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ERFURT/ Domstufenfestspiele: DER FREISCHÜTZ – Trachtenstadl und Gruselflair. Premiere

10.07.2015 | Allgemein, Oper

Der Freischütz/DomStufen-Festspiele/Erfurt/ Premiere 09.07.2015

Trachtenstadl und Gruselflair

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Foto: Domstufenfestspiele Erfurt

 Schon vor der Premiere wandte sich Guy Montavon ans Publikum mit der Bitte in Trachten zu den Aufführungen zu kommen. Schließlich seien es Festspiele, und auch als Reverenz an Carl Maria von Weber solle man sich festlich kleiden. Er selbst ging mit Janker und Lederhose voran. Als Regisseur lotet er allerdings die Doppelbödigkeit des Kuschlig-Urigen aus. Schon am Bühnenbild Peter Sykoras erkennt der Zuschauer, dass hier nicht nur eine Komödienstadl-Geschichte mit Verwechslungs-Happy-End vorgetragen werden soll.

  „Der Freischütz“ spielt in einem vom Krieg verwüsteten Land nach dem Dreißigjährigen Krieg. Baumstämme liegen chaotisch verteilt auf den Domstufen. Eine mit Blut verschmierte Schießscheibe umrahmt von geborstenen Kanonen und Totenschädeln bildet den Bühnenkern. Ja, selbst der Hirsch des Heiligen Hubertus liegt skelettiert in der Bühnenmitte und sein Kreuz zwischen dem Geweih ist geknickt. Die Baumstämme machen den Eindruck, als würden sie jeden Moment die Domstufen herunter gespült. Gemütliche Brauchtumspflege hätte eine andere Folie. Mit diesem optischen Widerspruch spielt die Montavonsche Inszenierung. 

 Zwischen diesen Natur- und Zivilisationstrümmern bewegen sich die Sänger. Im oberen Drittel der Domstufen beginnt der Chor mit „Viktoria, der Meister soll leben“. Damit verspotten die Dorfbewohner den Jägerburschen Max, der eigentlich ein „Profi-Schütze“ sein soll. Darauf droht Cuno, gesungen von Gregor Loebel dem Max, Bernhard Berchtold: „Ich bin Dir wie ein Vater gewogen, doch wenn du morgen beim Probeschuss fehltest, müsst ich dir meine Tochter versagen!“ Die Warnung schlägt ein. Der österreichische Tenor Bernhard Berchtold verkörpert die Rolle des schwer irritierten Bräutigams auch auf die große Wahrnehmungs-Distanz zur Zuschauertribüne sehr präsent. Auch als Max seinen Gedanken nachhängt „Nein, länger trag‘ ich nicht die Qualen“, schwingt bei Bernhard Berchtold eine Verzweiflung mit, die seine Ängste wirklich zum Ausdruck bringt.

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Copyright: Domstufenfestspiele Erfurt

 Der Kontrahent ist der Jägerbursche Caspar aus Cunos Mitarbeitertruppe. Und diesen Caspar, sieht Montavon gar nicht so diabolisch, sondern als einen pechhaft Zu-Kurz-Gekommenen, gesungen wird der vom ukrainischen Bariton Andrey Maslakov. Mit: „Hier im ird’schen Jammertal“ lädt er Max zum Trinken ein. Guy Montavon meinte im Vorfeld: „Kaspar sei in den Krieg gezogen und habe gesehen, wie seine Kameraden niedergemetzelt wurden“. Er hatte ursprünglich selbst um Agathe geworben und Andrey Maslakov singt denn auch: “Jungfer Agathe soll leben! Die mich um deinetwillen verwarf“. Mit der Heirat von Max und Agathe würde er auch die Försterei nicht erben. So sinnt Caspar, Maslakov, ziemlich depressiv-düster auf Rache. Andrey Maslakov trifft dabei nicht nur die Töne seines Parts sondern auch den Ton des Benachteiligten. Jetzt kommt die schöne Szene, in der er sein Gewehr leiht und Max ermuntert auf einen Adler zu schießen als die Uhr sieben schlägt. Und, oh Erfurter Schützenwunder, ein dicker Gummivogel wird mit Taschenspielertrick auf die Domstufen geworfen. Solche netten Gacks sind von Montavons Regie immer zu erwarten und die Freikugel macht es möglich. Es folgt eine schöne Chorszene in der Einstudierung von Andreas Ketelhut und die Dorfbevölkerung bricht auf zum Tanz in die Waldschenke im Walzertakt, während Bernhard Berchtold als Max seinen Gedanken nachhängt und seine Verzweiflung und Ängste zum Ausdruck bringt.

  Szenenwechsel: In einer puppenstubenartigen Hütte bemühen sich Agathe und Ännchen um die echten Thüringer Klöße, das ist der Beginn des 2. Aktes. Ilia Papandreou (Agathe) und Daniela Gerstenmeyer (Ännchen) betreiben diese Aufgabe äußerst geschickt. Gewandt und geschickt turnen die beiden auch zwischen vielen Baumstämmen herum und sind gesanglich den Männern mindestens ebenbürtig. Die griechische Sopranistin Ilia Papandreou gehört seit 2006 zum Ensemble und wird Erfurt bald verlassen. Sie betont die Tiefe der Gefühle und die spirituelle Reinheit Agathes in ihrer Arie-Szene vor dem Schlafengehen. In der Szene gelingt beiden Frauen ein Wechsel von den ausdrucksvollen Rezitativen zu fesselnden Liedmelodien. Die Arie des sorglosen Ännchen, Daniela Gerstenmeyer ist voller Licht und Freude. Sie widerspricht den dunklen Ahnungen Agathes mit zerstreuender Leichtigkeit.

