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DUISBURG/ Ruhrtriennale/Stahlwerk: PROMETHEUS von Carl Orff

22.09.2012 | KRITIKEN, Oper

Ruhrtriennale in Duisburg: „Prometheus“ von Carl Orff (Vorstellung: 21. 9. 2012)


Die Inszenierung von Lemi Ponifasio beeindruckte vor allem durch das großflächige Bühnenbild – links Wolfgang Newerla als Prometheus, rechts Brigitte Pinter als Io. (Foto: Ursula Kaufmann)

 Auch heuer wartete die Ruhrtriennale mit einer musikalischen Rarität auf: „Prometheus“ von Carl Orff. Als Aufführungsort wählte man ein stillgelegtes Stahlwerk im Norden der Stadt Duisburg, das 1902 errichtet wurde und deren Gebläsehalle hundert Jahre später zu einem multifunktionalen Theater umgebaut wurde. Schon 1997 konnte die Kraftzentrale nach einem sieben Monate dauernden Umbau zu einem vielfach verwendbaren Veranstaltungsort eröffnet werden. An diesem monumental wirkenden Schauplatz inszenierte der Performancekünstler und Choreograph Lemi Ponifasio aus Samoa das wuchtige Werk Orffs, das auf einer Vorlage von Aischylos’ Drama Der gefesselte Prometheus basiert, wobei er ein Musiktheater eigener Prägung schuf. So heißt es auch im Programmheft: Prometheus – Musiktheater von Lemi Ponifasio nach Carl Orff und Aischylos.

 Interessant dazu ein Zitat aus einem im Programmheft abgedruckten Gespräch mit dem Regisseur. Auf die Frage Wie nähern Sie sich der Musik von Orff? antwortete Lemi Ponifasio: „Einer der Anziehungspunkte an dieser Oper ist für mich einfach, dass sie keine >Oper< sein will. Ich habe nicht das Gefühl, bei einer Oper Regie zu führen, sondern immer noch, mein eigenes Werk zu schaffen. Orff gibt uns Raum und eine Architektur, eine Genealogie, ein Kontinuum. Ich nähere mich der Musik Orffs als einem Instrument, um die Musik zu durchstechen – Zeit / Raum / Architektur usw. werden zerschlagen – wie beim Ereignis des ersten Atemzugs.“

Das Werk, dessen Uraufführung im Jahr 1968 in Stuttgart stattfand und durchgängig in altgriechischer Sprache verfasst ist, handelt von der mythologischen Figur des Prometheus, der den Menschen das Feuer gab und sich damit gegen den Willen der Götter stellte. Schließlich wurde er von ihnen bestraft, indem sie ihn fingen, an einen Felsen fesselten und quälten. Erst nach langer Zeit wurde er befreit.

Auf der etwa 170 Meter tiefen Bühne der Duisburger Kraftzentrale war ein großes Ensemble von Sängern, Schauspielern, Tänzern und Laiendarstellern unter Mitwirkung der Performance-Truppe MAU des Regisseurs, der auch für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnete, im Einsatz, die überwiegend im Halbdunkel zu agieren hatten und sich oftmals in Zeitlupe bewegten oder zu Statuen erstarrten. Obwohl es bei dieser Inszenierung – trotz eindrucksvoller Bilder – an Handlung fehlte, wurde der etwa zweieinhalb Stunden lange Abend durch die rhythmische, archaisch wirkende Musik von Orff und durch die klangliche Faszination und Melodik der altgriechischen Sprache (deutsche Übertitel fehlten leider) zu einem packenden Ereignis.

 Hauptanteil daran hatten neben dem Orchester vor allem die Darsteller des Prometheus und der Io Inachis. Der Bassbariton Wolfgang Newerla bot in der Titelrolle eine Glanzleistung. Mit seiner starken Bühnenpräsenz und klaren, schneidenden Stimme bewältigte er die schwierige Rolle, den ganzen Abend fast reglos auf einer Bank sitzend, mit Bravour. Die Brillanz, mit der er die altgriechischen Verse deklamierte, war besonders eindrucksvoll! Ebenso überzeugend agierte die österreichische Sopranistin Brigitte Pinter als Io. Ihre Klageschreie, als sie sich Prometheus näherte, gingen dem Publikum durch Mark und Bein. Ihre Stimme war von expressiver Kraft und beeindruckte überdies durch eine unglaubliche Bandbreite.

 Für die gute Ensembleleistung sorgten auch die Baritone Tomas Möwes als Kratos und Dale Duesing als Okeanos sowie Eric Houzelot als Hephaistos und der Schauspieler David Bennent in der Rolle des Hermes. Unbedingt zu nennen ist der weibliche Okeaniden-Chor (ChorWerk Ruhr mit den Solistinnen Olga Vilenskaia / Sopran, Hasti Molevian / Mezzo und Johanna Krödel /Mezzo), der wie Schatten aus der Unterwelt über die Bühne schritt und stimmkräftig sang (Einstudierung: Florian Helgath).

 Das Orchester – Ensemble musikFabrik, verstärkt von SPLASH-Perkussion (elf Schlagzeuger, vier Klaviere, fünf Harfen, je sechs Flöten, Oboen, Trompeten, Posaunen, vier Banjos und neun Kontrabässe) – vermittelte die expressive, archaische Klangwelt von Carl Orff auf grandiose Weise und erzeugte unter der Leitung von Peter Rundel eine eruptive Wirkung, der man sich kaum entziehen konnte.

 Das Publikum, das die knapp zweieinhalb Stunden der Aufführung ohne Pause heroisch durchstand, belohnte am Schluss alle Mitwirkenden mit lang anhaltendem Beifall, wobei es den Darstellern des Prometheus und der Io sowie dem Dirigenten und dem Orchester frenetisch zujubelte.

 Udo Pacolt, Wien – München

 

 

 

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