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ERFURT: DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL. Premiere

02.11.2014 | Allgemein, Oper

Die Entführung aus dem Serail /Premiere am 01.11.2014 Theater Erfurt

Daheim ist Daheim auf Türkisch

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Copyright: Theater Erfurt

 Die Entführung aus dem Serail gehört zweifellos zu den viel gespielten und bühnenbildlich unterschiedlich interpretierten Mozart Opern. Diesen Interpretationsversuchen hat die Intendantin der Staatsoper Istanbul Yekta Kara eine weitere hinzugefügt und für sie selbst ist es ihre siebente „Entführung“.

 Das Publikum entführt sie in die Welt des heutigen türkischen Protzkitsches. Es ist die Welt des jetzigen türkischen Geldadels, der sich ummauert in einem abgeschirmten Vorörtchen hoch über dem Dunst der Großstadt hübsch eingerichtet hat. Es könnte auch die Kulisse für „Mieten, Kaufen, Wohnen“ sein, wäre das Objekt nicht schon seit längerer Zeit im Besitz des bräsigen Pascha Selim, der sich auch auf kleinen Strecken in seiner glanzpolierten Limousine kutschieren lässt.

 Die Bilder zur Ouvertüre bieten Busenfreies mit Halbmondfahnen. Im Erfurter Theater mag der Intendant so viel dick aufgetragene Erotik. Es erinnert an die Busendemos von „Femen“, den ukrainischen Nacktaktivistinnen, und vielleicht gibt es sogar schon Ableger in der Türkei, wer weiß. Jedenfalls werden die Nackedeis gleich mal niedergeknüppelt von schwarzen vermummelten Brutalos und vielleicht ist damit ja auch schon angezeigt, wie es in einem fundamentalistischen System zugehen könnte oder auch schon geht.

 Warum ist das mit Mozarts Oper möglich? Die Antwort ist schlicht, weil er und seine Zeitgenossen ja auch nur sekundäre Kenntnisse der Türkenwelt besaßen und er so seiner Fantasie freien Lauf lassen konnte.

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Foto-Copyright: Theater Erfurt

 Regisseurin Yekta Kara versucht sich an einer möglichst unmittelbaren und gewollt lebensnahen Interpretation. Die schauspielerischen Gesten sind natürlich bis protzig dick aufgetragen, je nachdem welcher Welt jemand angehört. Hank Irwin Kittels Ausstattung und Bühnenbild und Stefan Winklers Licht vermitteln diese Atmosphäre. Vor der kameraüberwachten Haustür treffen sich Belmonte und Pedrillo, gesungen von Uwe Stickert (Belmonte) und Paul Kaufmann (Pedrillo).

 Uwe Stickert gehört mit seinem Gegenspieler Gregor Loebel (Osmin) zu den gesanglichen Glanznummern der Premiere. Stickert lässt seine Tenorstimme schön fließen mit mozartisch-türkischem Honigschmelz. Loebel gibt den grotesk ungeschlachten Osmin mit brillierendem Bass und es ist eine Wonne, seine Arie mit den Hinrichtungsempfehlungen zu hören. Weniger überzeugend sind da leider die Frauen, Julia Neumann (Konstanze) und Romy Petrick (Blonde).

 Beide spielen ihre Rollen zwar sehr überzeugend, aber vor allem Julia Neumann müht sich sehr mit den hohen Lagen ab, die Mozart vorgesehen hat. Mit viel Technik kommt sie durch, es fehlt allerdings der leicht perlende Fluss, den viele erwarten. Sie trifft zwar die Töne, doch ihr fehlt das Volumen. Diese sängerische Schwerarbeit lässt sie dann auch in ihrem Spiel statisch wirken. Da zeigt sich Romy Petrick (Blonde) ihrem Part eher gewachsen, obwohl ihr Spiel stark überzeichnet wirkt. Sie zeigt sich mit agilem Herumgehüpfe und verfügt dabei über den satteren Sopran. Dramaturgisch stellt sich natürlich noch die Frage, ob so eine Punker-Ulknudel in der gehobenen türkischen Kitsch-Gesellschaft willkommen wäre. Und es stellt sich auch die Frage, ob so ein Andersdenkenden-Hasser, wie Osmin, sich tatsächlich so begeistern könnte für so eine Frau. Insgesamt präsentiert sie sich mit einem wärmeren Sopran. Pech ist für sie nur, dass sie dieses ziemlich hässliche Punker-Outfit anziehen musste, dass sie sehr unvorteilhaft aussehen lässt.

 Paul Kaufmann (Pedrillo) ist erstmals zu Gast am Theater Erfurt. Er arbeitet mit viel Spielwitz, wirkt sehr beweglich und passt gesanglich mit Romy Petrick (Blonde) gut zusammen. Wenn man sie sich auch im realen Leben eher nicht als Paar vorstellen könnte.

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Foto-Copyright: Theater Erfurt

 Illustrativ erleben wir in dieser Inszenierung viel spielendes Volk auf der Bühne, denn Bassa Selim beschäftigt, wie man es von einem Oligarchen erwartet, jede Menge Personal vom Fitness-Trainer über den Bodyguard bis zur Sekretärin und auch die Harems-Miezen fehlen nicht. Andreas Ketelhut hat dafür auch den Chor gut eingeschworen, man singt und bewegt sich, passend zum Interieur, auf ansprechendem musikalischem Niveau.

 Robert Wörle als Bassa Selim spielt als Sänger seine Sprechrolle überzeugend, man nimmt ihm den generösen Lebemann ab, der kluge auf Rache verzichtende wirkt ein bisschen sehr lehrerhaft, nur im Dialog mit Osmin ist er dann wieder ganz der kernig lustige, immer zum Feiern bereite Bassa Selim. Seine Erklärung, dass man diejenigen, die man nicht mit Güte gewinnen kann, schnell loswerden sollte, ist darum auch angenehm hedonistisch interpretiert.

 Joana Mallwitz (Musikalische Leitung) dirigierte präzis und hatte dabei immer die Sänger im Blick. Ihre Hände schienen geradezu geschaffen, diesen mozartischen Klang aus dem Orchester herauszuholen. Es gelang ihr auch, druckvoll- dynamische Klänge zu erzeugen und die türkischen Elemente in Mozarts Partitur machten ihr sichtlich besonders viel Spaß.

 Das Publikum sparte nicht mit Szenenapplaus und würdigte die Gesamtwirkung mit anhaltendem Schlussbeifall. Alles in allem ist Regisseurin Yekta Karas Inszenierung sehenswert und die Erfurter Mozartfreunde waren auch zufrieden.

 Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

 

 

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