Theater Erfurt/Giuseppe Verdi „Ein Maskenball“/Premiere: 7. Februar 2026
Eine Dystopie unter der Erde: Verdi neu gedacht

Foto: Lutz Edelhoff
Regisseurin Katharina Kastening verlegt „Ein Maskenball“ in eine beklemmende Unterwelt, in der die Menschheit vor einem zerstörten Klima Zuflucht gesucht hat – passend zur Oper, die seit ihrer Entstehung von Macht, Intrige, Eifersucht und Verrat erzählt.
Regisseurin Katharina Kastening hat für die Erfurter Inszenierung einen mutigen Ansatz gewählt: Sie verlässt die historische Kulisse vollständig und versetzt die Handlung in eine Dystopie. Der Klimawandel hat die Erdoberfläche zerstört, die Menschen leben unter der Erde. Wer sich in klimatisierten Schutzräumen der Elite aufhält, kann die Krise fast vergessen. Wer aber in dunklen, feuchten, höhlenartigen Räumen darunter haust, trägt die Konsequenzen auf dem eigenen Körper.
Dieser Zugriff erweist sich als kluge und konsequente Setzung: Die Welt selbst wird zum Druckkessel, der die Figuren ins Unheil treibt. Die Einleitungen zu den einzelnen Akten werden filmisch illustriert. Mit „News-Breaks“ von NBN werden KI-generierte Szenen mit Text-Laufbändern gezeigt. Die dargestellten Szenen präsentieren dem Theaterzuschauer katastrophale Vereisungsbilder und zeigt um Hilfe ringende Menschen, die diesen Situationen völlig hilflos ausgeliefert sind. Nur die „Spezialbunker“ bieten Rettung und genau dort sind die Spielplätze der Inszenierung.
Kastenigs und Kittels dystopische Vision
Das Bühnendesign von Hank Irwin Kittel ist ein Beispiel für kreatives Recycling auf höchstem Niveau. 80 Prozent der Bühnenwände stammen aus den beiden vorherigen Spielzeiten – sie waren zuvor Steilküste in Brittens „Peter Grimes“, Seziersaal in Puccinis „Tosca“ und Klagemauer in Mendelssohns „Elias“. Theaterplastiker formen Bühnengaze mit Tackern und Kabelbindern zu organisch anmutenden Felsformationen. Die Leiterin des Malsaals, Claudia Fischer, verleiht den Wänden mit Höhlenmalerei den letzten Schliff.
Besondere Aufmerksamkeit verdient der sogenannte Solar Harvester, eine aus Elektroschrott zusammengebaute Konstruktion, die in der dystopischen Welt die letzte existierende Pflanze am Leben halten soll. Aus alten Handys, Leiterplatten, Kühlrippen und bunten Kabelsträngen entsteht auf einem ausrangierten Rosenobelisk ein Objekt, das gleichzeitig absurd und poetisch wirkt. Auf zwei alten Kühlschränken platziert und von Kammersängerin Katja Bildt als Ulrica szenisch umspielt, wird es zu einem der eindrucksvollsten Bilder der Inszenierung.
Verdis Musik in der Katastrophen-Umgebung
Verdis Partitur – geschrieben auf der Höhe seiner kompositorischen Reife – liefert dafür das psychologische Fundament. Die Oper lebt von Kontrasten: Festliche Leichtigkeit prallt auf Unheilsahnung, heitere Szenen wechseln mit düsteren – und am Ende kulminiert alles im vermeintlich glänzenden Ball. Die Ouvertüre spannt den Bogen mit zwei Leitmotiven zwischen Liebe und Verschwörung; die großen Ensemble- und Chorszenen zeigen Verdi auf der Höhe seiner dramatischen Kunst. Die inneren Kämpfe von Amelia, Renato und Riccardo gewinnen mitunter eine geradezu shakespearesche Wucht – und genau hier setzt diese Erfurter Inszenierung an.
Die Handlung ist schnell erzählt: Ein Herrscher liebt die Frau seines besten Freundes und Sekretärs. Sie erwidert seine Gefühle platonisch. Als der Freund vom vermeintlichen Verrat erfährt, sinnt er auf Rache und schließt sich den Verschwörern an, um den Herrscher auf einem Maskenball zu ermorden. Vor seinem Tod gesteht der Herrscher, dass die Ehre der Dame unbefleckt geblieben sei.
