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Edith Kneifl: TOTENTANZ IM STEPHANSDOM

19.10.2015 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover Kneifl Totentanz im Stephansdom jpg

Edith Kneifl:
TOTENTANZ IM STEPHANSDOM
Ein historischer Wien-Krimi
264 Seiten, Haymon Verlag, 2015

Das fängt ja gut an. Silvester 1899, der 1. Jänner 1900 wird eingeläutet, und Gustav von Karoly, Kneifl-Lesern als detektivischer Held aus bereits zwei Büchern vertraut, und sein Freund, Oberkommissär Rudi Kasper (auch ein alter Bekannter), erleben am Stefansplatz hautnah mit, wie der Dombaumeister sich vom Nordturm stürzt. Ein spektakulärer Selbstmord. Oder?

Natürlich oder. Gustav, der im Café Schwarzenberg „residiert“ wie in seinem Büro, wird schnell in die ganze Sache hineingezogen. Ganz eng verfilzt sind hier die Freimaurer (die bekanntlich auf die alten Dombaumeister zurückgehen), denen Gustav übrigens auch angehört. Das bietet nahe Einblicke auf die beteiligten und durchwegs verdächtigen alten Herren.

Denn es geht um – Frauen, vielmehr um junge Mädchen. Nicht erst heute blüht der Menschenhandel, schon in der Monarchie lockte man (jüdische und auch galizische Schlepper waren im „Geschäft“) die naiven Mädchen aus den Kronländern in die Hauptstadt, versprach ihnen gute Stellungen in ehrbaren Familien – und was herauskam, ist klar: Prostitution und Elend. Wenn sie „Glück“ hatten – aber ist es ein Glück? – , landeten sie im Heim für gefallene Mädchen.

Was sich dort dann bei harschen Nonnen und skrupellosen Ärzten begibt, führt den Roman dann ganz, ganz tief ins soziale Elend und die Verbrecherwelt dieser Zeit (die sich auch schon damit abgab – in diesem Wien war Hitler jung! – den perfekten Menschen züchten zu wollen…) Und auch einige Herren der Kirche spielen da als Handlanger absolut keine gute Rolle.

Daneben geht es natürlich auch um Privates, wenn etwa die – ganz unsympathisch gezeichnete – Bankierstochter Helene Stemann den Gustav unbedingt heiraten will, um Gräfin zu werden, und er sich da zwischen einigen Frauengeschichten „durchwurschteln“ muss (das Ganze ist sehr Wienerisch). Aber eigentlich gehört sein Herz ja der Cousine Dorothea, die im Moment in die Schweiz gezogen ist – aber vielleicht kommt sie ja zurück? Und die anderen weiblichen Nebenfiguren, die man aus den früheren Büchern kennt, haben natürlich auch ihre Rollen im Geschehen. Übrigens: die Nachforschungen zu seinem verflixten Fall sind auch nicht ungefährlich, man versucht, Gustav aus der Welt zu schaffen – kurz, alles drin!

Dabei hat Edith Kneifl die Epoche gut recherchiert, und ihr soziales Mitgefühl, das sie in allen Büchern zeigt, kommt hier wieder voll zum Ausdruck. Dennoch ist es keine Gutmenschen-Belehrung, sondern ein historischer Krimi, der den Nebeneffekt hat, auch noch über dieses und jenes zu informieren. Und der Gustav ist wirklich ein sympathischer Held. Weiter so!

Renate Wagner

 

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