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DÜSSELDORF: ARABELLA. Premiere

19.09.2015 | Allgemein, Oper

DÜSSELDORF: ARABELLA (Premiere am 18.09.2015)

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Jussi Myllys, Elena Sandro Pereg, Jaquelyn Wagner, Günes Gürle, Susan MacLean, Dmitri Vargin. Foto: Hans Jörg Michel

Wenn Tatjana Gürbaca inszeniert, läßt das nur bedingt Gutes erwarten. Sie ist eine Schülerin von Ruth Berghaus und Peter Konwitschny. Das hatte in positiver Hinsicht eine ausgefeilte und professionelle Personenführung zur Folge, jedoch leider innerhalb einer völlig verunglückten Konzeption, in der man das Werk nicht wiedererkannte. Nahezu sämtliche Mit­wirkenden werden zu Witzfiguren bzw. Karikaturen ihrer Rollen degradiert. So erscheint Waldner in einem Aufzug, der jeden, der Matura oder Abitur gemacht hat, an die Schrecken seiner Schulzeit in Gestalt eines abgehalfterten und ungepflegten Gymnasiallehrers erinnert. Zdenka wirkt im ersten Akt wie eine Preßwurst in Kik-Klamotten und trägt noch dazu Brille. Matteo ist eine jämmerliche Gestalt in einem undefinierbaren Gewand, das am ehesten einem zu grossen Schlafanzug nahe kommt. Am schlimmsten trifft es Mandryka. Wäsche zum wech­seln besitzt dieser Mann wohl nicht. Wahrscheinlich trägt er noch dieselbe Unterhose wie zurzeit seines Kampfes mit dem Bären. Wer persönlichkeitsstarke und attraktive Vorgänger wie Weikl, Brendel oder Hampson in dieser Rolle durch die Jahre begleitet hat, findet über­haupt keinen Zugang zu dieser Figur mehr. Das liegt aber auch daran, dass die ro­mantischen Szenen – und insoweit von der Regie konsequent behandelt – mehr oder weniger untergehen. Das Duett Mandryka/Arabella im zweiten Akt liefern beide ohne Berührungs- und Sichtkontakt ab. Hier wird klar, dass zwei unterschiedliche Welten aufeinandertreffen und die Beziehung nie gut gehen wird. Hier der cholerische und einfältige Mandryka, der später sogar handgreiflich gegen seine Verlobte wird, dort die feingeistige Wienerin aus dem Adels­stand passen nicht zusammen. Dass Arabella sich zu Mandryka bekennt, liegt in erster Linie daran, daß sie einen Fluchtweg aus dem Gefängnis der finanziellen Enge ihrer Familie sieht. Wie bei der von Frauen getroffenen Wahl ihrer Partner häufig zu beobachten, fehlt jede ratio­nale Reflektion, und wenn im Ergebnis die Beziehung schief geht, hebt das grosse Wehklagen an, ohne zu hinterfragen, ob man das nicht hätte vorhersehen müssen. Als Mandryka jeden­falls schüchtern versucht, Arabella zu küssen, wendet sie sich ab und entfernt sich schließlich. Deutlicher geht es nicht. Insofern ist der Regisseurin sicherlich ein großer Moment gelungen.

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Simon Neal, Jaquelin Wagner, Corby Welch, Anja Nina Bahrmann. Foto: Hans Jörg Michel

Die Kartenaufschlägerin und Adelaide, welche als Karikatur ihrer selbst agiert und sich auch gern von Elemer, Lamoral und Dominik betasten läßt, gehen mehr oder weniger unter. Dafür darf Matteo, eigentlich ein gestandener Leutnant des kaiserlichen Armee, in Angstschreie und Geheule ausbrechen, als ihn Mandryka zum Duell fordert. Zu Schwachsinnigen werden Ele­mer, Dominik und Lamoral degradiert. Man kann sich aussuchen, ob man sie als Jockeys mit Reitstiefeln und Sturzhelm oder als Skateboard fahrende Jugendliche versteht. Jedenfalls sind sie übermäßig bühnenpräsent, aber mit Zappeleien oder sonstigen Albern­heiten beschäftigt. Kugeln am Boden herum, befummeln Choristinnen oder die Fiaker-Milli. Etwas Gräfliches hat ihnen die Regie nicht belassen.

Auch das Bühnenbild von Henrik Ahr rettete wenig. Für alle Akte besteht es aus einem ein­heitlichen Rahmen ohne nennenswerte Requisiten, also letztlich aus einer leeren Bühne. Die Hinterbühne ist durch überdimensionale Drehtüren abgetrennt, durch die die Mitwirkenden hinaus- und hineinbefördert werden. Die Regisseurin wollte damit ausweislich ihrer eigenen Aussage den Fluß des Lebens symbolisieren. Das Ganze hat allerdings den Vorteil, daß sich die Singstimmen nicht in Richtung Hinterbühne verlieren. Das ist ja auch schon etwas. Die gekonnt gemachten Kostüme von Silke Willrett waren durchweg sehenswert und entsprachen der Regiekonzeption, leider aber eben nicht der Vorgabe des Werkes.