Die Oper selbst hat eine turbulente Entstehungsgeschichte: Ursprünglich vor dem historischen Hintergrund der Ermordung des schwedischen Königs Gustav III. konzipiert, musste Antonio Sommas Libretto wiederholt überarbeitet werden, um die Zensur zu umgehen. Erst nach zahlreichen Kämpfen mit den Behörden konnte die Uraufführung in Boston stattfinden.
Verdi nutzt Kontraste meisterhaft, verbindet Kraft und Dramatik mit subtilsten Nuancen emotionaler Zustände. Die Ausdruckskraft der Gesangspartien, die Brillanz des Orchesters und die meisterhafte Gestaltung der Ensembles heben das Werk heraus. Das Quintett am Ende des ersten Akts, zweiten Teils, in dem die Gefühle der Antagonisten offenbart werden, zählt zu den Höhepunkten der musikalischen Dramaturgie.

Foto: Lutz Edelhoff
Die musikalische Umsetzung
Generalmusikdirektor Hermes Helfricht bezeichnet „Ein Maskenball“ als besondere Herausforderung und Freude zugleich. Das Philharmonische Orchester Erfurt bringt die Musik auf italienische Weise zum Leben, wie es Verdis Melodien gebührt.
Helfricht passte sich gekonnt dem Charakter der Inszenierung an und bemüht sich der Partitur Energie, aber auch eine tiefgründige, lyrische Qualität zu verleihen. Leider gelingt ihm das nicht immer. An manchen Stellen sind einzelnen Instrumentengruppen zu laut und übertönen die Sänger auf der Bühne. Die Gesamtwirkung ist davon einige Male beeinträchtigt, weil der Klangeindruck dann auseinander triftet, wenn die Orchesterstimmen zu laut sind. Den Gesamteindruck von Orchester und Sängern kann Hermes Helfricht nicht immer präzis steuern. Auch die Tempi führt er unausgewogen, manchmal treibt er das Orchester zu energisch, manchmal ist er zu schleppend mit seinem Dirigat.
Der Opernchor des Theaters Erfurt unter der Leitung von Markus Baisch übertrifft sich selbst, sowohl in seiner Fähigkeit, sich aktiv am Geschehen zu beteiligen, als auch in der Qualität seines Gesangs, seiner Ausdruckskraft und Kompaktheit.

Foto: Lutz Edelhoff
Die Stimmen der Premiere
Ewandro Stenzowski (Riccardo) verfügt über einen kraftvollen, lyrischen Tenor mit beträchtlichem Farbreichtum. Seine Stimme verbindet Strahlkraft mit nuancierter Ausdrucksfähigkeit und erweckt die Figur des lebenslustigen Grafen mit stimmlicher Brillanz und jugendlichem Glanz zum Leben. Er überzeugte gleichermaßen in lyrischen Kantabelen und humorvollen Passagen, insbesondere im Quintett am Ende der zweiten Szene.
Und das alles bringt er fertig, trotz seiner Bronchitis-Erkrankung, für die Intendant Wasem vor der Vorstellung um Verständnis bittet. Damit rettet Ewandro Stenzowski den Premierentermin und zeigt gleichzeitig, wie herausragend seine sängerische Leistung ist.
Svetlana Kasyan (Amelia) beeindruckt mit einem dramatischen Sopran von großer Tragfähigkeit und emotionaler Tiefe. Amelias Rolle zählt zu den undankbarsten der Oper – die ständige dramatische Spannung und die anspruchsvolle Gesangspartie stellen höchste Anforderungen. Kasyan meisterte alle Schwierigkeiten der Rolle mit Würde, bezauberte mit der Sanftheit ihrer Klangproduktion, der Harmonie ihrer Gesangslinie und der Feinheit ihres vokalen Helldunkels. Ihre Stimme verfügt über die nötige Durchschlagskraft für große Ensembleszenen und zugleich über die Feinheit für intime Momente. Sie ist gemeinsam mit Stenzowski ein Star der Premiere.
