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ERWIN SCHROTT: Und jetzt klopft langsam Verdi an …

24.11.2015 | INTERVIEWS, Sänger

 

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ERWIN SCHROTT

Und jetzt klopft langsam Verdi an …

Erwin Schrott, der übrigens die feste Absicht hat, Deutsch  zu lernen, war wieder für eine „Don Giovanni“-Serie an der Wiener Staatsoper. Ununterbrochen unterwegs, wird er im Jänner dann in Linz seinen „Rojotango“-Abend, der ihm sehr wichtig ist, im Musiktheater geben. Auch seine Karriere soll mit neuen Rollen in neue Richtungen gehen.

Von Renate Wagner

Herr Schrott, ganz schnell, bevor Sie schon wieder in Richtung Madrid unterwegs sind: Sie haben an der Wiener Staatsoper in „Don Giovanni“ gesungen – wieder den Leporello. Wobei Sie zu den wenigen Sängern gehören, die sowohl Giovanni wie Leporello, sowohl den Grafen Almaviva wie den Figaro am Repertoire haben. Kommt da nicht manchmal etwas durcheinander?

Aber natürlich, es passiert jeden Abend irgend etwas, so wie jeder Abend anders ist. Und um der Frage zuvor zu kommen, warum ich nach wie vor so viel Mozart singe – das ist nicht Faulheit oder Desinteresse an anderem , sondern weil Mozart einfach der Größte ist, man als Interpret nie mit ihm fertig wird und ich einfach mit ihm auch immer besser werden will. Ich habe mir neulich eine Aufnahme von meinem allerersten Leporello angehört – das war okey, aber bei weitem nicht das, was ich heute von der Rolle weiß und damit kann.

Es gibt Sänger, die nähern die Figuren von Giovanni und Leporello einander an. Finden Sie das richtig?

Nein, wenn ich Leporello bin, dann gebe ich mich auch wie ein Diener, der sich seiner Stellung bewusst ist und sich seinem Herren gegenüber entsprechend benimmt, schon des Kontrastes wegen. Und wenn ich den Don Giovanni singe, erwarte ich das von meinem Leporello-Kollegen auch. Aber wenn man wirklich gute Partner hat wie in Wien bisher Bryn Terfel, Ildar Abdrazakov oder jetzt eben Mariusz Kwiecien, dann funktioniert das wirklich mühelos. Je größer die Künstler, umso besser kann man mit ihnen arbeiten.

Sie sind jetzt – für einen Mann ist das das „beste Alter“ – 42 Jahre alt, glauben Sie nicht, dass man sein Repertoire nicht nur auf Mozart bauen kann, und, schüchtern gefragt, wird das nicht irgendeinmal langweilig?

Wie können Sie das nur fragen! Wir sprechen von Mozart! Mozart ist der absolute Gipfel, und ich möchte ihn hoffentlich bis ans Ende meiner Karriere singen. Aber ich gebe zu, dass jetzt langsam Verdi ruft („Verdi is calling“). Der Procida in „Les vêpres siciliennes“ in London war ein großer Erfolg und wird jetzt wieder aufgenommen. Und der Attila, den ich schon in Berlin singen wollte, aber dann krank wurde, kommt jetzt endgültig im Teatro Massimo in Palermo.

Ich habe ganz besonders über Ihren Dulcamara im „Elisir d’amore“ gelacht, Sie sind wirklich ein Komiker.

Nein, bin ich nicht („I am not a comedian“), ich denke mir nur für die Rolle ein paar kleine Dinge für ein paar Extra Lacher aus. Übrigens kommt auch in dieser Hinsicht etwas Neues, nicht Donizetti, sondern Rossini: Ich werde in Pesaro den „Turco in Italia“ machen. Ich studiere jetzt schon wie verrückt, wenn ich nichts anderes zu tun habe, dann auch bis zu zehn Stunden am Tag. Mir ist schon klar, dass meine Karriere auf eine nächste Stufe geht, und das ist eine wirkliche Herausforderung. Und ich hoffe, dass alles bis zu meinem Tod immer in Bewegung bleibt.

