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Desden/ Semperoper: 4. AUFFÜHRUNGSABEND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT EINEM UNGEWÖHNLICHEN VIOLINKONZERT

Dresden/Semperoper: 4. AUFFÜHRUNGSABEND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT EINEM UNGEWÖHNLICHEN VIOLINKONZERT ‑ 5.7.2021

 Zu den Traditionen der Sächsischen Staatskapelle Dresden gehört auch, dass nicht nur weltberühmte Künstler als Solisten auftreten, sondern auch sehr gute Musiker aus den eigenen Reihen. Im 4. Aufführungsabend, der wie alle Aufführungs- und Kammerabende im Rahmen der orchestereigenen, 1854 gegründeten, Kammermusik stattfand, stellte sich Robert Lis, einer der besten jüngeren polnischen Geiger, mehrfach ausgezeichnet und seit 2018 Zweiter Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle, als Solist mit einem hörenswerten, in unseren Breiten so gut wie unbekannten Violinkonzert eines hier ebenso unbekannten Komponisten vor.

Er hatte das „Konzert für Violine und Streichorchester“ von Alexander Arutiunian (1920-2012) gewählt, einem der bedeutendsten armenischen Komponisten, der in seinem lebhaft-vitalen Personalstil volkstümliche Melodien und Rhythmen seiner Heimat mit den musikalischen Formen der westlichen Musikkultur, insbesondere den Grundprinzipien der klassisch-romantischen Musik, verbindet. Dieses hier bislang völlig unbekannte, neo-klassizistische, neo-romantische Violinkonzert entstand als Trauermusik nach dem Erdbeben in der Stadt Spitak im Kaukasus 1988, das 25.000 Opfer forderte, nicht als programmatische Schilderung des Geschehens, an das vor allem eine traurige Melodie erinnert, sondern eher mit überhöhendem Pathos und Erhabenheit.

Den fast barock anmutenden Solopart des viersätzigen Werkes spielte Robert Lis mit technischem Können und viel Verständnis für das Werk im harmonischen Miteinander mit seinen Orchesterkollegen. Er meisterte die technischen Schwierigkeiten souverän, ließ die barocken Strukturen und Formen, die an eine Toccata, ein Concerto grosso oder eine barocke Arie erinnern, aber oft mit kompositorischen Kunstgriffen durchkreuzt werden, klar erkennen, spielte mit sehr schönem, rundem Ton im klangvollen Wechselspiel zwischen Solist und Orchester schnelle Läufe, lyrische und gezupfte Passagen sowie diverse Extras und begeisterte in diesem Konzert ohne Kadenz mit einem ausgiebigen Solopart, bei dem er in großartiger Steigerung mit langsam anschwellendem Crescendo einen großen Spannungsbogen aufbaute, an dessen Ende das Orchester in gleicher Weise einstimmte.

Dieses Violinkonzert war eine Entdeckung, dessen Aufführung lohnt, besonders wenn es mit so viel Können und Werkverständnis gespielt wird wie von Robert Lis. Nicht ohne Grund wurde er deshalb von Publikum und Orchester gleichermaßen begeistert gefeiert.

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Dominik Beykirch. Copyright: Matthias Eimer

 Eingeleitet wurde dieser letzte Aufführungsabend der Konzertsaison, bei dem der aufstrebende junge Dirigent Dominik Beykirch sein Debüt bei der Sächsischen Staatskapelle gab, mit der 1809 komponierten „Ouvertüre zu ‘Egmont‘ f‑Moll“ (op. 84) von Ludwig van Beethoven. Beykirch, seit der Spielzeit 2020/2021 Chefdirigent des Musiktheaters am Deutschen Nationaltheater und der Staatskapelle Weimar, versuchte mit intensiven Gesten die viel aufgeführte und bekannte „Egmont-Ouvertüre“ zu akzentuieren und neue Impulse zu geben – mit Augenmerk auf jedes Detail. In dem Bestreben, jede Nuance plastisch herauszuarbeiten und der oft aufgeführten Ouvertüre durch intensives Ausloten neues Leben einzuhauchen, kam es gelegentlich zu kaum merklicher Unausgeglichenheit. Dennoch assoziierte diese Wiedergabe die Vorstellung von einer Aufbruch-Stimmung des flandrischen Volkes gemäß Beethovens Maxime: „durch Nacht zum Licht“.

Die den Konzertabend beschließende „Suite Nr. 1 d‑Moll“ (op. 43) von Pjotr I. Tschaikowsky vermittelte das Bild eines etwas andren Tschaikowsky, heiter und unbeschwert. Er komponierte diese Suite, als er im Sommer 1878, erschöpft von der Arbeit an seiner „Vierten Symphonie“, etwas „Erholung“ von der symphonischen Musik in den vorromantischen Kompositionsstilen suchte, die dem Komponisten mehr Freiheit der Form und uneingeschränkte musikalische Fantasie sowie freie Möglichkeiten der Orchestrierung bieten und außerdem seiner Vorliebe für kleine Genrestücke entgegenkamen. So schrieb er seine sechssätzige Suite nach dem Vorbild der Orchestersuiten von J. S. Bach, ein Trend, der damals in Deutschland nach deren Wiederentdeckung begann.

Sehr transparent und klangvoll von der Kapelle mit Enthusiasmus und schönen Passagen sowohl der Holz- und Blechbläser, als auch der Streicher gespielt, vermittelte diese Suite südliches Flair und – nicht unbedingt typisch für Tschaikowsky – eine heitere Sommeratmosphäre.

Ingrid Gerk

 

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