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DRESDEN/ Semperoper: 3. AUFFÜHRUNGSABEND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE MIT UND FÜR RICHARD WAGNER

Dresden / Semperoper: 3. AUFFÜHRUNGSABEND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE MIT UND FÜR RICHARD WAGNER – 15.05.2013

 Seinerzeit hat Richard Wagner sein 1870 „heimlich“ komponiertes „Siegfried-Idyll“ in kleiner Besetzung auf der Treppe seines Triebschener Landhauses für Cosima als Geburtstagsständchen von Mitgliedern des Zürcher Tonhalleorchesters aufführen lassen. Jetzt brachte die Sächsische Staatskapelle Dresden in Orchesterbesetzung ihm selbst damit einige Tage vor seinem 200. Geburtstagstag ein Geburtstagsständchen in der Semperoper, dem Ort seines einstigen Wirkens als Hofkapellmeister, und machte dem von ihm geprägten Begriff „seiner Wunderharfe“ alle Ehre.

 Am Pult stand der junge, begabte Christoph König, ein gebürtiger Dresdner und ehemaliger Kruzianer, der am Beginn einer vielversprechenden Karriere steht und bei den renommierten Orchestern Europas und den USA ein gern gesehener Gast ist. Er war für Karl-Heinz Steffens eingesprungen, der leider absagen musste, um an der Mailänder Scala für den erkrankten Daniel Barenboim die Leitung der „Götterdämmerung“-Neuproduktion zu übernehmen.

 Mit geschmeidigen Bewegungen, die die Musik schon erahnen ließen, leitete er sehr engagiert die hingebungsvoll spielende Kapelle bei der Aufführung von Wagners einziger symphonischer Dichtung. Mit idyllisch verklärenden Klangfarben seitens der Streicher und sauberen Bläser spürte die Kapelle dem zugrundeliegenden Programm aus Wagners Erinnerung an die Geburt seines ersten Sohnes und vor allem Szenen aus seiner Oper „Siegfried“ nach.

 Eine „Gratulation“ ganz besonderer Art waren die, von Hans Werner Henze (1998-1999) instrumentierten und unter dem Titel „Richard Wagnersche Klavierlieder“, Fassung für Mezzosopran, Bariton, Chor und Orchester vereinigten „Klavierlieder“ von Richard Wagner, die 1999 im Berliner Konzerthaus mit Stella Doufexis (Mezzosopran), Thomas Mohr (Bariton), dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und dem Rundfunkchor Berlin unter Semyon Bychkov uraufgeführt wurden. Henze hätte sie gern noch, von der Sächsischen Staatskapelle aufgeführt, erleben wollen. Leider war ihm das nicht mehr vergönnt. Er starb am 27.10.2012 in Dresden, einige Tage, nachdem er die Aufführung seiner Komposition „Sebastian im Traum“ – „Salzburger Nachtmusik“ im 3. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle (16.10.2012) aus der Proszeniumsloge der Semperoper (in der früher der König saß) verfolgt hatte. Jetzt erfüllte die Kapelle ihrem Capell-Compositeur 2012/13 diesen Wunsch postum.

 Nach der Instrumentierung der „Wesendonck-Lieder“ (uraufgeführt 1977 in Köln) fühlte sich Henze „ermutigt“, die originale Klavierbegleitung der anderen, frühen deutschen und französischen Klavierlieder Wagners in eine Fassung für 2 Singstimmen, Chor und Orchester zu „übersetzen“.

 Anders als bei den Wesendonck-Liedern beharrte er nicht in „ehrfürchtiger Tatenlosigkeit“ und begnügte sich nicht mit einer reinen Umsetzung für klassisch-romantisches Instrumentarium, sondern erweiterte das Orchester um Harfe, Konzertflügel, Celesta (Glockenspiel), Vibraphon, diverses Schlagwerk und natürlich – Wagner-Tuba, und hob z. B. durch Taktwechsel, Veränderung des Stimmumfanges (Tessitur) und Vervollständigung der beiden Fragmente („Extase“ und „La tombe dit a la rose“) die, oftmals im Klavierpart versteckten, „nur andeutungsweise erfahrbaren Schönheiten dieser Musik ans Tageslicht“, „nicht aus Willkür, sondern aus artistischer Neugier“ (Henze).