Übrigens hat Pabst Franziskus Svetlana Kasyan am 4. Juni 2024 zur „Friedensbotschafterin“ ernannt und für ihre bisherige Gesangs-Karriere gibt es schon so viele Auszeichnungen, dass man sie hier nicht alle aufzählen kann.
Sangmin Lee (Renato) präsentierte einen warmen, ausdrucksvollen Bariton mit schöner Farbmodulation besonders im unteren Register. Besonders in der Arie „Eri tu“ kommt seine Stimme zur Geltung und vermittelt eindrucksvoll die emotionale Zerrissenheit der Figur zwischen Rache und verlorenem Vertrauen. Seine stimmliche Gestaltung verleiht der Rolle sowohl Noblesse als auch dramatische Intensität.
Kammersängerin Katja Bildt (Ulrica) verleiht der Wahrsagerin mit ihrem ausdrucksstarken Mezzosopran eine faszinierende Präsenz. Ihre Stimme verfügt über beeindruckende Tiefe, die der mysteriösen Figur sowohl dunkle Autorität als auch menschliche Wärme verleiht. Bildt verkörpert Ulrica nicht als furchterregendes Monster, sondern als geheimnisvolle Frau, die leichtgläubige Menschen geschickt zu manipulieren vermag. Durch nuancierte Farbgebung und eindringliche Phrasierung arbeitet sie die vielschichtige Natur der Figur zwischen prophetischer Macht und mitfühlendem Verständnis meisterhaft heraus.
Candela Gotelli (Oscar) meisterte die zahlreichen Koloraturen mit einem hellen, tragfähigen und glasklaren Sopran. Ihre bewegliche Stimme bringt die Lebensfreude des sympathischen Pagen mit sprühender Virtuosität und großer Ironie zum Ausdruck.
Das Verschwörerpaar Mario Klein (Samuel) und Rainer Zaun (Tom) verdienen lobende Worte. Mario Klein gestaltet seine Partie mit kräftigem Bass und verleiht der finsteren Figur die nötige stimmliche Autorität und Bedrohlichkeit. Rainer Zaun ergänzt als zweiter Verschwörer mit solidem Bass die düsteren Machenschaften und bildet mit Samuel ein stimmlich überzeugendes Duo der Intrige.
Weitere Rollen übernehmen Alessio Fortune Ejiugwo (Silvano) und Jörg Rathmann (Richter/Diener).
Die Choreografie stammt von Evie Poaros.
Fazit
Die neue Inszenierung von „Ein Maskenball“ am Theater Erfurt ist eine mutige Produktion, die zeitgenössische Themen aufgreift, ohne Verdis Musik zu vernachlässigen. Verdi komponierte die Oper 1859 im Alter von 45 Jahren, nach bereits 21 vollendeten Opern. Die Partitur ist ein Zeugnis seiner kompositorischen Reife und zeichnet sich durch außergewöhnliche Ausdruckskraft aus. Düstere Szenen wechseln sich mit heiteren ab, und der dramatische Höhepunkt findet vor dem Hintergrund eines Maskenballs statt. Die Ouvertüre basiert auf zwei gegensätzlichen Leitmotiven – Richards lyrischem Liebesthema und dem unheilvollen Thema der Verschwörer. Das alles verbindet die Erfurter Inszenierung mit einer dystopischen Raumkonzeption.
Der kreative Umgang mit vorhandenen Mitteln und die hervorragende musikalische Leistung des Ensembles ergeben einen Abend, der über die Grenzen einer traditionellen Operninszenierung hinausgeht.
Seit Mitte Dezember hat das internationale Ensemble an dieser Produktion gearbeitet und die enge, freudvolle Zusammenarbeit zwischen Regie, musikalischer Leitung und Sängern ist deutlich spürbar. Diese Energie, die aus gemeinschaftlicher Arbeit entsteht, ist genau das, was eine Oper wie „Ein Maskenball“ braucht. Ein Stück, das von Leidenschaft, Verrat, Liebe und Mord erzählt.
Die Bühne gehört nun dem Publikum und der Applaus will am Premierenabend kein Ende nehmen.
Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