Auch musikalisch stand es nicht zum Besten. Am Pult stand mit Lukas Beikircher ein unsen­sibler Dirigent, der das Orchester störend laut spielen ließ und auf die zahlreichen lyrisch-be­sinnlichen Momente zu wenig Rücksicht nahm. Eigentlich gab es diese bei ihm überhaupt nicht. Dadurch wurden die Stimmen zum Teil trotz guter Bühnenakustik überdeckt, und es gab, was ja selten genug passiert, um den Dirigenten eine Schlacht zwischen Bravi und Buh­rufen. Der von Christoph Kurig wie üblich hervorragend einstudierte Chor hat in dieser Pro­duktion ganz erhebliche darstellerische Aufgaben, muß sich bewegungstechnisch außeror­dentlich engagieren (besonders in der Ballszene, die zu einem Gruppen-Fick ausartet), und wurde dennoch den gesanglichen Anforderungen durchweg gerecht.

Wenn jemand den Abend rettete, so war es in erster Linie Jacquelyn Wagner in der Titelrol­le. Es handelt sich um eine geradezu ideale Besetzung der Arabella, eine hochattraktive und noch junge Sängerin mit blonder Mähne, welche mit ihrem roten Kleid kontrastierte, und mit langen Beinen. Damit stellt sie gewissermaßen die Kontrasttfigur zum üblichen Klischee der übergewichtigen und nur bedingt ansehnlichen älteren Diva dar. Stimmlich kommt sie aus dem lyrischen Fach und war bislang in erster Linie zwischen Pamina, Micaela und Musetta angesiedelt. Fraglos verfügt sie über einen typischen Strauss-Sopran mit strahlenden Höhen und wunderschönen Bögen. Allerdings will dem Rezensenten scheinen, dass der Einstieg in dieses doch deutlich schwerere Fach etwas riskant sein könnte, denn zumindest im zweiten Akt stieß sie gelegentlich an stimmliche Grenzen. Mandryka war der Amerikaner Simon Neal. An Stimmkraft und darstellerischem Engagement fehlt es ihm keineswegs. Ob er aller­dings die Persönlichkeit und vokale Eleganz seiner berühmten Rollenvorgänger hat, lässt sich wohl nur in einer konventionellen Inszenierung beurteilen. In dieser Produktion belastet ihn die Regie zu sehr mit ablenkenden Nebenaktivitäten. Anja-Nina Bahrmann gilt als großes Nachwuchstalent. In der Partie der Zdenka war das nicht zwingend zu beobachten. Sie spielte und sang rollendeckend. Mehr aber auch nicht. Corby Welch überraschte als Matteo außeror­dentlich positiv. Obwohl er von der Regie zur Lachnummer umfunktioniert worden war, ließ er sich offensichtlich davon musikalisch wenig beeindrucken und brachte die gefürchteten Höhensprünge des dritten Akts mühelos über die Rampe. Thorsten Grümbel hatte mit dem Waldner zumindest in dieser Produktion eine höchst undankbare Aufgabe. Abgesehen davon, daß ihn die Rolle offensichtlich gesanglich unterfordert, belastete ihn die Regie mit absurden Vorgaben. So mußte er sich im zweiten Akt als New Yorker Freiheitsstatue (?) kostümiert präsentieren. Susan Maclean als Adelaide und Romana Noack als Kartenaufschlägerin blie­ben, wie bereits erwähnt, in jeder Hinsicht relativ blass. Allerdings hat ihnen der Komponist auch keine besonderen Profilierungsmöglichkeiten in die Partitur geschrieben. Große Bewun­derung empfindet der Rezensent für die drei Meistgeschädigten (Jussi Myllys als Elemer, Di­mitri Vargin als Dominik und Günes Gürle als Lamoral). Eine stimmliche Beurteilung ist praktisch nicht möglich, weil alle drei ständig nur mit Albernheiten beschäftigt waren. Bleibt noch Elena Sancho Pereg zu erwähnen, die als Fiaker-Milli eine der anspruchsvollsten Par­tien für einen Koloratur-Sopran unter schwierigsten Bedingungen ablieferte, als sei dies selbstverständlich: Während ihres Auftritts hatte ihr die Regie vorgegeben, an Mandryka Oralverkehr zu simulieren, sich von vorn und von hinten, von oben und von unten nehmen zu lassen. Da sie die attraktivste Erscheinung des Abends überhaupt war, war das nett anzusehen. Unter künstlerischen Aspekten stellt sich jedoch die Frage, wie ihr all das überhaupt möglich war, denn selbstverständlich konnte sie in den diversen Positionen den Dirigenten überhaupt nicht sehen.

Nach der Aufführung gab es ähnliche Publikumsauseinandersetzungen beim Vorhang des Re­gieteams wie beim Vorhang des Dirigenten. Demgegenüber stand großer Jubel für Wagner und Neal.

Dr. Klaus Ulrich Groth

 

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