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DRESDEN/ Frauenkirche: BAROCKMUSIK UM G. F. HÄNDEL UND J. S. BACH – MAL LOCKER, MAL ERNSTHAFT –

Dresden/Frauenkirche: BAROCKMUSIK UM G. F. HÄNDEL UND J. S. BACH – MAL LOCKER, MAL ERNSTHAFT – 14./15. 06. 2014

Unter dem viel versprechenden Titel „Around Händel“ wollten der polnische Tenor Kristian Adam und das Barockorchester L’arte des mondo im 1. Konzert der Reihe der „Sommerkonzerte“ (14.6.) die Musik von und um G. F. Händel den Besuchern der Frauenkirche publikumswirksam nahe bringen und möglichst neue Freunde gewinnen. Das, 2004 von Werner Ehrhardt, der 1985– 2005 das renommierte Concerto Köln leitete und mit ihm einen charakteristischen Interpretationsstil der historischen Aufführungspraxis entwickelte, in Köln gegründete, Orchester sieht sich in der Tradition der Alten Musik, hat sich aber ebenso dem Musizieren auf modernen Instrumenten und einem Repertoire bis zur Moderne verschrieben.

 In diesem Konzert widmete es sich ausschließlich der Alten Musik, wobei der letzte von 4 Sätzen, das „Allegro“, aus C. W. Glucks in Auszügen gespielter „Suite“ aus dem Ballett „Don Juan“ am besten gelang und das Orchester auch etwas Temperament einfließen ließ. Das Spielen auf historischen Instrumenten ist zweifellos interessant, aber weder notwendig, noch hinreichend, um gute Musik zu machen. Hier kommt es auf das Wie an. Wirklich gute Musik kommt von innen, das Instrument ist im wahrsten Sinne des Wortes dabei nur das „Medium“, um Gedanken  und Emotionen auszudrücken. Es geht nicht im Selbstlauf und bedarf intensiver Beschäftigung mit dem Instrument, ob alt oder modern.

Während die eingangs gespielte Ouvertüre zu der Opernserenade „Le Cinesi“ von Gluck noch unter Intonationsproblemen zu leiden schien, hatten sich die Musiker bei der Einleitung zum Accompagnato aus Händels „Messias“ „zusammengerauft“, um danach das „Concerto in D‑Dur (op. 5 Nr. 6) des italienischen Barockkomponisten Evaristo Felice D’all Abaco (1675-1742), der u. a. am kurbayrischen Hof von Max Emanuel in München wirkte, angemessen zu spielen. Gelegentlich klangen sogar Stellen mit dem berühmten süßen italienischen Gusto an. Das Orchester spielte in einem angenehmen Tempo, zügig, aber nicht übereilt. Die beiden Naturhörner hatten es bei dem plötzlichen Temperatursturz von sehr heiß bis zu plötzlich empfindlicher Kühle nicht leicht, aber sie handelten klug und spielten zurückhaltend, so dass der Gesamtklang nicht beeinträchtigt wurde, die Hörner aber trotzdem noch zu hören waren.

 Das Konzert stand zwar unter dem Motto „Klangspuren“ mit dem Ziel, das musikalische Empfinden vergangener Jahrhunderte auf historischen Instrumenten und damit die Verbindung von damals zum Heute nahe zubringen, aber bei der Tenorstimme vermisste man Schmelz und Klang, obwohl der Sänger bei  2 Arien aus dem „Messias“ und je 1 Arie aus Händels Opern „Alcina“, „Berenice“ und Tamerlano“ alles gut einstudiert hatte, um stilgerechte Diktion bemüht war und die Verzierungen aussang, aber Musik braucht mehr. Vorrangig auf Technik orientiert, war vieles noch nicht ganz „ausgereift“, wirkte einfach manieriert. Die Piano-Passagen waren mitunter mehr angedeutet als gesungen, kaum wahrnehmbar, die Temperamentsausbrüche dafür sehr „heftig“ und opernhaft (auch beim Oratorium) und wirkten nicht selten übertrieben und aufgesetzt. Es gab gute Ansätze, einzelne gute Passagen, die aber weitgehend beziehungslos nebeneinander standen. Es fehlte die „Seele“, die gerade bei Händels Musik eine so große Rolle spielt.

 Im jugendlichen Überschwang war der Sänger sehr auf äußerliche Effekte bedacht. Mit dem Einfügen von (zu langen) Kunstpausen während der Arien begab er sich auf den schmalen Grat künstlerischer Freiheit. Diese Pausen wirken nur, wenn sie mit Fingerspitzengefühl minutiös getimt sind, um ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Zu dicht liegen hier Wirkung und Wollen, Überhöhung und Irrtum nebeneinander. Zu oft hat man an dieser Stelle schon ausgezeichnete Sänger und Ensembles gehört, die entsprechend hohe Maßstäbe gesetzt haben, um nicht den Vergleich in Betracht zu ziehen.

 Sein Versuch, den „klassischen“ Konzertablauf aufzubrechen, gipfelte in einem Gang durch die Zuhörer-Reihen während seiner Zugabe-Arie a la Star der volkstümlichen Musik. So ganz konnte man dabei den Gedanken an die eitlen Sänger der Barockzeit nicht vertreiben.

 Ganz im Gegensatz dazu widmete sich der Kreis um Ludwig Güttler einen Tag später (15.6.) der sehr qualitätsvollen Wiedergabe von Barockmusik. Mit der „Sonate D‑Dur“ von Henry Purcell (Z 850) in einer Bearbeitung für Trompete und Orgel und 2 Choralvorspielen für Corno das caccia und Orgel des Bach-Schülers Ludwig Krebs (Krebs-WV 710 und 712) bewies Ludwig Güttler mit sehr schönem, klangvollem Ton einmal mehr, dass er sich noch immer auf der Höhe seines Könnens befindet und ein Meister beider Instrumente ist.

Eine musikalische Delikatesse der besonderen Art bot sein langjähriger Begleiter und Mitstreiter an der Orgel, Friedrich Kircheis, der in einer sehr gelungenen eigenen Bearbeitung G. F. Händels „Konzert F‑Dur für Orgel und Orchester“ (op. 4 Nr. 5 HWV 293), an der großen Frauenkirchenorgel solo bot. Mit passender Registrierung, die ganz dem Charakter der Musik entsprach, ersetzte er das ursprünglich vorgesehene Orchester so, dass man es in keiner Weise vermisste.

 Für die Aufführung der Kantate „Also hat Gott die Welt geliebt(BWV 652) von J. S. Bach (BWV 652) gesellten sich zu dem Solistenensemble Virtuosi Saxoniae aus Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle Dresden – mit seinem wunderbaren Barockklang (trotz auch neuerer Instrumente) und seinen reichen Erfahrungen auf dem Gebiet einer niveauvollen Gestaltung – der Kammerchor Pesterwitz (Ortsteil der Nachbarstadt Freital) mit seinen klangvollen Stimmen und sehr guter Gestaltung (Einstudierung: Anne Horenburg) sowie Heidi Maria Taubert, Sopran und Georg Finger, Bass für eine ansprechende, homogene Aufführung unter der Leitung von Ludwig Güttler.

 

Ingrid Gerk

 

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