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ERL/Festspielhaus: EL JUEZ von Christian Kolonovits mit José Carreras

13.08.2014 | KRITIKEN, Oper

12.8: Festspielhaus Erl:  El Juez von Christian Kolonovits

El Juez - Premiere - 09 Aug 2014_MG-3384 small by ahaunold@gmx.at
Schlussapplaus mit Christian Kolonovits, José Carreras, Angelika Messner. Foto: DI. Dr. Andreas Haunold

Selbst die größten Fans von José Carreras waren skeptisch, als man von neuen Opernplänen des Tenors erfuhr. Wenn man nun  „El Juez“ im Festspielhaus Erl erlebt hat, kann man sich jedoch seiner Skepsis nur schämen und dem Komponisten Christian Kolonovits, seiner Librettistin Angelika Messner und dem Initiator Carreras ergriffen für einen großen Abend danken.

Kolonovits und Messner feierten bereits ihr erfolgreiches Debüt als Autorenduo in der Kinderoper „Antonia und der Reißteufel“. Nun hat sich die Regisseurin und Autorin, inspiriert von einer BBC-Dokumentation über politisch missliebigen  Eltern geraubte, in Klöstern erzogene Kinder in der Franco-Ära, dieses dunklen Abschnitts  der jüngeren spanischen Geschichte angenommen und ein packendes, opernwirksames Stück um einen Richter geschaffen, der als ebenfalls geraubtes Kind auf der Suche nach seiner Identität zwischen die Fronten gerät. Dabei gibt es eine unglücklich endende Liebesgeschichte und die letztlich erfolgreiche Suche eines jungen Mannes nach seinem  geraubten Bruder, die fatal endet.

Mit viel Gespür für Dramatik setzte Komponist Kolonovits die packende Geschichte in Musik um, die eine ohrenschmeichelnde Mischung aus Verismo-Oper und Zarzuela mit Jazzelementen darstellt. Dramatische Rezitative erblühen zu Ariosi und Arien, es gibt Liebesduette, ein Gebet an die Madonna, wirkungsvolle Konfrontationen und Ensembleszenen sowie leitmotivisch einen kurzen Chor der verschwundenen Kinder. Dass man bei Ein-und Überleitungen manchmal stark an sämtliche Puccini-Opern erinnert wird, schadet nicht. Auch Rodrigo vermeinte man zu hören, ebenso wie von Kastagnetten begleitete spanische Folklore. Für die verschiedenen Instrumente enthält die Partitur wirkungsvolle solistische Aufgaben, und eine wichtige Rolle kommt den Schlaginstrumenten zu. Das von David Giménez dirigierte Orchester der Festspiele Erl zeigte sich den besonders im ständig wechselnden Rhythmus liegenden Schwierigkeiten der Partitur bestens gewachsen und hatte einen wichtigen Anteil an der packenden Aufführung.

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Lena Maurberger, José Carreras. Foto: DI. Dr, Andreas Haunold

Die Librettistin schuf einige attraktive Rollen, darunter Paula, eine engagierte Fernsehjournalistin, und Alberto Garcia, einen Liedermacher, der mit einem Chanson über seinen verschwundenen Bruder die Verbrechen der Vergangenheit ans Licht der Öffentlichkeit bringt. Jugendlich, attraktiv und sympathisch, gefallen mit ihrem dunkel getönten Sopran mit helleren Höhen Sabina Puértolas und José Luis Sola mit seinem schlanken, höhensicheren Tenor. Sie werfen sich ebenso vehement in ihre Rollen wie Ana Ibarra als Äbtissin eines Klosters, das „Waisenkinder“ großzog. Mit ihrem beweglichen Mezzo konnte sie das Ringen um das Eingeständnis ihrer Schuld eindrucksvoll gestalten. Ihr Lieblingskind war Federico Ribas, nun „el juez“, ein Richter, der Ermittlungen verhindern soll. Seine innerliche Zerrissenheit, sein Ringen um die Erkenntnis von Recht und Unrecht abseits der Gesetzeslage, die Suche nach seiner Identität – all das gestaltet José Carreras mit der Rollenidentifikation und Intensität, welche die ganz Großen auszeichnen und die immer ein Markenzeichen seiner Interpretationen waren. Seine Spezialität, schön zu leiden, kann er hier bestens ausleben. Christian Kolonovits hat ihn mit 2 effektvollen Arien bedacht und die ganze Partie auf die noch immer edel timbrierte Mittellage des Tenors geschrieben, der mit seiner Noblesse die gut gezeichnete Figur noch veredelt und mit seiner Sensibilität noch ergreifender macht.

Carlo Colombara als ewig gestriger Finsterling –  er ist Chef des Geheimdienstes – hat als einziger Charakter keine Arie, seine vier Schergen lassen aber Erinnerungen an Scarpia aufkommen.

Die Inszenierung von Emilio Sagi erzielt mit wenig Aufwand große Wirkung: Ein Gitter, das als Klostermauer, Hausfassade und Schleier des Vergessens fungiert, und einige Versatzstücke charakterisieren die wechselnden Schauplätze und schaffen die werkadäquat düstere Atmosphäre, verstärkt durch Einblendungen eines schemenhaften Kinderchores, der ein trauriges Wiegenlied singt.

Die kurze, ergriffene Stille, die bei ernsten Werken immer ein Qualitätskriterium ist, wich schließlich lautem Jubel für die Protagonisten, natürlich am heftigsten für José Carreras, Komponist und Librettistin wurden mit standing ovations bedacht. Weitere Begegnungen mit dem Werk wären wünschenswert!

Traude Steinhauser

 

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