21.7.2023- „Siegfried“- Passionsspielhaus Erl- Tiroler Festspiele Erl Sommer 2023.
„Von einem, der auszog… und das Lieben lernte!“

Fotos: Xiomara Bender
Mit der Aufsehen erregenden und schlüssigen Regie des neuen „Erler Rings“, der in diesemSommer mit „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ fortgesetzt wurde, krönte KS Brigitte
Fassbaender ihre große Karriere. Im ersten Akt „Siegfried“ hütete Mime seinen Ziehsohn Siegfried als Kind (Statisterie-Kind: Vitus Rizzoli/ Linus Schröter), der schon im Gitterbett
unerschrocken mit dem Speer herumhantierte. In Mimes Reich, in dem sich seine Schmiedewerkzeuge befanden und eine große Freitreppe in die oberen Stockwerke führte, ergänzten stimmige Videoprojektionen (Video: Bibi Abel) an den Wänden, welche die Bühneumrundeten. Traditionsgemäß ist das Orchester im Passionsspielhaus Erl hinter der Bühne postiert, durch einen durchsichtigen Vorhang schemenhaft sichtbar und sehr gut hörbar,wobei die, auf der Bühne agierenden Sängerinnen und Sänger über Monitore vor der Bühnemit dem Dirigenten und dem Orchester in Verbindung bleiben. In Fassbaenders Inszenierungwurde die Personenführung sehr stark in den Fokus gestellt, die einzelnen Charaktere fein ausgearbeitet, an jedes Detail gedacht und von den Protagonistinnen und Protagonistengroße Intensität sowie Beweglichkeit verlangt. Im zweiten Akt kam der regieliche Ideenreichtum weiter zu beeindruckender Geltung. Alberich, der vor der Höhle Fafners lauerte, aus Dosen trinkend und Kekse essend, der Wanderer durchs Publikum auftrat, der Waldvogel schon von Anfang des Aktes an, bunt und quirlig präsent war, im Wald, der durchkahle Baumstämme symbolisiert wurde (Kaspar Glarner: Bühnenbild und Kostüme), der spektakuläre Auftritt von Fafner, der als schwer bewaffneter Krieger mit„Feuerspeienden“ Pumpguns die Szene beherrschte, bis er von Siegfried niedergestreckt wurde. Die krönende Regieidee war jedoch die Szene der Erda im dritten Akt, die in ihrem Schlafgemach in einem Bett mit Seidenwäsche zugedeckt und bekleidet, wie eine mondäne, vermögende Geliebte, ihre Augen mit einer Schlafmaske bedeckt, aus der Tiefeheraufgefahren wurde und der Wanderer sie mit Sekt und in Folge seiner eigenen Präsenz neben ihr im Bett zu becircen versuchte. Ähnlich die Erweckung Brünnhildes durch Siegfried, in dem er ihr die Füße küßte. Bei aller Ernsthaftigkeit der Handlung, der Musik und des Textes wurde bei Fassbaenders Regie stets auch ein Schuß Humor spürbar. Fantastisch wardie musikalische Umsetzung des Wagner‘schen Monumentalwerkes. Das hervorragende Orchester der Tiroler Festspiele Erl unter der überaus souveränen und hingebungsvollen Leitung von Erik Nielsen, erzeugte schier überirdische Klangerlebnisse und gewährleistete ein vollkommenes Eintauchen in das Wagner‘sche Oeuvre. Ausgezeichnete Sängerinnen und Sänger komplettierten die außergewöhnliche Brillanz dieser Aufführung. Vincent Wolfsteiner faszinierte als „Siegfried“ mit schier unerschöpflichen, stimmlichen Kräften und Ressourcen!
Souverän beherrschte er die anspruchsvolle Rolle, sowohl in den ausladenden, pastosen Passagen, als auch in den lyrischen, innigen Momenten. Besonders berührend waren u.a. die Gedanken an seine Mutter im zweiten Akt. Er wußte sich seinen „Siegfried“ genau einzuteilen, sodaß man am Ende das Gefühl bekam, er könnte die ganze Rolle noch einmal von vorne durchsingen.
Der Mime, in Brigitte Fassbaenders Inszenierung körperlich kein Zwerg, sondern ein fescher, großgewachsener Naturbursch, wurde von Peter Marsh sehr beeindruckend als beißend, boshafter und stimmlich sehr präsenter Intrigant dargestellt. Simon Bailey dominierte als Wanderer eindrucksvoll die Bühne. Mit mächtiger Stimme und bester Textverständlichkeit präsentierte er ein packendes Persönlichkeitsprofil. Sämtliche Protagonistinnen und Protagonisten überzeugten mit hervorragender Aussprache und Textverständlichkeit. Sie wurden für die Aufführungen von KS Oskar Hillebrandt intensiv gecoacht. Craig Colclough fesselte als bühnenpräsenter, beweglicher und überaus intensiver Alberich. Mit seiner durchschlagskräftigen Stimme und der vollkommenen Identifikation mit dem Charakter des Alberich, beherrschte er eindrucksvoll die Bühne. Die persönlichkeitsstarke Brünnhilde von Christiane Libor zog mit „Heil dir, Sonne!“ umgehend die Aufmerksamkeit an sich. Mit glutvoller Intensität, hochdramatischem Glanz, ausdrucksstarken Brusttönen und fulminanten Höhen lebte sie eine Brünnhilde par excellence! Die maltesische Mezzosopranistin Marvic Monreal überzeugte als Erda mit pastosem Alt, Ausdruckskraft und attraktiver Erscheinung. Der furchterregende, stimmgewaltige Fafner von Anthony Robin Schneider und der klar und quirlig, in den höchsten Höhen zwitschernde Waldvogel von Anna Nekhames ergänzten bestens das ausgezeichnete Ensemble.
Eine brillante Aufführung, die in der besonderen Atmosphäre des Passionsspielhauses Erl ein echtes, lebendiges, mitreißendes und authentisches Wagner-Erlebnis bot und zu Recht stürmisch bejubelt wurde!
Marisa Altmann-Althausen

