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DRESDEN/ Staatsoperette: ZZAUN – das Nachbarschaftsmusical

05.04.2019 | Allgemein, Operette/Musical

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Staatsoperette Dresden „Zzaun! Das Nachbarschaftsmusical“ am 4.04.2019

Eine Musicalsatire der Superlative mit hochkarätigen Ensemble

Buch von Tilmann von Blomberg

Musik und Songtexte von Alexander Kuchinka

 Im Grunde genommen geht es hier doch nur um eine abgebrochene Zaunspitze, die sich zu einem nachbarlichen Streit, dann aber letztendlich zu einer Staatsaffäre entwickelt. Zwei nachbarliche Sturköpfe Horst Könner (Axel KÖHLER) und der schwule Roland Sieger (Christian GRYGAS) mit seinem Freund Felix, Rolands Ehemann ((Jannik HARNEIT) werden hier zu Erzfeinden, wobei durch Einschalten von Anwälten, diese Bagatelle erst so richtig eskaliert und somit eine Kettenreaktion auslöst, die sich zur globalen Krise ausweitet. Doch im Grunde genommen geht es in dieser Satire nicht nur um einen nachbarschaftlichen Streit, sondern um eine Botschaft, die zum Nachdenken anregt. Wo politische Machtkämpfe ausgefochten werden, ein Spiel zwischen Krieg und Frieden, es außerdem zu Handgreiflichkeiten und Beamtenbestechung kommt und doch am Ende jeder der Verlierer ist. Denn bereits im 3.Bild dieser boulevardgrotesken Story verwandelt sich das Bühnenbild (Walter VOGELWEIDER) in eine andere Szenerie, wo Horst und Roland nun Staatschefs zweier konkurrierenden Nationen sind, und wo der Grenzverlauf  sich zu einer globalen Krise ausweitet. Mag auch hier in Andreas GERGENs ausgezeichneter und leichtfüßiger Inszenierung, in so Zeiten wie diesen, auch der politische Hintergedanke im Vordergrund gestanden haben, indem er einen der Anwälte als Donald Trump auftreten lässt. Zumindest die Ähnlichkeit ist verblüffend – und ein buntes Ballett mit Bauarbeiterhüten und Aktenordner als Zeichen der Bürokratie hier ebenso für politischen Spektakel sorgt und der Chor im Einklang nach Solidarität schreiend hier blutige Straßenschlachten auszufechten hat. Die absurde Realität zwischen zwei Machthabern Trump und Kim Jong – un werden hier zum Spielball einer satirischen Komödie, wobei der eigentliche Nachbarschaftsstreit um einen Gartenzaun mehr oder weniger nur eine Metapher ist.

Und doch ist aus diesem zwar ernsten Thema ein gutes Unterhaltungsstück geworden, welches sich wiedererwartend zu einem wahren Erfolgsstück an der Dresdner Staatsoperette herauskristallisierte, und besonders auch beim jungen Publikum sich großer Beliebtheit erfreut. Es gehört Mut dazu auf derartige moderne und aktuelle Themen zu setzen, und wo es in der musikalischen Umsetzung von Alexander KUCHINKA keineswegs an kompositorischen Einfällen fehlt. Seine Musik ist ein atemberaubender Mix aus klassischen Pop-Balladen, Rocksongs, Revuenummern, wo auch vieles dafür spricht, dass dieses Musical in englischer Übersetzung, durchaus auch in England und der USA Erfolg haben könnte. Abgesehen von dem ausgezeichneten Libretto von Tilmann von Blomberg, ist doch diese Musicalsatire das Nonplusultra, welches verdient, auch weiterhin an allen deutschen Bühnen aufgeführt zu werden.

