Erfurt/ Erfurter DomStufen-Festspiele / Musical „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice/ Premiere 07.08.2026

Copyright: Domstufenfestspiele Erfurt/ Lutz Edelhoff
Jesus Christ Superstar – Zwischen Rockmusik und Passionsspiel
Dargestellt werden die letzten sieben Tage Jesu von Nazareth in freier Anlehnung an die Bibel, jedoch nicht als Leidensgeschichte, sondern als Geschichte über Revolution, Unterdrückung, Geldgier und natürlich Peace and Love.
Zur Entstehungsgeschichte
Ein Blick lohnt zurück auf die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte des Stücks selbst. Komponist Andrew Lloyd Webber und Texter Tim Rice hatten mit „Jesus Christ Superstar“ zunächst kein Bühnenstück im klassischen Sinne vor: Weil sich für ihren Stoff keine Bühnen-Produzenten fanden, veröffentlichten sie ihr Werk 1970 zunächst als Konzeptalbum. Das einzige Recht, das sich die beiden dabei ausdrücklich sicherten, war das der „Bühnenaufführung“. Eine Weitsicht, die sich bald auszahlen sollte. Es war der erste große kommerzielle Erfolg von Lloyd Webber und Rice, noch vor „Evita“. Dieser Musik merkt man bis heute an, dass Woodstock zu diesem Zeitpunkt noch nicht weit zurücklag.
Als Doppel-LP stand das Werk wochenlang in den britischen Charts, bevor die Autoren es bühnentauglich machten und am Broadway herausbrachten. Die Hollywood-Verfilmung von 1973 tat ihr Übriges, um „Jesus Christ Superstar“ zu einem der erfolgreichsten Bühnenwerke des 20. Jahrhunderts zu machen.
Jesus Christ Superstar feierte am 12. Oktober 1971 am „Mark Hellinger Theatre“ seine Broadway-Premiere, inszenierte von Tom O’Horgan mit opulenter, zirkushafter Bildsprache. Die Kritiken fielen gespalten aus, gewürdigt wurde die Wucht der Inszenierung, kritisiert, dass Story und Musik darunter litten. Zugleich gab es Proteste: christliche Gruppen warfen dem Stück Blasphemie vor, jüdische Organisationen kritisierten die Darstellung der Priesterschaft. Trotz der Kontroversen wurde die Produktion mit 711 Vorstellungen bis 1973 ein kommerzieller Erfolg.
Auch in Erfurt ist das Stück kein Unbekannter: Bereits 2005 war es auf den Domstufen zu erleben und feierte schon damals einen großen Erfolg beim Publikum. An diese Tradition knüpft die diesjährige Neuinszenierung nun an.
Wer in diesen Tagen auf den Domstufen zu Erfurt sitzt, erlebt eine Inszenierung, die die alte Passionsgeschichte konsequent neu erzählt, zwischen biblischer Textnähe, Popkultur und ganz gegenwärtigen Fragen nach Macht, Liebe und Solidarität. Und diese Inszenierung wird von einem Ensemble getragen, das dem Stoff in seiner Besetzung eine bemerkenswerte Intensität verleiht.