 Im zweiten Bild wächst die dramatische Spannung. Hier wird dem Orchester eine entscheidende Rolle zugewiesen. Die ungewöhnlich klingenden Akkorde, die düsteren Töne und das erschreckende Heulen des mysteriös, unsichtbaren Chores erstellen ein fantastisches Bild. In der Domstufen-Inszenierung taucht die Beleuchtung erst mal alles in Nachtsicht-Grün und das Orchester unter Samuel Bächli verbreitet die Gruselatmosphäre akustisch dazu. Da beginnt wirklich der Höhepunkt in der Wolfsschluchtszene, das Freikugelgießen. Bühnenbildner Peter Sykora und Regisseur Guy Montavon haben sich für diese Szene jede Menge Effekte zurechtgelegt. Da wabert Dampf, da entwickeln sich Lichtspiele, die von Rot bis Pink wechseln. Eine Puppe, in der Traumsequenz den Tod Agathes verkündend, stürzt von der Domballustrade in die Tiefe. Vielleicht ist so eine Puppe ein bisschen hausbacken, aber sie passt zum Gesamtkonzept von Montavon.

 Bei jeder neu gegossenen Kugel erschallt ein anderes Echo, das noch mehr dämonische Stimmung verbreitet. Den Schauplatz des Gießens der magischen Kugeln umrahmt das Orchester unter Samuel Bächli mit erstaunlicher Klarheit und vollführt musikalisch eine wilde Orgie der Teufel. Dramaturgisch wird enorm gesteigert. An Licht- und Pyrotechnik wird aufgeboten, was man heute so machen kann und damit wird das Spektakelhafte sicherlich unterstrichen. Diese Showeffekte sind auch auf einer so großen Bühne nötig. Auf einen besonders markanten Samiel wird allerdings verzichtet. Die Turmuhr schlägt eins und der Höllenspuk ist vorbei.

 Jetzt geht man wieder über zur Stadl-Version. Casper bringt Max dazu seine Kugeln zu verschießen und das Puppenstubenförsterhaus ist halb zu sehen und Ilia Papandreou (Agathe) und Daniela Gerstenmeyer (Ännchen) winden nach Agathes Alptraum den Brautkranz aus geweihten Rosen. Hier fällt die Spannung deutlich ab, aber Montavon hat noch ein Ass im Ärmel. Nun folgt eine krachlederne Parodie.

Ein Jäger erscheint und rezitiert persiflierend: „Was gleicht wohl auf Erden…etc.“ Besonders witzig wirkt das „Joho trallala“. Da lacht dann auch das zunächst irritierte Publikum. Die Pointe wird dann leider etwas überstrapaziert, denn alle Strophen des Jägerchores werden vorgetragen. Viel amüsanter wäre ein Übergang von der Persiflage nach einer Strophe zum richtigen Chor gewesen. Der Chor ist dann gesanglich imposant und die Humpen werden donnernd aufgesetzt. Das große Finale zum Probeschuss beginnt.

 Máté Sólyom-Nagy erscheint als böhmischer Fürst Ottokar und fordert den Probeschuss, dazu passt sein solider Bariton. Ilia Papandreou (Agathe) kommt im Hochzeitsgewand und singt von düsteren Ahnungen. Den Hintergrund bildet permanent der Chor, damit die große Bühne schön voll ist. Der Showdown ist bekannt und die verirrte Kugel trifft Casper. Ob es dann noch nötig ist den Eremiten als Luther erscheinen zu lassen, darf man schon fragen. Manchmal ist weniger mehr. Der armenische Bassist Vazgen Ghazaryan singt jedenfalls eindrücklich und verkündet die Wahrheit des reinen Herzens sonor.

 Fazit: mit seiner Freischützinszenierung veranstaltet Guy Montavon ein opulentes Spektakel das sich sehen lassen kann. Peter Sykoras Bühnenbild gestaltet die Domstufen mit Schauwert ohne direkt plump zu sein. Nuancen der dunklen Kehrseite macht er sichtbar ohne Aufdringlichkeit. Die Kostüme von Pierre Albert bringen alpenländisches Flair und bieten in ihrer Farbigkeit viel Augenschmaus.

 Samuel Bächlis Dirigat unterstützt die Sänger gut, die bis auf Kleinigkeiten auch in ihren Gesangsleistungen überzeugen. Auch die Übertragungsanlage sorgt für gute Textverständlichkeit.

 Dass sich der Besuch gelohnt hat beweist der Applaus und alle gingen gut gelaunt nach Haus. Wer das auch noch erleben will, der hat bis zum 26. Juli 2015 noch die Gelegenheit dazu.

 Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

 

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