Doch ohne eines professionellen Teams und eines hervorragenden Ensembles wäre dieses Werk blutleer, ohne Schmiss und atemberaubender Unterhaltung. Kommen wir hier also zu den Solisten! Axel KÖHLER, in der Rolle als Streithahn und Besserwisser Horst Könner ist geradezu umwerfend und witzig zugleich, überrascht mit Tempo und ungeheurer Spielfreude, und verkörpert hier mit absoluter Perfektion den kleinen Bürger von der Straße. Auch Leonie, gespielt von Olivia DELAURÉ die Freundin von Axel, steht ihrem Schauspielerkollegen um nichts nach, überzeugt hier außerdem noch mit einer angenehmen und sehr lyrischen Gesangsstimme. Michelle, Horsts halbwüchsige und aufmüpfige Tochter aus einer gescheiterten Ehe, gespielt von Lucille- MAREEN MAYR, hier ebenso mit schauspielerischer und gesanglicher Überzeugungskraft, verdeutlicht die so gescheiterte Vater – und Tochter Beziehung, die von der wahren Realität nicht weit entfernt ist. Unser schwules Pärchen Roland und Felix geradezu grotesk, aber köstlich gespielt von Christian GRYGAS und Jannik HARNEIT, wobei letzterer besonders hervorzuheben wäre, da er als junges, so begabtes Talent eine wahre Bereicherung für dieses Haus ist. Als weitere, überaus amüsante Protagonistin wäre hier Cornelia DRESE zu erwähnen, die als Walburga, Felix Mutter, für eine ordentliche Portion Humor sorgte, schauspielerisch und darstellerisch hier ebenso alle Register zog, und man auch über sie an diesem Abend herzlich lachen konnte. Nebenrollen in dem Sinne gibt es eigentlich in diesem Stück nicht, da hier die verschiedensten Charaktere der Rollen; man würde meinen, die Rollen sind den einzelnen Protagonisten sozusagen auf dem Leib geschrieben, hier wunderbar verkörpert wurden durch Bryan ROTHFUSS (Herr Kühn, Versicherungsvertreter), Elmar ANDREE (Herr Grundlos, Anwalt), Markus GÜNZEL (Zaun Müller, Zaunverkäufer), Silke RICHTER (Dr. Irene Sonnenschein, Beamtin) und Dietrich SEYDLITZ (Reporter). Ihnen allen ist zu verdanken, dass diese Vorstellung eine so abgerundete, und überaus unterhaltsame und amüsante Sache ist, wo hier das Publikum in der so spektakulären Inszenierung von Andreas GERGEN, voll eingebunden ganz auf seine Kosten kommt. Ballett (Choreografie: Danny COSTELLO) und der Musical – Jugend Chor trugen ein weiteres dazu bei, dass dieses Musical schwungvoll über die Bühne ging. Großartig auch die Steppeinlagen im 4.Bild, welches ebenso auch an den Musicalklassiker 42nd Street erinnerte, aber eigentlich so gar nicht in die gesamte Szenerie hineinpasste. Wie dem auch sei, künstlerische Freiheit ist auch hier erlaubt!

Schwungvoll wird dirigiert von Peter Christian Feigel, wo die Musik von Alexander Kuchinka wie ein musikalisches Feuerwerk, mit mitreißenden Showklängen, das Publikum bei einigen Musiknummern mitswingen ließ. Unter seiner Leitung zeigte sich das Orchester der Staatsoperette ganz von seiner jazzigen Seite, als wahres Showorchester, welches ohne die einzelnen Gesangsnummern zu übertönen, im vollen musikalischen Einklang mit den Solisten stand.

Nach dieser bühnenreifen voluminösen Schlammschlacht, hier ebenso in den einzelnen Szenenabläufen mit schweren Atomraketen, zum Glück nur Attrappen, aufgefahren wurde, erscheint am Schluss die Generalsekretärin der Vereinigten Nation und wirbt um eine Völkerverständigung und Nächstenliebe, auf dass es wieder Frieden auf Erden geben möge.

Aber wünschen wir uns das nicht alle? Obwohl „Krieg und Frieden“ hier wahrlich auf die Schippe genommen, so ist es doch ein ernstes Thema, welches trotz Satire und brillanter Komik, nachdenklich machen sollte, und gerade deshalb darf dieses so großartige Werk nicht vom Spielplan verschwinden.

Viel Applaus und wahrlich hätte man sich hier noch einige Zugaben erhofft, denn musikalisch waren hier einige Ohrwürmer zu entdecken, deren man nicht müde geworden wäre, sie sich ein zweites Mal anzuhören.

Manuela Miebach

 

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