Lukas Mayer, Máté Sólyom-Nagy. Copyright: Domstufenfestspiele Erfurt/Lutz Edelhoff
Die Perspektive: Judas als heimlicher Hauptprotagonist
Das Besondere an „Jesus Christ Superstar“ liegt schon im Stoff selbst: Die Position des Protagonisten teilt sich Jesus mit Judas Iskariot dramaturgisch im Stück. Gleich zu Beginn erleben die Zuschauer Jesus aus Judas‘ Perspektive, nicht als Gottessohn, wie ihn die Evangelien zeichnen, sondern als Mensch. Diese Verschiebung war es auch, die dem Stück seinerzeit heftige, teils empörte Kritik einbrachte. Librettist Tim Rice hat sich zwar an den Evangelien orientiert und daraus ein eigenes Konglomerat geformt, doch mit der Einflechtung der Judas-Perspektive schuf er etwas genuin Eigenes.
Mit Peter Lund kommt dabei ein alter Bekannter an eine frühere Wirkungsstätte zurück: Regelmäßigen Theatergästen ist er vor allem durch seine Rockoper „Jedermann“ in bester Erinnerung, für deren Libretto und Regie er verantwortlich zeichnete. In seiner Erfurter Deutung von „Jesus Christ Superstar“ rückt Lund nun die Nächstenliebe und die Liebe im Allgemeinen in den Fokus, ebenso das Thema Machtmissbrauch, das sich etwa in der Figur des Herodes, auch in der Kostümwahl von Ulrike Reinhardt widerspiegelt.
Eine 2000-jährige Bilderschau, die in der Moderne ankommt
Bühnenbildner Hank Irwin Kittel, Regisseur Peter Lund und Kostümbildnerin Ulrike Reinhardt erzählen die zweitausendjährige Bildgeschichte des Christentums als Bogen, der in der Gegenwart landet. Die Inszenierung beginnt mit einem Krankenhausbezug: Eine Ambulanz fährt vor die Bühne, eine blutende, leidende Figur wird herausgeworfen und erklimmt während der Ouvertüre kriechend die Domstufen. Es ist Jesus Christus selbst, dessen Identität sich den Zuschauern erst nach und nach erschließt.
Parallel dazu entfaltet sich eine Bilderschau christlicher Ikonografie: ein Krippenspiel, ein Verkündigungsengel, ein aufgestockter Esel und Ochse. Assoziationen, die an die Oberammergauer Festspiele erinnern.
Sieben Bilderrahmen prägen das Bühnenbild auf den Stufen und zeigen den Leidensweg Jesu in einzelnen Stationen: sechs stehen aufrecht und leicht gekippt, einer liegt horizontal in der Mitte.
Ein Bild für die Frage, wie sich Figuren aus einer ursprünglichen „Reinheit“ der Jüngerschaft herausbewegen und wohin dieser Weg sie führt. Die Rahmen sind begeh- und beleuchtbar, lassen sich kippen und dienen nach der Pause, wenn es dunkler wird, zusätzlich als Bildprojektionsfläche. Ergänzt wird dieses klug durchdachte und gut fokussierbare Bühnenbild durch eine neun Meter lange, ausziehbare Leiter sowie einen riesigen Tisch, an dem die ikonische Abendmahlszene stattfindet.
Nah an den Evangelien, fern von Dogmatik
Bemerkenswert ist die Werktreue: Rice hat für sein Libretto tatsächlich die Evangelien gelesen und daraus die zentralen Szenen der letzten sieben Tage Jesu ausgewählt. Ein „Best of“ mit erkennbarer Realitätsnähe zur historischen Zeit, ergänzt um genuine künstlerische Freiheit in der Zeichnung der Figuren. Zugleich verweigert sich das Stück bewusst jeder dogmatischen Positionierung: Weder die Gottessohnschaft Jesu noch die Auferstehung werden verhandelt. Der eigentliche Ehrentitel, den diese Figur trägt, ist der des „Superstars“, ein säkularisierter Jesus, rebellisch, authentisch, unabhängig von Institutionen, hoch individualisiert und gerade dadurch, so paradox das klingt, universal.

Copyright: Domstufenfestspiele Erfurt/ Lutz Edelhoff
Ein Ensemble in Höchstform
Genau diese Deutung trägt die Erfurter Besetzung mit bemerkenswerter Geschlossenheit und Intensität ins Ziel. Das Ensemble überzeugt sowohl stimmlich als auch darstellerisch auf ganzer Linie. Ein Abend, an dem sich die konzeptionelle Stärke der Inszenierung und das darstellerische Niveau der Besetzung gegenseitig tragen.
Lukas Mayer als Jesus Christus gibt der Titelfigur genau jene Mischung aus Verletzlichkeit und Widerstandskraft, die die Rolle verlangt: Vom kriechenden Auftakt über die Domstufen bis zum Ringen im Garten Gethsemane zeichnet er den Weg eines Menschen, der sein Ende kommen sieht und ihn am Ende doch annimmt – berührend und ohne falsches Pathos.
Til Ormeloh als Judas Iskariot ist der heimliche Hauptdarsteller des Abends, den ihm die Dramaturgie zugedacht hat und er füllt diese Rolle mit großer innerer Zerrissenheit: sein Verrat wirkt nie aus Niedertracht, sondern aus tief empfundener, fast verzweifelter Überzeugung – und die bittere Reue am Ende sitzt.
Kammersängerin Katja Bildt als Maria Magdalena bringt der körperlich-sinnlichen Seite der Passionsgeschichte eine warme, verletzliche Stimme entgegen; ihre Auseinandersetzung mit der Frage, wie man nach schwierigen Erfahrungen überhaupt noch lieben kann, gehört zu den leisesten und zugleich eindringlichsten Momenten des Abends.
Rainer Zaun als Pontius Pilatus zeichnet den Druck der Straße, dem seine Figur am Ende nachgibt, mit spürbarer innerer Not nach, während Kammersänger Máté Sólyom-Nagy als Herodes Antipas seinen Auftritt mit ironischer Leichtigkeit und komödiantischem Gespür setzt – ein bewusster, wirkungsvoller Kontrapunkt zur Schwere der übrigen Handlung.
Aaron Eunhyuk Lee als Kajaphas und Kammersänger Jörg Rathmann als Hannas verkörpern die jüdische Elite mit einer Mischung aus Kalkül und nachvollziehbarer Angst vor Aufständen, die dem Stück seine moralische Vielschichtigkeit gibt.
Kevin Arand als Petrus macht die Verleugnung aus strategischem Kalkül emotional greifbar, und Lukas Witzel als Simon Zelotes bringt die Frage nach Waffen und Widerstand mit Nachdruck auf die Bühne.
Auch die weiteren Ensemblemitglieder tragen wesentlich zur Wirkung des Abends bei: Isabella Seliger als Dance Captain sorgt für choreografische Präzision im gesamten Ensemble, das sich aus Lucca Kleimann, Sandro Wenzing, Anton Schweizer, Simon Lausberg und Hector Mitchell-Turner zusammensetzt. Die drei Soul Girls – Andrea del Solar, Antonia Wortberg und Lisa Maria Hörl – setzen mit ihrem homogenen, kraftvollen Gesang immer wieder markante musikalische Akzente. Nicht zuletzt geben Amadeus Gall und Jonah Konstantin Schäfer in der Rolle des Kindes dem Krippenspiel-Bild zu Beginn eine anrührende Unschuld.

