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Edith Kneifl: WELLENGRAB

27.05.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Edith Kneifl:
WELLENGRAB
Ein Griechenland-Krimi
368 Seiten, Haymon Verlag, 2020

Edith Kneifl hat es immer geschafft, ihre in den Jahren herangewachsene treue Krimi-Leserschaft für bestimmte Zentralfiguren zu interessieren, ob eine rassige Zigeunerin im Wien von heute oder ein lässiger Aristokrat zur Kaiserzeit – und ist ihnen stets nach ein paar Büchern untreu geworden. Sie will offenbar weder sich noch ihre Leser mit Vertrautem langweilen.

„Wellengrab“ wird nun als der erste Teil einer auf drei Bände angelegten Urlaubskrimi-Reihe angekündigt. Das klingt anheimelnd, ist es aber nicht. Denn so, wie sie hier geschildert werden, sind die Griechischen Inseln keine Sehnsuchtsorte… aber die Kompetenz der Beschreibung beweist, dass sich die Autorin dort gründlich umgesehen hat. Mit wachem Blick für die Region, ihre Stärken (die meist in der Geschichte und in Erzählungen der Mythologie liegen) und ihre klar gesehene Schwächen (die fest in der Gegenwart und näheren Vergangenheit verankert sind).

In vier Stationen wird eine abenteuerliche Story erzählt, so krude, wie sie selbst der nie zimperlichen Edith Kneifl noch nicht aus dem Computer gekommen ist. In Piräus begegnen sich der Grieche Alexander und die Österreicherin Laura, in Mykonos treffen sie im Hotel ihres alten Freundes Theo zusammen, auf der ehemaligen „Gefängnisinsel“ für Kommunisten, Ikaria, ist Alexander einst zuhause gewesen und begegnet seiner Vergangenheit, und in Samos schließlich, wo Laura seit einigen Jahren auf der Flucht vor ihrer Wiener Vergangenheit lebt, geht allerhand in die Luft…

Wir müssen nämlich wissen – die Autorin erzählt es faktisch von Anfang an, man macht sich also keines „Spoilers“ schuldig -, dass der gute Alexander von Beruf ein Auftragskiller und mit Mordabsichten nach Mykonos gekommen ist (auch wenn er dann seine sensiblere Seite zeigt), dass Laura uns als Alkoholikerin nicht so wirklich sympathisch wird, dass Hotelbesitzer Theo und sein Mann Philipp ein nicht wirklich einnehmendes Schwulen-Pärchen darstellen, und dass sich auch die Figuren aus Alexanders Vergangenheit – sein Exrivale, seine Exgeliebte – nicht als sonderlich angenehme Menschen herausstellen. Und die junge Stella und die alte Christina… na, sagen wir nur so viel, die Damen haben es in sich.

Es wird viel und skrupellos gemordet in diesem Krimi, die russische Mafia will die alten Inselhäuser aufkaufen und Hotel-Bettenburgen bauen, die reichen Griechen sind nicht minder skrupellos. Und die Fischer machen ihr Geld mit den bedauernswerten Flüchtlingen, die von der Türkei nach Europa übersetzen wollen.

Es gibt viel Lokalschilderung, es gibt Rückblenden in die Vergangenheit des Militärregimes, das sich unendlich schuldig gemacht hat, und die Gegenwart ist auch nicht schön. Womit Edith Kneifl bewiesen hat, dass ein „Krimi“ nicht unbedingt angenehme Wohlfühl-Lektüre sein muss, sondern den Leser ganz schön herausfordert, ihr in einen echten, harten Bodensatz menschlicher Existenzen zu folgen.

Renate Wagner

 

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