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DRESDEN/ Frauenkirche: J. S. BACHS H‑MOLL‑MESSE IN REKORDZEIT

Dresden/Frauenkirche: J. S. BACHS H‑MOLL‑MESSE IN REKORDZEIT – 05./06. 07. 2014

 

Wie oft mögen die Mitglieder des Kammerchores der Frauenkirche und des ensembles frauenkirche schon in anderen Chören und Orchestern bei Aufführungen der „Messe in h‑Moll“ und anderer Werke J. S. Bachs mitgewirkt haben, und immer wieder singen und musizieren sie mit der gleichen Sorgfalt, Klangschönheit und Hingabe. Im Bewusstsein der Bedeutung dieses Werkes setzen sie immer wieder all ihre Fähigkeiten ein, um so ausdrucksvoll wie möglich, dieses großartige Werk den Hörern im Sinne Bachs nahe zu bringen.

 Auf diese beiden Grundpfeiler konnte Matthias Grünert bei der Leitung dieser Aufführung bauen. Allerdings wäre der Projektchor als größerer Chor der Frauenkirche bei dieser Aufführung evtl. günstiger gewesen, da man sich an einigen Stellen mehr „Durchschlagskraft“ gewünscht hätte, insbesondere eine Verstärkung bei den wenigen, wenn auch sicheren Sopranstimmen, die (möglicherweise wegen der Urlaubssaison) den Anforderungen manchmal nur bedingt gerecht werden konnten („et in terra pax“). Der mit Musik und Werk vertraute Kammerchor und das Orchester erfüllten dennoch ihre Aufgaben so gut wie möglich und wären noch besser zur Geltung gekommen, wenn nicht das Tempo so angezogen worden wäre. Die 28 Musiker des relativ kleinen, aber sehr leistungsfähigen Kammerorchesters, vorwiegend versierte Musiker der Sächsischen Staatskapelle Dresden und der Dresdner Philharmonie, einschließlich sehr guter Trompeten, und die Organistin konnten kaum ausmusizieren.

 Das Solistenensemble war sehr unterschiedlich besetzt. Schon im ersten Duett des „Kyrie“ berührte die warme, samtene Altstimme von Britta Schwarz, die über alle Tugenden eines außergewöhnlich guten Oratoriengesanges verfügt. Mit ihrer scheinbar mühelosen, in jeder Phase wohlklingenden Stimme, hervorragender Diktion und schon selten gewordener guter Artikulation meisterte sie problemlos alle schwierigen Passagen und gestaltete Arie („Qui sedes“) und „Agnus dei“ mit zu Herzen gehender Innigkeit, wie man es von einem solchen Werk erwartet. Sie ließ damit ihre Partie zum Höhepunkt der Aufführung werden.

 Mit dem Stil des Oratoriengesanges war auch die Sopranistin Miriam Meyer vertraut, wenn auch noch nicht in dieser wunderbaren Einheit von Präzision, Innigkeit und Ausstrahlung wie ihre Partnerin. Im Duett harmonierten die beiden Sängerinnen trotz etwas unterschiedlichen Timbres, da sie die Kunst des Duett- und Ensemblegesanges beherrschen.

 Unangemessen – wie ein Schock – „platzte“ indessen der Tenor Markus Brutscher ins Duett mit dem Sopran („Domine Deus“). Er vermochte nicht, sich wenigstens etwas anzupassen, sondern sang vordergründig lautstark, gleichmäßig und schrill und mit einer gewissen Selbstgefälligkeit seine Partei, ohne im Geringsten auf seine gut singende Partnerin einzugehen. Man hörte bei ihm sogar die Stellen, wo sich die beiden, polyphon geführten, Stimmen begegnen sollen, wie kurze, vordergründige „Einwürfe“, die Bach so gewiss nicht gemeint hat.

 Der Basspartie widmete sich hingegen Klaus Mertens, gut bei Stimme und ausgeglichen, mit seiner immer zuverlässigen Sorgfalt. Er hat selbst sehr hohe Maßstäbe für die Basspartien in Oratorien gesetzt und hält sie auch weiterhin ein. Mit klarer Diktion und guter Artikulation verlieh er seiner Partie die nötige Würde.

 Einem gegenwärtigen Trend zufolge, nahm Grünert die Tempi sehr schnell, versuchte immer wieder, das Tempo anzuziehen und ließ den ersten Teil extrem abrupt, wie plötzlich abgeschnitten, enden – eine durchaus technische Leistung seitens der Ausführenden, aber auch mehr virtuoses Konzert als intuitive Messe. Das „et resurrexit“ wurde mehr als fröhlich gesungen, mit überbordender Freude, schnell und nicht allzu tiefgreifend. Der Chor wirkte fast flüchtig, „überschlug“ sich beinahe. Das Orchester spielte trotz aller Hektik noch exakt. Die Musiker können auch das, aber es klingt nicht ideal, wenn sich in der Akustik einer Barockkirche die Stimmen und Klänge der Instrumente überschneiden, ineinanderfließen und fast verschwimmen wie im „Et expected“ und „Sanctus“, obwohl sehr sauber und engagiert musiziert wurde.

 Dafür gab es immer wieder kürzere oder längere „kleine Pausen“. Die größere Wirkung aber wird erfahrungsgemäß mit einem angemessenen Tempo und ohne diese Pausen zwischen den einzelnen Nummern erreicht, zumal, wenn die Solisten bereits vor dem Orchester sitzen. Schließlich beruht viel, vom Komponisten geplante, Wirkung auf dem Gegensatz zwischen lyrischer Beschaulichkeit und hoher Dramatik, reinen Orchester-„Nummern“, erzählend vorbereitenden Rezitativen, euphorischen Arien, besänftigenden Chorälen und bewegenden Chören.

 Hier scheiden sich die Geister. Ein Werk wie die „h-Moll-Messe“ kann so oder so interpretiert werden, als das beste Werk der musikalischen Weltliteratur mit emotionaler Tiefe oder eines von vielen Großwerken der Barockzeit mit effektvoller Virtuosität. Hier traf eher letzteres zu.

 Es war eine „h-Moll-Messe“ in Rekordzeit, aber berührt hat sie trotz mancher sehr guter Interpretationen wie dem liebevollen „Agnus dei“ mit Britta Schwarz nur wenig. In der jüngeren Musikergeneration gibt es in zunehmendem Maße Bestrebungen, sich fernab vom Mainstream wieder auf die alten Werte eines angemessenen Tempos zu besinnen.

 In der „Sonntagsmusik“ (6.6.) wurden die 7 Chöre für ein anderes Publikum noch einmal wiederholt, wobei der Eindruck ähnlich war. Eine gewisse Wirkung hat Bachs Musik und speziell die „h-Moll-Messe“ aber immer.

 Ingrid Gerk

 

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