PjotrI. Tschaikowsky: Pique Dame • Semperoper Dresden • Vorstellung: 10.10.2023
(4. Vorstellung • Wiederaufnahme am 29 09.2023 • Premiere am 01.07.2023)
Unerwartete Aktualität
Andreas Dresens Umsetzung von Tschaikowskys Meisterwerk ist erst die dritte Neuproduktion (nach 1929 und 1947) von «Pique Dame» in der Geschichte der Semperoper. Sie lebt auch von ihrer unerwarteten Aktualität.

Foto © Ludwig Olah
Andreas Dresen legt in seiner angenehm zurückhaltenden Inszenierung das Gewicht auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und das Glücksspiel als sozialen Fahrstuhl. Die Hauptfigur Hermann möchte als Individuum Teil einer Gesellschaftsschicht werden, die ihm kaum zugänglich ist: der einfache Soldat hat sich in die Adlige Lisa verliebt, er sehnt sich nach Liebe und sozialer Teilhabe. Und an dem Mittel, das ihm das zu erreichen verspricht, am Glücksspiel scheitert er letztlich. Mit vier auf der Drehbühne montierten Kreissegmenten hat Mathias Fischer-Dieskau einen Raumgeschaffen, in dem im Sinne Dresens die Phantasie des Zuschauers die Geschichte herstellen kann – wenn ein szenisch so hervorragendes Ensemble wie an diesem Abend zu Verfügung steht. Ob Labyrinth oder Hermanns Hirn: die räumliche Konstellation ermöglicht Fabio Antocis Beleuchtung eindrückliche Momente. Die Kostüme von Judith Adam verschaffen dem Stück die unerwartete Aktualität: nicht die Uniformen der Erwachsenen mit ihrer deutlich erkennbaren Herkunft, sondern die Kinder, die mit der Waffe in der Hand Parolen brüllen, von deren Bedeutung sie keine Ahnung haben. Als ob die letzten eineinhalb Jahre nicht genug wären, wiederholen sich die Bilder in den letzten Tagen. Michael Tucker choreographiert die Auftritte der Kollektive.
Die Sächsische Staatskapelle Dresden unter musikalische Leitung von Mikhail Tatarnikov kann an diesem Abend nicht genug gelobt werden. Nur ganz, ganz selten sind solche bis ins letzte Detail fein austarierte sich aus superben Einzelleistungen zusammensetzende und doch homogene Klangwelten zu erleben. Letztlich fehlen die Worte: man könnte sich vorstellen, dass sich Tschaikowsky die Partitur so gedacht hat. Der Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor: André Kellinghaus) und der Kinderchor der Semperoper Dresden (Kommandant der Knaben: Ricardo Garcia Heine; Kinderchor: Claudia Sebastian-Bertsch).
Sergey Polyakov gibt einen mit hellem Tenor intensiv gestalteten Hermann. Leider ist die Stimme für das grosse Haus der Semperoper etwas klein und hat, je länger der Abend dauert, die Tendenz in exponierten Lagen aufzurauen. John Lundgren ist mit seinem herrlich kernigen, virilen Bariton ein prächtiger Graf Tomskij. Alexey Markov ist mit seinem dunkler timbrierten Bariton ein Fürst Jelezkij von natürlicher Autorität und grossartiger Bühnenpräsenz. Ein ganz besonderer Fall ist die Gräfin von Elena Zhidkova. Stimmlich eine Wucht, ist ihre Ausstattung als alternde Filmdiva mit regenbogenfarbigem Hosenanzug, rosa Pelzmantel, Sonnenbrille und hochgesteckter Silbermähne eine Meisterleistung in Sachen Kostüm. Die Krone des Abends gebührt Vida Miknevičiūtė: eine ergreifende Lisa, die keine Wünsche. Michal Doron ist eine Pauline, von der man gerne mehr hören würde. Alexander Kravets als Čekalinskij, Martin-Jan Nijhof als Surin, Timothy Oliver als Čaplitzkij, Anton Beliaev als Narumof, Alexander Kravets als Zeremonienmeister, Sabine Brohm als Gouvernante und Ofeliya Pogosyan als Mascha ergänzen das hervorragende Ensemble .
Weitere Aufführungen: 12.11.2023, 19.00 und 19.11.2023, 19.00.
Grosse Oper!
11.10.2023, Jan Krobot/Zürich

