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ESSEN: I MASNADIERI – Premiere

09.06.2013 | KRITIKEN, Oper

ESSEN: I MASNADIERI Premiere am 8.Juni 2013

 Auf der Frontseite des Programmheftes zu „I Masnadieri“ sind die Opernprotagonisten wie auf Fahndungsfotos zu sehen. Es werden also Räuber gesucht, oder besser: Verbrecher. Dass Franz Moor von Natur aus einer ist, weiß man bereits aus Schillers Jugenddrama, auch dass der von seinem Vater, Graf Maximilian von Moor, in falscher Einschätzung seiner Person verstoßen wurde und zum Outlaw geworden ist. Regisseur DIETRICH HILSDORF sollte dieses Stück vor Jahren, als er noch stärker im Schauspielbereich arbeitete, in Bonn inszenieren. Aber er konnte mit ihm nichts anfangen und brachte dann lieber „Fiesco“ heraus. So hätte er eigentlich gewarnt sein müssen, als er vom Aalto Musiktheater für seine 19. Inszenierung vor Ort die Verdi-Oper angeboten bekam. Und diese wiederum für den heutigen Geschmack noch wirklich verdaulich zu machen, ist ein harter Brocken. Macht der Verträge oder Lust am Abenteuer?

 Wie weit Mut wirkte, bleibe dahin gestellt.. Dass die Verdi-Adaption nicht ungefiltert gespielt werden kann, dürfte für Hilsdorf aber in jedem Falle festgestanden haben. Um sich also nicht in einer Räuberpistole zu verfangen, hat der Regisseur nach einem umfassenderen, auch härteren Interpretationsansatz gesucht. Konnte der Reichtum des Grafen Moor, so mutmaßt er, anders entstehen als gleichfalls durch Raub? Karl müsste also nicht ausschließlich durch die Verleumdungen seines Bruders Franz dem Vater entfremdet worden sein, sondern könnte in Kenntnis der Vorgänge von sich aus in den „Untergrund“ gegangen sein, in dem er aber schließlich versumpft. Denn seine Kumpane sind keine „edlen“ Räuber, sondern Gesetzlose. Hilsdorf zeichnet sie als Betreiber modernen Bankenwesens. Das Gold regiert die Welt. JOHANNES LEIACKER, der für die gesamte Handlung einen einzigen (variierbaren) Einheitsraum geschaffen hat, definiert dieses Ambiente mit großem Aufwand.

 Die Familienkonflikte im Hause Moor bleiben in Hilsdorfs Inszenierung freilich erhalten, werden sogar dadurch zugespitzt, dass aus Hermann, Schillers eher neutralem „Bastard von einem Edelmann“, bei Verdi zum „Kammerdiener“ Arminio umfunktioniert, ein gerade mal geduldeter illegitimer Sohn des Grafen wird, der beim Intrigenspiel von Franz mitmacht. Für jeden Vorgang, für jede Motivation, für jede psychologische Regung bietet Hilsdorf Varianten. Sie sind intellektuell klug ersonnen, reiben sich jedoch – nicht immer fruchtbar – an den vielfach vergilbt erscheinenden Handlungsverläufen, an dem nicht immer besonders differenzierendem musikalischen Ausdruck des jungen Verdi, auch an den Übertiteln, die eine etwas seltsame Mischung aus blumigem Vokabular und Umgangssprache bieten.

 Obwohl sich Hilsdorf am Tage der Premiere in einem morgendlichen Radiointerview ausgiebig über handwerkliche Qualität als Voraussetzung für eine stimmige Inszenierung äußerte, bleibt diese in Essen teilweise aus. Der 2. Teil der Oper, mit „Ausweitung der Kampfzone“ übertitelt (Anspielung auf den gleichnamigen Roman von Michel Houellebecq ), ist zwar vor Betriebsamkeit nur so aufgeheizt, enthält aber doch viel Konventionelles. Im 1. Teil („Familienbande“) friert Hilsdorf seine Personenführung sogar förmlich ein, belässt es meist bei statischen Arrangements, was ihn freilich am Infiltrieren erhellender Gesten, verdeutlichender Augenkontakte und anderen Konflikthinweisen nicht hätte hindern müssen. Am hohen Qualitätsstandart seiner bisherigen Arbeiten gemessen (der sich beim nächsten Male fraglos wieder einstellen wird), ist der „Masnadieri“-Ertrag ein bescheidener, mehr noch: enttäuschender. Dennoch lässt sich verstehen, dass das Publikum (welches vermutlich ohnehin ganz anders dachte als der Rezensent) ihm das nicht lautstark vorwerfen wollte. Vielleicht war aber auch die Begeisterung über die musikalischen Leistungen dafür ausschlaggebend.

 SRBOLJUB DINIC kann umfängliche dirigentische Erfahrungen namentlich im italienischen Repertoire vorweisen, das hört man den „Masnadieri“ an. Die Musik der Oper wirkt emotional voll erfasst, agogisch sensibel ausgeformt und trotzdem mit allem hitzigen Impetus geboten, welche den jungen Verdi beflügelte. Es freut, dass Dinic neben dem bald scheidenden Stefan Soltesz mit dieser Produktion eine so gute Figur macht. Die ESSENER PHILHARMONIKER spielen auf Höchstniveau, der von ALEXANDER EBERLE präparierte Chor (in einigen Szenen als „Gedanken-Kollektiv“ vom Rang herab oder im Auditorium singend – in diesem Hause akustisch immer wieder überwältigend) klingt einmal mehr prachtvoll. Die authentischste Verdi-Stimme bietet fraglos ARIS ARGIRIS (Franz), belcantosicher und drängend im Ausdruck; zusätzlich ist der griechische Bariton ein intensiver Darsteller. In diesem Punkt bleibt ZURAB ZURABISVILI (Karl) etwas pauschal, beeindruckt aber mit seinem angenehm timbrierten, gut gerundeten, nur nicht immer ganz anstrengungslos geführten Tenor. Die armenische Sopranistin LIANA ALEKSANYAN hat mit der Amalia eine Partie gefunden, in der sie ihre Koloraturversiertheit mit dramatischem Affekt ausdruckssteigernd verbinden kann. Auch in vorgerücktem Alter bleibt MARCEL ROSCA (Maximilian) eine starke, in jeder Hinsicht prägende Bühnenpersönlichkeit. Mit Hilsdorf hat er vor rund 25 Jahren im Verdi-Bereich bereits „Don Carlo“ erarbeitet. Hermann wird wie beschrieben durch die Inszenierung, aber auch durch den vielseitigen RAINER MARIA RÖHR aufgewertet. Als Einziger bleibt dieser „Bastard“ in Essen von den Moors übrig. Das ist dann doch nochmal ein beklemmendes Bild.

 Christoph Zimmermann

 

 

 

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