter Zeit für sich) waren.

Das beginnt natürlich mit G.E. Lessing, der nicht nur Theaterdichter, sondern auch Theatermann war und sich mit der praktischen Umsetzung von Text in Bühne befasste. Sein Grundlagenwerk, „Die Hamburgische Dramaturgie“, ist da wie ein Startschuß zu verstehen.

Auch Friedrich Schiller war nicht nur Dramatiker, sondern auch Dramaturg und als solcher seinem Freund Goethe überaus nützlich, und Joseph Schreyvogel war nicht nur Mitarbeiter im Burgtheater, sondern auch ein Mann, der maßgeblich dazu beitrug, dass aus Franz Grillparzer der vollgültige Dramatiker wurde – eine Zusammenarbeit mit dem Autor, die essentiell für diesen Beruf st.

Von hier macht man den Sprung ins 20. Jahrhundert, zu Arthur Kahane für Max Reinhardt, zur „verbogenen“ Funktion der Dramaturgie als „Zensur“ im Dritten Reich, zur Alternative, wie Kurt Hirschfeld sie auf humanistischer Basis im Schweizer Exil entwickelte.

Ein Kapitel für sich (offenbar in allen Belangen von Literatur und Theater) ist natürlich Bert Brecht, bei dem literarisches und inszenatorisches Schaffen ineinander griff wie bei kaum jemandem sonst und bei dem Kunst und Theorie untrennbar verbunden sind.

Über die DDR, über die ganz eigene Dramaturgie der legendären Berliner Schaubühne und das Beispiel Hermann Beil in seiner Zusammenarbeit mit Thomas Bernhard (den er laut Autorin „kanonisierte“), führt der Weg dann zu den Frauen, die erst spät, aber dann sehr, sehr präsent ihre Stellung in diesem Gebiet einnahmen.

Hier sind Stefanie Carp, die für ihre Zusammenarbeit mit Christoph Marthaler bekannt ist (bei den Wiener Festwochen verweilte sie nur kurz), und Nadine Jessen als Exponentin der gegenwärtigen Freien Szene eigene Kapitel gewidmet. Gerade die beiden letzten Abschnitte führen dann ganz dicht in die Gegenwart, in eine verwobene Welt von Persönlichkeiten und Systemen, die unser heutiges Theater bestimmen.

Letztendlich geht es in diesem Buch um Theaterverständnis, und das durch die Jahrhunderte. Wobei man überzeugt ist, dass selbst ein Mann von der überragenden Intelligenz des G.E. Lessing ratlos vor dem stehen würde, womit sich Jadine Jessen befasst – und wie das „gute, alte Theater“ unter „Performance“ und „Crossover“ droht, sang- und klanglos verloren zu gehen… Aber alles hat seine Zeit, ohne Weiterentwicklung kein Fortschritt.

Renate Wagner

 

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