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EHRENFRIEDERSDORF/ Erzgebirge – Greifenstein-Festspiele: DER FREISCHÜTZ

25.08.2014 | KRITIKEN, Oper

EHRENFRIEDERSDORF – Greifenstein-Festspiele: DER FREISCHÜTZ
am 23.8. (Werner Häußner)

 In dieser Landschaft spielt der „deutsche Wald“ ungefragt mit. Und kein Regisseur könnte etwas dagegen tun. Die „Greifensteine“ im Erzgebirge sind eine Naturbühne, die wie geschaffen für Webers „Freischütz“ wirkt. Von einem weiten Rund aufsteigender Sitzreihen blickt man auf die hoch aufragenden Steinformationen, die schon im 19. Jahrhundert als Theaterkulisse genutzt wurden. Die Naturkulisse leuchtet abends im goldroten Schein der letzten Sonnenstrahlen, und bis Agathes erste Arie „dran“ ist, hat sich auch die „schöne Nacht“ mit ihrem Sternengeflimmer über die Felsen gespannt. Wenn Max später hoch oben zwischen Bäumen erscheint und bekennt, „Ha, furchtbar gähnt der düstre Abgrund“, sind diese Worte beklemmend realistisch. Auf blutrot angeleuchteter Felswand weist sich dann überlebensgroß „der Mutter Geist“, während Kaspar drunten, vor der gewaltigen Schädelplatte eines Hirschs mit riesigem Geweih, das Kugelgießen vorbereitet.

Noch gespenstischer als in einer klaren Sternennacht wirkt die Wolfsschlucht-Szene, wenn dunkle Sturm- und Regenwolken am Himmel dräuen und Baum und Fels vor Nässe triefen. Der Zuschauer sollte sich dann tunlichst in eine Decke kuscheln, denn bei den Greifenstein-Festspielen kann es empfindlich kühl werden. Aber die Atmosphäre des unheimlichen Waldes ist an solchen Abenden unübertrefflich. Friedrich Kinds Beschreibungen werden real: gespenst’ge Nebelbilder können da zwischen ragenden Fichten wallen, husch, husch, fliegt auch mal Nachtgevögel auf, und im Spiel trüben Lichts und unbestimmter Schatten wirkt das Gestein wie belebt …

So reicht es aus, wenn Wolfgang Clausnitzer als Ausstatter mit ein paar wenigen Bauten die weitläufige Bühne akzentuiert: ein klassizistisches Schloss in der Ferne, ein Landhaus mit großen Fenstern und einer Terrasse in schlichtem Barock für die Szenen mit Ännchen und Agathe im „Jagdschlösschen“. Mit seinen Kostümen hält sich Clausnitzer eng an der Zeit Webers: Jäger in leuchtendem Hellgrün, Biedermeierliches für die Damen, hohe Hüte für die Würdenträger. Aber er zitiert auch die „schwarzen Jäger“ des Lützow’schen Freicorps, das 1813 bis 1815 gegen Napoleon aktiv war und dem der Dichter Theodor Körner angehört hatte, dessen Gedicht „Lützows wilde Jagd“ Carl Maria von Weber vertonte. Auf der Bühne schwenken die Jäger zerschlissene Schwarz-Rot-Goldene Fahnen und erinnern damit an den – damals bald unterdrückten – Wunsch nach Freiheit und Einheit Deutschlands.

Ingolf Huhn nützt als Regisseur geschickt die immense Breite der Bühne. Intime Szenen „schält“ er mit Hilfe des Lichtes aus dem Raum. Samiel lässt er zunächst als Kriegsinvaliden über die Szene humpeln; später spricht eine schattenhafte Figur von oben mit weiblicher Stimme. Auf dem Höhepunkt der Wolfsschlucht-Szene erscheint Samiel als attraktive Frau in körperbetontem, blutrotem Dress (Rebekka Simon). Huhn erzählt die Geschichte, ohne – bei diesem Schauplatz nicht passende – Meta-Ebenen einzuziehen, akzentuiert die Personen und Charaktere behutsam, setzt auch auf spektakuläre Momente: Ein Feuerrad dreht sich beim Kugelgießen und geisterhafte Reiter umkreisen die Szene auf dunklen Pferden.

Zugunsten des malerischen Schauplatzes sind einige Kompromisse zu machen: Das Orchester tönt vom Band, der Dirigent (Dieter Klug) gibt den Akteuren aus der ersten Reihe die Einsätze. Die Sängerinnen und Sänger des Ensembles des Eduard-von-Winterstein-Theaters aus dem nahen Annaberg-Buchholz – es bespielt das Naturtheater mit etwa 55 Aufführungen in den Sommermonaten bis Ende August – werden ebenfalls elektronisch gepusht.

Inga-Britt Andersson, Gast aus Oldenburg, singt eine tadellose Agathe: frei im Lyrisch-Innigen, konzentriert in den Momenten jubelnder Freude. Das Ännchen bleibt die fröhliche, noch halb kindliche Gespielin: auch die frische, gut positionierte Stimme Madelaine Vogts passt zu dieser ungebrochenen Figur. Frank Unger gibt seinem Max die Töne des Resignativen wie des Aufbegehrenden, zeichnet ihn als einen Menschen, der sein Leben nicht mehr versteht und dem Anschlag „höh’rer Macht“ hilflos ausgeliefert ist.

Der Kaspar von László Varga ist weniger dämonisch als pragmatisch angelegt: auch er ein Gestrandeter, der sich irgendwie zu helfen versucht und darüber zynisch geworden ist. Leander de Marel zeichnet vibratoreich einen soignierten Kuno; Christian Härtig ist als Ottokar mit der Höhe überfordert. Als Kilian nutzt Marcus Sandmann seinen kurzen Auftritt, um den latent schwelenden Gegensatz zwischen den Bauern und den privilegierteren Jägern zu verdeutlichen. Den Eremit singt Varga von der Höhe herab mit ansprechender Fülle und sauberem Legato.

Fazit: Was auf der Bühne eines Opernhauses zur gefährlichen Gratwanderung zwischen gutmütiger Erzählung und parodienahem Kitsch geraten könnte, ist für die Naturbühne bei den Greifensteinen eine passende Mischung aus Freude am Schauen, sorgfältiger Einrichtung und behutsamer Deutung. Ein „Freischütz“, der genau an diesem Ort „funktioniert“, ohne das Stück an banale Volksbelustigung zu verkaufen. Nur die Einleitung hätte man sich sparen können: Bevor man die meisterhafte Ouvertüre Webers beschneidet, hätte man lieber gleich mit dem jauchzend hereinströmenden Bauernvolk beginnen können.

Werner Häußner

 

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