Lukas Mayer, Ensemble. Copyright: Domstufenfestspiele Erfurt/ Lutz Edelhoff
Musikalische Leitung
Für die musikalische Leitung zeichnet Clemens Fieguth verantwortlich. Ausgezeichnet, wie er die Partitur zwischen Rock-Energie und den leiseren, balladesken Momenten des Abends austariert. Musikalisch ist Jesus Christ Superstar eine bewusste Grenzüberschreitung und genau diesen Charakter hat Clemens Fieguth in seiner musikalischen Leitung dieser Produktion herausgearbeitet.
In seiner Interpretation lässt er Rockmusik mit Gospel, Funk und sinfonischen Elementen unmittelbar aufeinandertreffen: Er führt das Orchester so, dass der vollen Streicher-, Bläser- und Chorbesetzung stets die rohe Energie der E-Gitarren- und Rhythmusgruppe des Rockensembles gegenübersteht. Gerade dieses von ihm bewusst gesteuerte Nebeneinander von roher Rock-Energie und orchestraler Fülle erzeugt jenen eigentümlichen Klang.
Auffallend ist zudem, wie gezielt Clemens Fieguth in seiner Lesart die musikalischen Stile zur Charakterisierung der Figuren einsetzt. In seiner Einstudierung erhält Judas treibende, harmonisch unruhige Rocknummern, die er das Philharmonische Orchester bewusst mit schneidender Härte spielen lässt, um dessen innere Zerrissenheit hörbar zu machen, während er Maria Magdalenas Ballade I Don’t Know How to Love Him mit warmen, zurückgenommenen Streicherfarben grundiert, um eine völlig andere, weiche Klangwelt zu schaffen. Herodes wiederum lässt er von einem bewusst schrill und ironisch gefärbten Orchesterklang begleiten – als Varieté- und Ragtime-Pastiche –, der dessen höhnische, oberflächliche Haltung gegenüber Jesus unterstreicht. So verleiht Fieguth jeder Figur unter seiner Leitung gewissermaßen ihre eigene musikalische Sprache.
Clemens Fieguth führt Philharmonisches Orchester und Chor so, dass an die Stelle des mehrstimmigen Chorsatzes ein von Rockrhythmen getriebener, drängender Massengesang tritt, der die Volksmenge weniger andachtsvoll als vielmehr aggressiv-energiegeladen erscheinen lässt. Gerade in Nummern wie Hosanna oder Crucify Him treibt Fieguth Philharmonisches Orchester und Ensemble so an, dass die Wucht der Rockmusik dramatische Zuspitzung und kollektive Erregung unmittelbar hörbar macht.
Das kreative Team
Dass diese Bilder so treffsicher sitzen, ist kein Zufall: Regisseur Peter Lund, Ausstatter Hank Irwin Kittel und Kostümbildnerin Ulrike Reinhardt sind ein eingespieltes Dreamteam. Bereits 2014 sorgten die drei bei den DomStufen-Festspielen mit „Jedermann“ für große Begeisterung – zwölf Jahre später kommen sie nun für diese spektakuläre Jesus-Christ-Produktion noch einmal zusammen. Ähnlich wie schon bei der Rockoper bleibt auch bei „Jesus Christ Superstar“ die einmalige Kulisse aus Dom, Severikirche und Domstufen weitestgehend unverbaut. „Damit wird die originale Sensation um die Heldenfigur Jesus in authentischer Umgebung herausgekitzelt“, sagt Peter Lund, der sich nach eigenen Worten persönlich sehr auf diese Inszenierung gefreut hatte. Die spannenden Bewegungsmomente hat Bart De Clercq choreografiert.

Lukas Mayer, Rainer Zaun, Ensemble. Copyright: Domstufenfestspiele Erfurt
Fazit
Ein Kraftakt, der sich gelohnt hat. Was auf der Bühne so selbstverständlich wirkt, ist das Ergebnis monatelanger, aufwendiger Probenarbeit. Neben 20 Gästen und fünf Solistinnen und Solisten aus dem festen Ensemble probten über 40 Mitglieder des Opernchores, 20 Mitglieder des Philharmonischen Chores Erfurt, sechs Statistinnen und Statisten sowie ein Kind.
Diese Erfurter „Jesus Christ Superstar“-Produktion verbindet eine klug durchdachte, bildstarke Regiekonzeption mit einer Besetzung, die dem Stoff auf den Domstufen echtes Leben einhaucht. Ein Abend, der zeigt, warum dieses gut fünfzig Jahre alte Musical nichts von seiner Kraft verloren hat. Zur Domstufen-Premiere wird es aus der Partitur zu neuem Leben erweckt.
Das Publikum zeigt sich restlos begeistert und spendet lange Applaus.
Thomas Janda

