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Eva-Bettina Kraus: DIE WITTELSBACHER UND EUROPA

10.02.2013 | Allgemein, buch

Eva-Bettina Kraus:
DIE WITTELSBACHER UND EUROPA
Kulturtransfer am frühneuzeitlichen Hof
376 Seiten. Böhlau Verlag 2012

Wie bedeutend waren die Wittelsbacher im europäischen Gefüge, wenn sie doch immerhin einen Napoleon benötigten, um von ihm ihr Königtum „geschenkt“ zu erhalten? (Zur Kaiserwürde brachten es ja nur ganz wenige unter ihnen, die wurde seit dem 15. Jahrhundert fest von den Habsburgern besetzt.) Doch die Wittelsbacher waren mächtig, fühlten sich auch so und haben sich in Fragen von Bautätigkeit und Hofhaltung, also Selbstdarstellung,  jedenfalls immer in Richtung der größten Vorbilder orientiert.

Das beweist nun Eva-Bettina Krems in ihrem Buch „Die Wittelsbacher und Europa“. Es geht hier – wobei die Grundlage des Werks ihre Habilitationsschrift für Marburg ist – um den „Kulturtransfer am frühneuzeitlichen Hof“. Behandelt wird etwa das Jahrhundert zwischen 1650 und 1730, und wer an Fürstenhöfen damals etwas von sich hielt, richtete den Blick nach Paris. Es war, seit Ludwig XIV. (1638 – 1715) sich zum „Roi-Soleil“ aufgeschwungen hat, ein „L’europe francaise“, das den  Geschmack bestimmte.  

Ludwig hatte mit Versailles, dem gigantomanischen Schloss vor den Toren von Paris, jenes „Modell“ geschaffen, dem es nachzueifern galt. Damit trat das „Modell Italien“, das davor den Geschmack der Deutschen geprägt hatte, entschieden zurück. (Wobei Frankreich dann lange Zeit alle Künste und Wissenschaften zu beherrschen schien.)

Die Autorin behandelt in ihrem reich bebilderten Buch (es geht um Schlösser, außen und innen, sowie Architekturzeichnungen) nun die Periode verschiedener bayerischer Herrscher: Kurfürst Ferdinand Maria (mit seiner aus Savoyen stammenden Gattin), Kurfürst Maximilian II. Emanuel (der erst mit der Habsburgerin Maria Antonia, dann mit der polnischen Königstochter Kunigunde verheiratet war) und Karl Albrecht, der es später dann als dritter Wittelsbacher zur (wenn auch durch seinen frühen Tod nur kurzfristigen) Kaiserwürde brachte (er war mit der Habsburgerin Maria Amalia verheiratet, er lieferte zusammen mit anderen Maria Theresia dann den Spanischen Erbfolgekrieg). Jeder dieser Herrscher war anders geartet, entsprechend anders fällt auch die französische Rezeption aus.

Dabei herrschte geschmacklich anfangs noch Italien. Ferdinand Maria, der mit der Savoyerin Henriette Adelaide verheiratet war, sah sich noch mit deren in Turin verfeinerten Geschmack konfrontiert und wollte diesem Rechnung tragen. Von der Kurfürstin heißt es, sie habe italienische Künstler für den Bau der Theatinerkirche geholt, weil sie die Deutschen für Idioten hielt, die unfähig wären, ein Gebäude dieser Bedeutung herzustellen.

Max Emanuel, Gatte von Maria Antonia, der einzigen Tochter von Kaiser Leopold I. und Enkelin des spanischen Königs, verlor seine Gattin 1692 nach nur siebenjähriger Ehe, und da er sich 1701 um das spanische Erbe gegen Habsburg bewarb (1700 war mit Karl II. der letzte spanische Habsburger kinderlos gestorben), suchte er natürlich den Zusammenschluss mit den Franzosen, die quasi als die Habsburgischen Erb-und Erzfeinde galten. Die Orientierung erfolgte auch in künstlerischer Hinsicht, und Schloss Schleissheim gilt als berühmteste verkleinerte Kopie von Versailles.

Die Autorin vereint in ihrem Buch Geschichte, Kunstgeschichte, Kulturgeschichte und eine umfassende Schilderungen des „Zeitgeistes“, wie er an den Höfen der barocken Ära herrschte. So vieles ist da zu berücksichtigen – die politischen Bündnisse, die durchaus auch etwas von blanker Raubgier an sich hatten: die Bayern blickten immer wieder auf den „deutschen“ Besitz der Habsburger, die Bourbonen waren erfolgreicher, ihnen  Spanien abzujagen. Da gab es die vielen Kreuz- und Quer-Heiraten, die dann auch die Kunst beeinflussten, versuchte doch so gut wie jede Dame in der neuen Heimat etwas von dem einzuführen, womit sie selbst aufgewachsen war. Die Reisen der Fürsten selbst, aber vor allem der Botschafter und Gesandten, dienten nicht nur politischer Spionage und schlichtem, aussagekräftigem Klatsch, sondern auch der Schilderung dessen, was man anderswo vorfand – an Schlössern, Einrichtungen, Besitztümern, Hofhaltung, Repräsentation. Hier verschränkte sich vieles und keinesfalls nur in eine Richtung, dass die Wittelsbacher (die mehr für große Bauten ausgaben als jeder andere Hof) nur der rezipierende Teil gewesen wären: Es heißt, dass der Habsburger-Kaiser Leopold I. die Wiener Hofburg aus- und umbauen ließ, nachdem er die Münchner Residenz gesehen hatte…

Berechnung in Richtung „Sozialprestige“ (auf der höchsten Vergleichsebene der Höfe) herrschte ebenso wie der private Geschmack der Fürsten, von denen viele eine Menge von Kunst verstanden. Natürlich war es auch immer wieder eine Geldfrage, wie viel man in die eigene Selbstdarstellung investieren konnte. Es war auch, je nach dem Herrscher, unterschiedlich, wie viele Einflüsse man zuließ (oder sich gelegentlich gegen „Überfremdung“ wehrte und auf eigene Tradition setzte). Aber wie „frankophil“ die Bayern waren, das hätte die Autorin fortführen können, wenn sie noch das Beispiel von König Ludwig II. hineingenommen hätte – seine „Besessenheit“ wird nicht nur im Spiegelsaal, sondern im ganzen Schloss Herrenchiemsee geradezu gespiegelt. Dass es hierzu eine veritable Wittelsbacher Tradition gab, ist  in diesem – teils wissenschaftlich genauen, aber immer interessant lesbaren – Werk detailreich zu erfahren.

Renate Wagner

 

 

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