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Ehrlich / Bauer: ERZHERZOGIN SOPHIE

01.04.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover  Erzherzogin Sophie

Anne Ehrlich / Christa Bauer
ERZHERZOGIN SOPHIE
Die starke Frau am Wiener Hof
Franz Josephs Mutter, Sisis Schwiegermutter
304 Seiten,
Amalthea Verlag, 2016

Vor hundert Jahren starb Kaiser Franz Joseph, und das ist zweifellos ein Anlaß, auch an Erzherzogin Sophie zu denken. „Um ihn zu verstehen“, sagen die Autorinnen Anna Ehrlich und Christa Bauer, „ist es nötig, sich mit der Biographie seiner Mutter zu befassen.“ Und das stimmt zweifellos. Die Autorinnen haben schon den Wiener Kongress sehr publikums- und leserfreundlich aufbereitet, und dasselbe gelingt ihnen nun mit der Geschichte der „starken Frau am Wiener Hof“.

Sophie, geboren 1805 als eine der jüngeren Tochter eines Nebenlinien-Wittelsbachers, der gewissermaßen nur durch Zufall als Maximilian I. Joseph König von Bayern wurde, wuchs in einer großen Geschwisterschar glücklich auf, vielleicht die klügste unter ihren Schwestern. Alle wurden glänzend zwischen Berlin und Dresden verheiratet, Sophies ältere und sanfte Halbschwester Caroline Auguste bekam sogar Österreichs Kaiser Franz I., den sie in ihrer Eigenschaft als seine vierte und letzte Gattin in seinen letzten Jahren bemutterte.

Für Sophie war eigentlich der Kronprinz, Ferdinand, vorgesehen, aber dieser – vermutlich doch halb debile – älteste Sohn des Kaisers muss („wie eine Missgeburt“) als unzumutbar abgelehnt worden sein. Es war möglich, dass dessen jüngerer Bruder Franz Karl die Nachfolge antreten würde, also war er für Sophie keine allzu schlechte Partie. Kein Preis allerdings auch, denn ohne Talente, Ehrgeiz und Interessen, aber Sophie hatte selbst davon genug, dazu auch den Verstand, sich ihre Möglichkeiten auszurechnen. Und immerhin schaffte sie es, mit einem liebevollen Gatten bis zu ihrem Tod fast ein halbes Jahrhundert lang eine harmonische Ehe zu führen.

Geheiratet wurde am 4. November 1824 in der Augustinerkirche, der Hochzeitskirche der Habsburger, und Sophie fand sich zwischen Hofburg, Schönbrunn, Laxenburg und dem „Kaiserhaus“ in Baden gut zurecht. Mit ihrem brillanten Wesen stach sie die Kaisein, ihre Halbschwester, mühelos aus. Umschwärmt wurde die junge Frau, die nur ein paar Jahre lang vergeblich auf Nachwuchs hoffen ließ, von dem jugendlich-pubertären Napoleon-Sohn, dem Herzog von Reichstadt, und dem im Exil lebenden Schwedenprinzen Gustav Wasa. Als dann doch Kinder kamen, wurden diese Herren in bis heute nicht endenden Spekulationen als Väter verdächtigt – Maximilian, der spätere Kaiser von Mexiko, hätte sich später selbst gar nicht ungern als Napoleon-Enkel betrachtet…

Neben vielen Fehlgeburten wurden es letztlich vier Söhne. Die einzige Tochter „dazwischen“ starb, als Franz Joseph, der Älteste, zehn Jahre alt war. Mit einem Quartett an Buben hatte Sophie ihre dynastische Gebär-Pflicht mehr als erfüllt. Sie war, man glaubt es gerne, eine liebevolle Mutter, die naturgemäß besonders auf ihren Ältesten achtete, für den sie die besonderen Pläne hatte – er sollte Kaiser werden. Dass Kaiser Franz beschlossen hatte, nach seinem Tod den schwachen Ferdinand (den man mit einer italienischen Prinzessin ohne Ansprüche verheiratete) dennoch zu seinem Nachfolger zu machen, enttäuschte Sophie tief, aber sie dachte langfristig.