Es fällt auf, dass Sie mit Ihren „südamerikanischen“ Programmen zunehmend mehr unterwegs sind, mit dem „Rojotango“, dem „Roten Tango“ Ihrer Heimat Uruquay, und es gibt auch schon ein neues Programm, „Cuba Amiga“.

Diese Programme mit Musik aus meiner Heimat sind für mich sehr wichtig. „Cuba Amiga“ ist eine Reise durch die südamerikanische Musik von Buenos Aires bis Havanna. „Rojotango“ begleitet mich, seit ich ein Kind bin, und ich möchte das vermitteln. Wobei es eine Spezialität dieser Abende ist, dass ich „Freunde“ mitbringe – ich sage natürlich nicht, wen, das Publikum soll neugierig sein und sich freuen, aber als neulich in München als Überraschungsgast José Feliciano zu mir auf die Bühne kam, waren die Menschen ganz fassungslos.

Für einen Ihrer nächsten Rojotango-Abende können Ihre Wiener Fans am 24. Jänner ins Musiktheater in Linz pilgern. Es scheint, Sie hätten eine Vorliebe für diese Stadt entwickelt – werden Sie dort auch Oper singen?

Auf Linz freue ich mich, weil ich das Linzer Publikum im Sommer vorigen Jahres bei „Klassik am Dom“, in dieser herrlichen Nacht unter dem Sternenhimmel, erleben konnte, und das war eine wundervolle Erfahrung. Barbara Rett hat mir damals gesagt, dass sie die Linzer noch nie so außer Rand und Band gesehen hat, und das ist natürlich für einen Sänger sehr wichtig. Wenn ich auf die Bühne gehe, bin ich immer ein bisschen nervös, weil man weiß, man will sein Bestes geben, aber nicht weiß, ob es entsprechend aufgenommen wird. Und das war hier der Fall. Was das Musiktheater betrifft, so liebe ich den Raum mit seiner tollen Akustik und habe selbst angeboten, dort Oper zu singen. Und wir verhandeln auch darüber, es gab schon ein Angebot, das sich aus Zeitgründen nicht ausging. Meine nächsten drei Jahre sind verplant, man muss schon für vier Jahre voraus anfragen…

Wo leben Sie eigentlich, Herr Schrott?

Soll ich Ihnen sagen, dass ich seit zehn Monaten mit neun Koffern ununterbrochen unterwegs bin? Dabei hat mein Lehrer Leo Nucci mich und seine anderen Schüler beschworen, nicht zu viel zu machen, es rächt sich. Man braucht doch auch immer wieder Zeit, sich zu sammeln.

Aber freie Zeit nützen Sie doch für humanitäre Projekte?

Ja, wir haben in meiner Heimatstadt Montevideo die Stiftung „La Muralla“ gegründet, die Straßenkindern die Möglichkeit gibt, in einem Haus zusammen zu kommen, etwas zu lernen, auch Musik. Ich gebe sehr viel von meiner Gage an diese Institution, und ich bitte auch um Spenden, aber man soll bitte keine alten Sachen bei uns abladen, sondern wenn schon, denn schon, etwas Neues geben. Damit ein Kind, das nie etwas Eigenes hatte, plötzlich weiß, wie es ist, etwas zu besitzen, einen Anzug, ein Handy. Dafür hat es nun die Verantwortung, darauf wird es aufpassen. Das ist, glaube ich sehr wichtig. Ich widme diesen Dingen viel Zeit, denn ich möchte auf diese Art etwas von dem Glück, das ich in meinem Leben gehabt habe, weitergeben. Wenn man mich fragt „Was machst Du beruflich?“, dann sage ich: „Ich bin Opernsänger.“ Wenn man mich fragt „Womit verdienst Du Dein Geld?“, dann sage ich: „Ich bin Opernsänger.“ Und wenn man mich fragt „Was macht Dich glücklich?“, dann antworte ich: „Ich bin Opernsänger.“ Was kann man mehr verlangen?

 

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