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Edith Kneifl: TODESREIGEN IN DER HOFREITSCHULE

24.03.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Edith Kneifl:
TODESREIGEN IN DER HOFREITSCHULE
Ein historischer Wien-Krimi
272 Seiten, Haymon Verlag, 2019

Wenn Krimi-Autoren fleißig genug sind, jedes Jahr ein neues Buch mit ihrem schon bewährten Helden zu liefern, wird das treue Leserpublikum gerne Wiedersehen feiern. Etwa mit Gustav von Karoly, dem sympathischen adeligen Privatdetektiv, den Österreichs Crime-Lady Edith Kneifl kreiert hat, als auch sie sich dem „historischen“ Krimi zuwandte. Das Wien der Kaiserzeit empfiehlt sich immer als Schauplatz, wenn die Autorin da auch Überraschungen für den Leser bereit hat.

Denn „Wien um 1900“ bietet bei ihr nicht nur glanzvolle Empfänge in Adelspalais, Opernbesuche, Schachspielen im Kaffeehaus. Sie wendet daneben und in weit stärkerem Maß ihr Interesse den Benachteiligten zu, etwa den „Ziegelbehm“, wie man die böhmischen Arbeiter nannte, die in die Kaiserstadt kamen, um dort unter den elendsten Bedingungen zu arbeiten und zu leben. Sie wirft ihren Blick in die stinkende Vorstadt, und wo sie die naserümpfenden Vorurteile der Reichen zu Wort kommen lässt, gibt es bei ihr auch liberale, ja kämpferische Sympathisanten, die wissen, dass die Schuld für diese Verhältnisse nicht bei den Betroffenen, sondern anderswo zu suchen ist. Ein durch und durch kritischer Monarchie-Roman also.

Und die Krimi-Handlung passt sich dem an. Es beginnt damit, dass (wir schreiben das Jahr 1900) eine Bombe am Michaelplatz einen Fiaker und seine Insassen in Stücke reißt – es ist der Budapester Polizeipräsident, vielleicht ein irrtümliches Opfer. Es endet mit einem missglückten Attentat auf Erzherzog Otto, den Neffen des Kaisers, und dazwischen sind permanent die „Anarchisten“ das Thema, die offenbar aus Russland importiert wurden – und für die es von mancher Seite auch Verständnis gibt (wenn sie auch bei ihren Attentaten so unbedenklich menschlichen Kollateralschaden auf sich nahmen wie die heutigen Terroristen…). Kurz, Politik wohin man schaut.

Aber natürlich vor allem durch die Augen von Gustav von Karoly, dem man trotzdem durch sein mondänes Leben folgen darf. Da gibt es den adeligen Papa, die magersüchtige adelige Halbschwester und, bei ihm zuhause, die frauenrechtlerisch engagierte Tante Vera mit ihrem Suffragetten-Kreis, weiters die sommersprossige Dorothea, ihrerseits als Ärztin in der Pathologie tätig (in die Gustav noch immer – wie viele Romane noch? – unglücklich verliebt ist), die sorgliche Magd Josefa, die so gut kocht und immer ihre Meinung sagt. Kurz, Gustav inmitten der „Weiberwirtschaft“ und von einem Kaffeehaus ins andere vazierend, ist der paradiesvogelartige Held der Geschichte (mit einigen Alpträumen zwischendrin).

Sein Verhältnis mit der verheirateten Ada von Dalheim wird auch für Gustav kritisch, als deren Mann – der ihn in aller Öffentlichkeit peinlich attackiert hat – offensichtlich ermordet wird (der Täter / die Täterin überrascht) und Gustav sogar von seinem Freund, dem (sehr sozialistisch angehauchten) Polizei-Oberkommisär Rudi Kasper kurzfristig als Verdächtiger eingestuft wird.

Aber das romantische Flair erhält der Roman von einer geheimnisvollen Emma von Zoloto (bei der Schilderung ihrer Schönheit wird der Stil der Autorin ganz schwülstig), die Gustav bei dem ersten Attentat kennenlernt und die sich in der Folge – mit ihrer spanischen Begleiterin im Imperial logierend – als so interessant, widersprüchlich und verführerisch herausstellt wie möglich. Und Gustav, der Frauenfreund, ist nur zu bereit, da in die Venusfalle zu tappen…

Also, trotz der vielen kritischen Exkurse, die man nicht überlesen darf, alles beim Alten in der Kaiserzeit und den genießerischen Kneifl-Krimis.

Renate Wagner

 

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