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DORTMUND/ Konzerthaus: MOZART-MATINÉE Novosibirsk Philharmonic Orchestra  – Thomas Sanderling – Laura Boschkor Violine


Foto: Mozart-Gesellschaft Dortmund

Dortmund Konzerthaus 3. November 2019 – Mozart-Matinée

Novosibirsk Philharmonic Orchestra  – Thomas Sanderling – Laura Boschkor Violine

 Fast in der südlichen Mitte Rußlands  am Fluß Ob und der transsibirischen Eisenbahn  gelegen ist  Novosibirsk mit immerhin fast 1,5  Million Einwohnern nach Moskau und Petersburg die drittgrößte Stadt des Landes. Neben anderen kulturellen Einrichtungen gibt es ein Opernhaus und seit mehr als sechzig Jahren  das Novosibirsk Philharmonic Orchestra.  Unter Leitung des international renommierten Dirigenten Thomas Sanderling – inzwischen ebenso berühmt wie sein 2011 mit 98 Jahren verstorbener Vater Kurt Sanderling – gastierten sie im Rahmen  der Mozart-Matinée am Sonntag im Konzerthaus Dortmund in grosser Streicherbesetzung mit z.B. acht Celli und fünf Kontrabässen.

Begonnen wurde mit der Ouvertüre zu Collin´s Schauspiel Coriolan  op. 62 von Ludwig van Beethoven. Nach den eröffnenden langgezogenen Streicherunisoni hätte man sich die folgenden Tutti-Akkorde vielleicht noch entschiedener gewünscht, wobei insgesamt für das Allegro con brio ein verhältnismässig langsames Tempo gewählt wurde. Als Kontrast erklang dafür  das elegische Es-dur Seitenthema umso kantabler, wobei die Einsätze von Klarinette und der dann folgenden Holzbläser hervorgehoben werden müssen .Ergreifend gelangen die abschliessenden pp-pizzicato Töne als Zeichen des Scheiterns.

Eine der Aufgaben der Mozart-Gesellschaft Dortmund ist bekanntlich, durch Stipendien musikalischen Nachwuchs zu fördern und diesen Stipendiaten in den Matinéen die Möglichkeit eines Auftritts mit grossen Orchestern zu ermöglichen. Hier war es die erst zwanzigjährige aber schon mit vielen Preisen ausgezeichnete Geigerin Lara Boschkor, der als Belohnung für einen dieser Preise eine Violine von C. A. Testore zur Verfügung gestellt wurde. Damit spielte sie  eines der Hits unter den Violinkonzerten, nämlich das  in e-moll op. 64 von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Das kantable Anfangsthema des ersten Satzes gelang ebenso wie die schnelle Triolenbegleitung, wenn das Orchester die Themen übernahm, ebenso die grossen Oktavprünge, auch der Riesensprung zum pp hin.  Lange Triller  gelangen zusätzlich in der Kadenz, die bekanntlich in diesem Konzert mitten in den ersten Satz platziert ist. Im zweiten langsamen Satz bestaunte man ihre Doppelgriffe. Im letzten Satz zeigte sie sehr virtuos, auch mit langen Trillern und Doppelgriffen leggiero gespielt die Eleganz, die diesen Satz so einmalig macht.  Das Orchester begleitete zuverlässig, wobei es nur  selten zu einem Blickkontakt des Dirigenten zur Solistin kam. Hervorzuheben sind wiederum die Holzbläser, so das Solo-Fagott in der Überleitung vom ersten zum zweiten Satz, Klarinetten und Fagotte im zweiten Satz und natürlich die virtuosen Flöten und Holzbläser im letzten Satz. Insbesondere die von der Solistin und dem Orchester effektvoll gestaltete  Koda  des letzten Satzes regte das Publikum zu starkem Applaus und Bravos an.

Nach der Pause standen Musikstücke des Namensgebers der Gesellschaft , Wolfgang Amadè Mozarts, auf dem Programm. Die Zahl der Streicher war unverändert groß, trotzdem stimmte  die akustische Balance zu den zahlenmässig so sehr unterlegenen Bläsern.

Spritzig und aufmüpfig erklang zuerst die Ouvertüre zu Figaros Hochzeit, es folgte die 36.  Sinfonie in C-Dur  KV 425, die sogenannte Linzer Sinfonie. Der Beiname stammt bekanntlich daher, daß Mozart für ein Konzert in Linz ganz schnell eine neue Sinfonie schreiben mußte. Im Gegensatz zu heute wollten die Konzertbesucher damals vor allem neue und keine älteren Werke hören!

Trotz dieser kurzen Kompositionszeit wurde es ein Meisterwerk, gegenüber vielen anderen Sinfonien Mozarts schon dadurch besonders, daß dem ersten Satz in der Tradition Haydns ein langsames Adagio vorangestellt wurde. Hier konnten wiederum die Holzbläser ihr Können beweisen. Im schnellen Teil wurden die ungewöhnlichen Wechsel zwischen strahlenden Dur- und etwas abgedunkelten Moll – Teilen deutlich. Ausserdem wurde recht eindringlich das fünftönige rhythmische Motiv herausgehoben, das zuerst  als Begleitfigur erscheint, dann aber fast den gesamten Schluß beherrscht.  Den im 6/8 Siciliano-Takt singenden zweiten Satz kann man vielleicht etwas rascher nehmen, dafür klagen die hier ungewöhnlichen Trompeten umso eindrücklicher.  Für das folgende Menuett wurde das passende etwas derb-klingen Tempo gewählt. In seinem Trio konzertierten Oboe und Fagott ganz intim zusammen mit der Melodie der Violinen.

Im letzten Satz bedauerte man vor allem an einer Stelle, daß das Orchester in der sog. amerikanischen Aufstellung spielte, also erste Violinen links, dann zweite Violinen und rechts Bratschen und Celli. Mozart fügt dort nämlich ein kurzes Fugato ein. Wenn erste und zweite Violinen in der sog.  deutschen Aufstellung vorne links und rechts platziert wären, hätte man dieses kurze Fugato besser von ersten zu zweiten Geigen  akustisch verfolgen können. Trotzdem wurde insgesamt dieser Satz so brillant gespielt, auch etwa mit Betonung der sforzati  auf eigentlich unbetonten Taktteilen und der abschliessenden Verbreiterung des Hauptthemas, daß das Publikum wiederum  dem Dirigenten, einzelnen Solisten und dem gesamten grossen Orchester so lange Beifall klatschte, daß als Zugabe das Menuett wiederholt wurde

Bezeichnend für die Anspannung im heutigen Musikbetrieb ist die Tatsache, daß das Violinkonzert  mit derselben Solistin und demselben Orchester  abends in Quakenbrück im Eröffnungskonzert der Quakenbrücker Musiktage nochmals aufgeführt wurde.

Sigi Brockmann 4. November 2019

 

 

 

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