Es gibt viele Gerüchte über die „böse“ Sophie, denen die Autorinnen entgegen arbeiten. Dass ihr Einfluß wichtig war, dass angesichts der Revolution von 1848, als Kaiser Ferdinand zurücktrat, nicht ihr Gatte Kaiser wurde (das hätte sie immerhin zur Kaiserin gemacht!), sondern ihr 18jähriger Sohn Franz Joseph, ist bekannt. Dass sie nachher Einfluß auf dessen Regierungsgeschäfte und Entscheidungen genommen hätte, verneinen die Autorinnen, aber Sophies Präsenz als Macht am Hofe ist nicht zu leugnen, auch nicht, dass ihr Haß gegen die aufrührerischen Ungarn sicherlich die Stimmung beeinflusste.

Es heißt auch, Sophie habe Franz Joseph um jeden Preis mit Helene, der Tochter ihrer Schwester Ludovika, verheiraten wollen (eine so nahe Verwandtschaft von Cousin und Cousine war bei den Habsburgern zwar seit Jahrhunderten üblich, man hätte sich allerdings vorstellen können, dass man sich so etwas in einem fortschrittlicheren 19. Jahrhundert überlegt hätte…). Tatsache ist, dass sie den Sohn nach Berlin und Dresden auf Brautschau schickte – Anna von Preußen, die Nichte des Königs, gefiel ihm, aber Bismarck hatte kein Interesse an einer Verbindung der Hohenzollern mit den Habsburgern. In Dresden trat Franz Joseph angesichts der abgrundtief hässlichen Prinzessin Sidonie schnell den Rückzug an. Dann erst stand die bayerische Cousine an.

Die Geschichte ist wohl die bekannteste im Schicksal Franz Josephs, im Schicksal Sophies: Der junge Kaiser wollte nicht Helene, die ältere, sondern Elisabeth, die jüngere Schwester. Und er bekam sie. Angeblich war es Sophie recht, meinen die Autorinnen („Sophie war ihrer Nichte gegenüber positiv eingestellt“). Man kann es sich schwerlich vorstellen: Die Erzherzogin war viel zu gescheit, um nicht zu erkennen, dass dieser völlig ungeschliffene Teenager, der wie ein bayerisches Bauernkind aufgewachsen war, kein „Kaiserin“-Material abgab. Wenn sie sich immer freundlich über „Sisi“ geäußert hat, so tat sie es vermutlich, weil sie genau wusste, dass man jedes ihrer Worte auf die Goldwaage legte.

Was immer die Historiker gerne korrigieren möchten, mit Argumenten hier und da, die „Sissi“-Filme mit Romy Schneider und mit Vilma Degischer in ihrer exzellenten Darstellung der Erzherzogin Sophie werden möglicherweise weiter das Bild prägen – entscheidender, als alles andere es vermag. Immerhin geben die Autorinnen zu, wie sehr Elisabeth die Schwiegermutter / Tante hasste, es gibt expressis verbis Aussagen durch ihr ganzes Leben hindurch. Wenn manche Historiker, auch zur Ehrenrettung Elisabeths, besonders vermerken, dass sie am Totenbett Sophies erschien – das taten alle anderen Familienmitglieder auch. (Vielleicht wollte sie sich nur vergewissern, ihre lebenslange Nemesis endlich los zu sein…).

230 Seiten des Buches sind vergangen, bis man bei Franz Josephs Hochzeit im Jahre 1853 angelangt ist. Etwas mehr als 50 Seiten nur für den Rest ihres Lebens: Erzherzogin Sophie starb 1872. In diesen knapp zwei Jahrzehnten hatte ihr Sohn, der Kaiser, mit allen politischen Schwierigkeiten und Kriegen zu kämpfen, die Kaiserin erwies sich als unfähig, ihren Platz zu erfüllen. Aber die größte Tragödie für Sophie war naturgemäß der Tod ihres Sohnes Maximilian 1867 unter den Gewehrsalven der mexikanischen Republikaner. Das konnte sie nicht verwinden, zumal sie immer gegen seine Ambitionen gewesen war, Kaiser von Mexiko zu werden.

Als Sophie am 28. Mai 1872 starb, hatte sie sich schon so lange ins Privatleben zurückgezogen, dass sie längst nicht mehr der „einzige Mann am Kaiserhof“ war, um den/die alles kreiste, wie  es in ihrer ungebärdigen Jugend von ihr geheißen hatte.

Sophie wusste schon zu ihren Lebzeiten, dass die „üble Nachrede“ sie weit über ihren Tod hinaus begleiten würde, und es war ihr wahrlich nicht recht. Aber als Persönlichkeit hat man sie immer bewundert, und man hat auch allen Grund dazu. Immerhin hat hier eine Frau aus eigener Kraft das Optimale aus ihrem Leben gemacht.

Renate Wagner

 

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