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Elfriede Hammerl: DAS MUSS GESAGT WERDEN

24.08.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Elfriede Hammerl
DAS MUSS GESAGT WERDEN
Kolumnen
240 Seiten, Verlag Kremayr & Scheriau, 2020

Elfriede Hammerl ist die strenge Herrin des Feminismus und hat entsprechend viele Fans unter gleich gesinnten Frauen. Wenn nun zu ihrem 75er (Alter ist für ihren Arbeitgeber, das „Profil“, gar kein Grund, eine brillante Schreiberin auszusortieren) eine Anzahl ihrer Kolumnen zwischen Buchdeckeln erscheinen, kommt sie den Leserinnen und Lesern gleich im Vorwort schroff: Nein, es sei in einer ja doch noch (halbwegs) funktionierenden Demokratie nicht „mutig“, wenn man seine Meinung sagt, auch wenn sie „gegen den Strich“ geht. Sicher, bei Politikern wird sie keinen Beliebtheits-Contest gewinnen, aber das ist ja hierzulande glücklicherweise nicht – wie anderswo – lebensgefährlich. Bei Lesern, die auf ihrer Wellenlänge liegen, rangiert Elfriede Hammerl hingegen ganz oben.

Die ausgewählten Beiträge umfassen zehn Jahre und ein bisserl mehr, vom Jänner 2010 bis zum März 2020, und am Ende kommt auch Corona vor. Sonst: „ihre“ Themen, die immer wieder kehren – Kinder, Alte, Frauen, Frauen, Frauen, meist im Zusammenhang mit österreichischer Lebensrealität. Die Artikel sind zweifellos selbst erklärend, dennoch hätten ein paar aktuelle einleitende Sätze gut getan – manchmal auch relativierend. Denn wenn sie „personalisierend“ über den österreichischen Rahmen hinausgeht, mag sich im Lauf der Zeit schon etwas ändern.

Wenn die Hammerl sich im Oktober 2011 fragt, warum Madame Strauss-Kahn ihren schmutzigen Gatten nicht verlässt, so weiß man mittlerweile, dass Anne Sinclair sich drei Jahre später tatsächlich scheiden ließ (was sicher auch damit zu tun hat, dass sie als Journalistin und als Erbin der milllionenschweren Gemäldesammlung ihres Kunsthändler-Großvaters unabhängig genug ist). Wenn die Autorin im Mai 2018 mutmaßte, Meghan Markle werde ihre bisherige Selbständigkeit aufgeben und sich die Prinzessinnen-Rolle anziehen, hat sie das Ego der Dame unterschätzt – man weiß, wie es weiter ging. Freilich, wenn sie (ohne einen Namen zu nennen) schildert, wie die Frau des Mächtigen hinter ihrem Mann steht und sich fragt, was wohl unter der undurchsichtigen Miene der Melania Trump vorgeht, dann hat sich daran nichts geändert. Ja, und Elfriede Hammerl hat schon im November 2016, unmittelbar nach der Wahl erkannt, wie unsäglich die Idee eines Präsidenten Donald Trump sei – was sich ja in den folgenden vier Jahren mehr als herausgestellt hat.

Sie ist manchmal prophetisch: Schon 2010 hat sie gefragt, wieso Woody Allen weltweit mit der Tatsache durchkommen konnte, dass er im Rahmen seiner Familie mit seiner Stieftochter geschlafen hat? Die späteren #metoo-Fälle (Kevin Spacey, James Levine, Roman Polanski, Harvey Weinstein, Jeffrey Epstein) kommen hingegen nicht vor. Und auch nicht, und das verwundert ein wenig, Ibiza. Kaum anzunehmen, dass ihr dazu nichts eingefallen wäre.

Aber kommen wir zur Kernkompetenz des Buches – Frauen (wobei Elfriede Hammerl konsequent das Binnen-I verwendet). Von den glücklicherweise aufgeweichten Rollenbildern und den schandbarerweise noch immer gelebten Ungerechtigkeiten bezüglich Karriere und Bezahlung. Von der Selbstverständlichkeit, mit der sexuelle Belästigung die längste Zeit behandelt wurde. Von den ausgebeuteten Leihmüttern und der Problematik der Schwangerschaftsunterbrechungen. Und da Elfriede Hammerl heiße Eisen nicht scheut, schreibt sie auch über Sterbehilfe (die ja wohl auch Männer betrifft).

Unermüdlich wütend ist sie über die Unterdrückung der Frau durch den Islam, da macht sie sich auch gerne Feinde, weil die Angst, der Xenophobie angeklagt zu werden, seltsame und empörende Blüten treibt (dass zwei Migranten-Jugendliche der Vergewaltigung einer 15jährigen freigesprochen werden). Andererseits ist es atemberaubend brillant, wie sie die Argumente braver Bürger aufzählt, die keine Migranten da haben wollen – wir können ja nichts dafür, dass sie die schlechten Karten gezogen haben, nicht wahr?

Um die Kinder geht es, die man als Trophäen haben will und die oft so lästig sind. Desgleichen die Alten, die man ja doch am allerliebsten abschieben und ihrer Selbstständigkeit berauben will (es wäre praktischer, als sich immer über sie zu ärgern). Um die soziale Kälte und die immer wieder angeprangerte „Raubritter“-Gesellschaft, die jungen Leuten völlig falsche Verhaltensmaßstäbe und Erwartungshaltungen an das Leben mitgibt.

Und sie ist eine Satirikerin von Gnaden, ob es um die Pille für die Frau oder um den Omakitsch geht.

Satirisch, wenn ein sehr reifer Vater, der von seiner jungen Frau mit dem kleinen Sohn sitzen gelassen wurde, sich einbildet, die Frauenwelt würde sich drängen, die beiden Herren zu bemuttern – o nein! Was hat der Feminismus aus den Frauen gemacht? stöhnt der Single-Vater.

Satirisch, wenn man finanziell nicht mehr mitkann, das zugibt (das ist ja die eigentliche Todsünde) und aus der Yuppie-Clique ausgestoßen wird.

Satirisch, wenn sie vom alltäglichen Ärger berichtete, den der Computer so gut wie jedem bereitet.

Satirisch, wenn Durchschnittsfrau Mimi sich so obstinat weigert, die Wirtschaft zu stärken und viel zu kaufen, weil sie nämlich zu den wenigen gehört, die wissen, was sie sich nicht leisten können.

Eigentlich könnte man über jede Glosse sinnieren, denn es gibt noch so viele Themen, die uns ganz direkt betreffen. Das ist die Hammerl, wie man sie schätzt: Die nicht in die Phrasen hineintappt, sondern sie hinterfragt. Die keinen Blödsinn durchgehen lässt. Kurz gesagt; der gesunde Menschenverstand.

Und, auch das muss noch gesagt werden – Elfriede Hammerl ist „moralisch“, sie hat Grundsätze, Wertvorstellungen. Das ist unmodern. Aber gut, dass es so etwas noch gibt. Und dass es ausgesprochen wird.

Renate Wagner

 

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