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Eva Rieger: FRIDA LEIDER

15.09.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Eva-Rieger-Frida-Leider-

Eva Rieger:
FRIDA LEIDER
Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit
Verlag OLMS 2016

Es war an der Zeit, an die einzigartige Sängerin Frida Leider zu erinnern, die vor allem im hochdramatischen Wagner-Fach (Isolde, Brünnhilde, Kundry) Weltruhm (Bayreuth, Metropolitan Opera New York, Teatro Colon Buenos Aires) erlangte. Heutigen Opernkennern nur noch von wenigen Plattenaufnahmen bekannt, wenn überhaupt, war Frida Leider in den zwanziger/dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts die herausragende Wagner-Sängerin in der Zeit nach Nanny Larsen-Todsen und vor Kirsten Flagstad. Es gab immer wenige Vertreterinnen einer Brünnhilde, Isolde und Kundry, die allen Anforderungen der fast übermenschlichen Partien gerecht wurden. Dass Frida Leider dies nicht nur mit Stimmvolumen und schimmerndem Metall in der dramatischen Höhe, sondern auch mit einer am Belcanto geschulten Technik (perfekte Intonation, Legato, Rhythmik, ausdrucksvolle Phrasierung) erfüllte, lässt sie auch heute noch zeitlos wirken. Die wunderbare satte und flexible Mittellage war es, die der Leider das lange Singen der Wagner-Partien auf diesem Niveau ermöglichten. Man kann das aufgrund von Studio- und Live-Aufnahmen feststellen, die zwar nicht dem heutigen technischen Standard entsprechen, aber durchaus anzuhören sind, vor allem die elektrischen und Live-Aufnahmen aus den dreissiger Jahren, die in recht guter Aufbereitung in verschiedenen Ausgaben auf CD zu finden sind. 

Was hat nun die Autorin dazu geführt, uns diese bedeutende Sängerin nahe zu bringen? Es ist die Biographie einer Künstlerin, die zwischen den Zeitläuften aufgerieben wurde und sich darin verbrannt hat. Mit dem jüdischen Geiger Rudolf Deman verheiratet, wurde ihr im Tausendjährigen Reich unmissverständlich bedeutet, dass sie ihre Karriere als „jüdisch Versippte“ nur dann weiterverfolgen könne, wenn sie sich von ihrem Ehemann trennen würde. Das hat sie lange nicht getan und dann nur unter schwersten Gewissensbissen. Ihr Mann konnte sich in die Schweiz absetzen, wo die Sängerin ihn doch einige Male besuchen und mit den nötigen finanziellen Mitteln versorgen konnte. Dort wartete er, zur Untätigkeit verurteilt, auf das Ende der unglückseligen Zeit, von den argwöhnischen Schweizer Behörden geduldet. Frida Leider mochte sich von ihrer Spitzenstellung als Wagner-Sängerin aber nicht trennen und auch nicht von der Mutter, die nicht aus Deutschland weg wollte. Es macht den Anschein, dass sich Frida Leider von ihrer Mutter emotionell erpressen liess. Alle diese Umstände haben sie bis an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit gefordert und darüber hinaus. Man wundert sich, welche Konzentration und Professionalität die Künstlerin aufgeboten haben muss, um ihre Partien derart hinreissend bewältigen zu können. Diese Situation belastete die Künstlerin aufs äusserste, und dauernde Anfälle von schweren Depressionen machten ihr das Auftreten als Sängerin fast unmöglich. Für eine Depressions-Disposition könnte sprechen, dass sowohl der Vater wie auch die Mutter beide aus eigenem Antrieb aus dem Leben geschieden sind. Dass Frida Leider noch 1938 beim letzten Ausland-Gastspiel in London als Brünnhilde – Dirigent Wilhelm Furtwängler – diese Intensität und Perfektion erbringen konnte, grenzt schon an ein kleines Wunder: Man höre sich den Live-Mitschnitt des 2. Aktes (erhalten ab Gunthers Auftritt) „Götterdämmerung“ an!

Die letzten Kriegsjahre und die Zeit danach verbrachte Frida Leider mit ihrer Mutter zurückgezogen in ihrem Haus in Pausin und mit gelegentlichen Auftritten auf dem Konzertpodium. Nach dem Krieg konnte sie nicht mehr an ihre Karriere als Opern-Sängerin anschliessen. So gründete sie im zerstörten Berlin das „Studio Leider“, wo sie junge Sängerinnen und Sänger an ihren künstlerischen Erfahrungen teilhaben liess. Sie versuchte sich auch einige Male als Regisseurin, beargwöhnt von ehemaligen angepassten Kollegen wie beispielsweise dem aalglatten und intriganten Heinz Tietjen, der schon in Bayreuth und in Berlin an der Staatsoper Unter den Linden eine verhängnisvolle Rolle gespielt hatte, sich aber nach dem Krieg auf alte Seilschaften verlassen konnte, wie andere auch…

Die tragische Lebensgeschichte erzählt uns Eva Rieger authentisch und gut recherchiert, wobei sie bisher unveröffentlichte Quellen verwenden konnte. Gelegentlich stört das Heruntermachen anderer bedeutender Sängerinnen wie Lotte Lehmann, Martha Fuchs und Nanny Larsen-Todsen. Auch werden von Dritten gemachte Invektiven und Behauptungen unreflektiert stehen gelassen (z.B. Knappertsbusch, der zwar altdeutsch und konservativ war, aber den Hitlergruss nicht praktizierte, immerhin!). Es fehlt eine ausführliche Diskographie und, was nützlich gewesen wäre, eine CD mit den repräsentativen Aufnahmen von Frida Leiders Stimme.

Die Bildauswahl ist restriktiv gehandhabt worden. Da hätte man doch mehr interessantes Bildmaterial von der Künstlerin publizieren und die Fotos von Winifred Wagner, Heinz Tietjen und Adolf Hitler weniger prominent platzieren können. Ebenso wird dem Führer zu viel Raum in der Biographie Frida Leiders eingeräumt. Fraglich wirkt die Juxtaposition von Hitler und Leider, wie sie offenbar beide aus Wagners Werk „geschöpft“ haben… Auch wenn das dem Konzept der Arbeit von Eva Rieger entsprochen haben mag, scheint mir dies dem Gegenstand und dem Schicksal, das Frida Leider erleiden musste, wenig angemessen.

Leider ist das von Stephan Mösch verfasste Vorwort alles andere als hilfreich und trägt wenig zur Erhellung des dieser Arbeit zu Grunde liegenden Konzeptes von Eva Rieger bei. Und eine Frage: Was ist denn bitte „semantische Virtuosität“…?

So zeigen sich in dieser durchaus lesens- und empfehlenswerten Biographie, die gerade noch rechtzeitig zum Beginn der Bayreuther Festspiele erschienen ist, doch ein paar wenige Schwächen. Diese sollen uns aber nicht abhalten, Eva Rieger das Verdienst zukommen zu lassen, dass sie sich in unserer Zeit der Geschichts-Anamnese bemüht hat, eine ausserordentliche Künstlerin wie Frida Leider und ihr tragisches Schicksal ins öffentliche Bewusstsein zurückzubringen.  

John H. Mueller

 

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