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Dietmar Grieser: WEGE, DIE MAN NICHT VERGISST

19.07.2015 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover Grieser, Wege, die man nicht vergißt jp

Dietmar Grieser: 
WEGE, DIE MAN NICHT VERGISST
Entdeckungen und Erinnerungen
280 Seiten, Amalthea, 2015 

Dietmar Griesers Erfindungsgeist, die Welt aus stets neuen Themen-Ecken und –Enden zu betrachten, scheint grenzenlos. Diesmal sind es „Wege, die man nicht vergisst“, und diese „Entdeckungen und Erinnerungen“ in Bezug auf Straßen, Gassen, Pfade und anderen Verkehrswege erweisen sich wieder einmal als wahre Fundgrube. Wobei der Autor, wie schon in manchem seiner vorangegangenen Bücher, teilweise höchst persönlich und privat verfährt: Seine eigenen „ersten Schritte“ in Wien im Oktober 1957 stehen am Anfang der Betrachtungen.

Das wird einerseits zum Ausflug in die Vergangenheit – als es den alten Gerngroß und Herzmansky noch gab! -, andererseits beschämt Grieser dann selbst Wiener, die sehr an der eigenen Stadt interessiert sind, mit Kenntnissen, die wenige haben – so entdeckt er Durchhäuser (und auch gleich noch deren Geschichte und möglicherweise berühmte Bewohner), durch die man selbst noch nie gewandert sind, und nicht zum ersten Mal wird eines seiner Bücher zur Anregung, ja zum Stadtführer.

Und was sich zu Napoleons Zeiten Wildes in der Fahnengasse tat – noch eine Entdeckung! Abgesehen davon, dass in dem hier gelegenen Palais Caprana-Geymüller Franz Grillparzers seine Kathi Fröhlich kennen lernte – das ist ja Wiener Lokalgeschichte vom Feinsten, jeder Fan muss sofort zu seiner Pilgerfahrt aufbrechen.

Ja, und dass die Kärntnerstraße nicht so heißt, weil sie nach Kärnten führt, sondern nach dem Carnarium des Mittelalters, den damals dort gelegenen Leichenhöfen… man wirft doch einen ganz anderen Blick auf die Straße, wenn man da nächstens bummelt.

Grieser ist nicht nur in der Vergangenheit zuhause, sondern berichtet auch von jüngsten Ereignissen – die Umwandlung des „Dr. Karl Lueger Rings“ in den „Universitätsring“ (um den Wiener Bürgermeister von einst für seinen Antisemitismus mit Vergessen zu strafen), ist noch gar nicht lange her… Und dass verstorbene Promis immer wieder eine Straße oder ein Gässchen finden, die man nach ihnen benennen kann, wird an vielen auch aktuelleren Beispielen belegt.

„Straßen“ von Bedeutung gibt es aller Arten, und Grieser findet sie – die Pilgerwege, ob Mariazell oder den Jakobsweg, er spürt den Stationen von Mozarts Reise nach Prag nach und Goethes „Italienischer Reise“ (die einst der Dichter Fritz Habeck in den ersten Nachkriegs-Jahren mit einem Goethe-Stipendium nachgereist ist, der Text ging leider verloren!), er wandert hinter  Wittgenstein her, inspiziert die Via Appia und die Via Mala in Graubünden, die Ringstraße kommt in ihrem Jubiläumsjahr ebenso vor wie der Newski-Prospekt von St. Petersburg.

Von besonderem Interesse ist der „F-Weg“, jener Pfad durch die Pyrenäen, auf dem während des Dritten Reichs so viele jüdische Verfolgte (darunter Alma Mahler-Werfel und Gustav Werfel) den Weg aus dem besetzen Frankreich in Richtung Spanien, Portugal und der rettenden Schiffe nach Amerika nahmen. Man musste sich da nicht tagelang in den Bergen herumschlagen, mit einem Führer war der Gewaltmarsch in mehreren Stunden zu schaffen – dennoch kann man sich vorstellen, was hier gelitten wurde. Und auch gestorben: Hier nahm sich Walter Benjamin das Leben, weil er fürchtete, die Flucht nicht schaffen zu können…

Hat man von der Straße, wo die Straßenbahn „Endstation Sehnsucht“ (für Blanche in dem Tennessee-Williams-Stück) fuhr, nicht schon bei Grieser gelesen? Selbst wenn, ist es lange her, und hierher passt sie perfekt. So wie die Champs-Elysées, in diesem Zusammenhang nicht als Prachtboulevard betrachtet, sondern als jener Ort, wo Ödön von Horvath von einem herabfallenden Zweig erschlagen wurde – Grieser landet doch auch immer bei den Dichtern. Und entführt, wie so oft, in die ganze Welt. Sogar bis Taiwan darf man mit ihm fliegen…

Renate Wagner

 

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