Einige dieser Lieder waren schon in der „Semper-Soiree“ (11.5.2013) in Originalfassung mit Klavierbegleitung mit anderen Sängern zu hören gewesen und jetzt aus ganz anderer Sicht neu zu erleben.

 Der Hymnus „Gruß seiner Treuen an Friedrich August, den Geliebten bei seiner Rückkunft aus England den 9. August 1844“ mit Wagners eigenem Text, bei dem die Nähe zur „Hallenarie“ aus dem „Tannhäuser“ unverkennbar ist, wurde durch die Instrumentierung ins Bombastische erhoben und durch einen amüsanten Schnörkel zum Schluss der ganze, aus heutiger Sicht nicht mehr sehr ernst zu nehmende Pomp ad absurdum geführt.

 Das Publikum war so begeistert, dass es spontan applaudierte und trotz ermahnender Worte des Dirigenten, dass noch viele weitere Lieder folgen, auch später kaum zu „bremsen“ war. Immer wieder flammte Beifall auf, und es dauerte lange, bis alle begriffen, dass es sich bei Henze um einen geschlossenen Zyklus handelt.

 Im Kontrast zu dem monumentalen Hymnus wurde das Lied „Der Knabe und der Tannenbaum“, von Henze durch sanfte Instrumentierung unterstrichen, und dann wieder, das Militante im „Lied der Soldaten“, dem ersten Lied der „Sieben Kompositionen zu Goethes Faust“ hervorgehoben. Es folgten „Gretchen am Spinnrade“, „Brandners Lied“ und die 2 „Lieder des Mephistopheles“, danach ergänzt durch Kompositionen auf Texte von Pierre-Jean de Béranger, Heinrich Heine, Victor Hugo, Jean Reboul und Pierre de Ronsard in abwechslungs- und sinnreicher Folge, mal mit Mezzosopran-Solo, mal Baritonsolo, gesungen in Originalsprache, d. h. deutsch bzw. französisch, zuweilen mit Chor, aber kontinuierlich mit Orchester.

 Die beiden Solisten Antigone Papoulkas, Mezzosopran und Markus Butter, Bariton (beide Semperoper) konnten sich bei der sehr einfühlsam spielenden Kapelle und den, in wunderbarer Harmonie mit dem Orchester singenden, von Christof Bauer einstudierten, Sächsischen Staatsopernchor Dresden mit seinem besonders schönen, fein differenzierten Klang, insbesondere beim Frauenchor, wie „auf Flügeln des Gesanges“ wähnen und sich ganz ihrer Aufgabe widmen.

 Obwohl Orchester und Chor immer entsprechend zurücknahmen und durchgängig eine sehr sängerfreundliche Basis bildeten, ging bei den Solisten manches Wort und mancher Ton „unter“. Ungeachtet dessen, bemühte sich Markus Butter ausdrucksvoll und edel zu singen, wie es ein guter Liedgesang erfordert und Antigone Papoulkas fand gegen Ende der 60minütigen Komposition zu einer großartigen Steigerung und Gestaltung.

 Mag es auch für manchen Wagner-Liebhaber mehr Henze als Wagner gewesen sein, war es doch ein sehr schöner, sehr eindrucksvoller, interessanter Abend mit einer gelungenen „Gemeinschaftsproduktion“ zweier so bedeutender Komponisten. Schließlich sollte man auch bedenken, dass diese Lieder und Gesänge von Wagner komponiert wurden, bevor er zu seiner ausgeprägten, sehr persönlichen „Handschrift“ fand, die jetzt so hoch in der Publikumsgunst steht. Damals orientierte sich Wagner noch als Suchender an seinen Vorgängern. Aus dieser Sicht hat Henze unbedingt den richtigen Ton getroffen.

 Ingrid Gerk

 

 

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