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Danielle Spera: 100 x ÖSTERREICH: JUDENTUM

15.11.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Danielle Spera:
100 x ÖSTERREICH
JUDENTUM
256 Seiten, Amalthea Verlag, 2020

Was wäre Österreich ohne seine Juden, von denen es glücklicherweise noch eine Gemeinde hier gibt – wenn auch quantitativ nicht zu vergleichen mit den Zeiten vor dem Holocaust. Die kurz auch „goldene“ Zeiten waren: Jedenfalls ist, wie man immer wusste, der Beitrag der Juden zur Kultur, Soziologie und Geschichte des Landes ein bedeutender.

In der sehr attraktiven Serie des Amalthea Verlags, „100 x“, die sich schon mit den Themen Habsburg, Film und Sport befasst hat, ist nun das Judentum an der Reihe. Und Danielle Spera, Direktorin des Jüdischen Museums (und lange genug Journalistin, um zu wissen, wie man Dinge aufbereitet) ist berufen, hundert Themen zum Judentum in bunter Folge, unter Berücksichtigung von möglichst allen Aspekten, zusammen zu fassen. Und es in Kurzbeiträgen (durchschnittlich eine Doppelseite) konzise darzustellen.

Man beginnt historisch – möglicherweise haben schon in römischer Zeit Juden auf heute österreichischem Gebiet gelebt, im Mittelalter hatten sie ihren Raum in Wien um den heutigen Judenplatz herum. Und da ist auch schon der erste konkrete Name auszumachen: Als der Babenberger Herzog Leopold V. eine gewaltiges Summe Silber als Lösegeld für den englischen König Richard Löwenherz erhalten hatte, war er ratlos, was er damit anstellen sollte. Die Juden, denen es in den meisten Ländern verboten war, Land zu besitzen und zu bearbeiten (als Joseph II. Bauern aus ihnen machen wollte, war es zu spät…), hatte sich auf Handel und Geldgeschäfte verlegt. Leopold ließ Shlom, den „Münzmeister“ kommen, sozusagen den ersten „Bankier“, der mit Geld umgehen konnte. Die frühe jüdische Gemeinde Wiens wurde durch ein brutales Pogrom des Habsburger Herzogs Albrecht V. 1420 ausgelöscht. Aber sie kamen wieder…

100 Artikel punktuell können nicht die ganze Geschichte um fassen – schnell ist man beim Toleranzpatent von Kaiser Joseph II., das nicht übertrieben weit ging, aber weit genug, um religiöse Freiheit zu gewährleisten – und den Aufstieg des Judentums zu ermöglichen, das nicht mehr im Ghetto leben musste, sondern sich in die Gesellschaft integrieren konnte. Die aus Berlin kommende Feigele Itzig wurde als Gattin eines reichen Wiener Bankiers jene Fanny von Arnstein, die als eine der berühmtesten Salonièren in die Sozialgeschichte Wiens einging. Von ihr zu Hilde Spiel mag zeitlich ein weiter Sprung sein – aber die Wiener Schriftstellerin, die ins Exil getrieben wurde, hat eine zu Recht berühmte Biographie über Fanny geschrieben…

Nicht personalisierte Themenschwerpunkte, die eng mit dem Judentum zusammen hängen, schieben sich nun ins Buch, ob es die Salonkultur ist, die so hochgradig jüdisch war, ob die Revolution von 1948, an der jüdische Köpfe sich führend beteiligten, ob die Gründung der Israelitischen Gemeinde danach. Wenn es dann um den Wiener Stadttempel geht, dann erzählt sich die Geschichte leider bis in die Gegenwart, bis zu dem Anschlag von 1981…

Judentum ist auch Architektur, die zahlreichen Tempel in Wien, und vor allem die Ringstraße, die als „jüdischer Boulevard“ bezeichnet wurde, so viele Palais der reichen Familien entstanden dort. Ein Hotel wie das Imperial hat eine besonders abwechslungsreich tragische Geschichte, schließlich hat nicht nur ein jüdischer Bankier dieses imposante Gebäude dem Herzog von Württemberg abgekauft und ein Hotel daraus gemacht, sondern es hat auch Adolf Hitler darin gewohnt…

Die Rothschilds, die Ephrussi, die Gomperz – die großen jüdischen Familien stammten alle von anderswo und fügten sich in die Wiener Gesellschaft, so lange man sie ließ, sprich, bis zum Anschluß. Aber Juden waren nicht nur Bankiers, Fabrikanten, Unternehmer und reich, sie waren auch Ärzte und Anwälte, Wissenschaftler, Philosophen und Forscher von hohem Ruf, der auf Österreich (und die Wiener Universität) zurück strahlte. Sigmund Freud ist hier einer der größten Namen – tatsächlich spielt die Psychoanalyse heute in aller Welt eine große Rolle (nur in Österreich scheint man bis heute leise skeptisch…). Von ähnlicher Bedeutung für – man kann ruhig sagen: die Weltgeschichte, war Theodor Herzl, der den „Zionismus“ gewissermaßen „erfand“, der den Juden ihre Heimat, die sie vor zweitausend Jahren im Nahen Osten verlassen mussten, wieder geben wollte. Was ja gelungen ist – allerdings um den horrenden Preis des Holocaust.

Kunst und Kultur sind ohne den jüdischen Beitrag nicht zu denken, die Dichter, Musiker, bildenden Künstler, die Schauspieler und Tänzer und ein Regisseur wie Max Reinhardt, schließlich gibt es die von ihm mitbegründeten Salzburger Festspiele seit hundert Jahren. Man kann nur noch punktuell antippen, was Autorin Danielle Spera alles eingebracht hat – sich selbst übrigens auch im Foto, im Interview mit dem in Hollywood erfolgreichen, aus Wien stammenden Filmproduzenten Eric Pleskow, und einmal bei ihrer Hochzeit – denn auch darüber wird geschrieben, über jüdische Bräuche und Feste, jüdische Kultgegenstände, über bedeutende Rabbiner und Kantoren, über jüdisches Mäzenatentum und Sozialeinrichtungen. Jüdische Kaufhäuser, jüdischer Sport, jüdische Politiker (zumal im Roten Wien), jüdischer Humor, Kaffeehäuser, das Fiakerlied, kosheres Essen… es gibt unendlich viel zu erzählen.

Gegen Ende wird es düsterer, Gelber Stern, Deportationen, die Shoa, aber das, was in der Nachkriegszeit erreicht wurde (darunter auch das Jüdische Museum), wird ungemein positiv beleuchtet.

Es ist allerdings kein Wien Buch allein, es gab bedeutende jüdische Gemeinden im Burgenland, im heute Vorarlbergischen Hohenems (wo es ein exzellentes Jüdisches Museum gibt), die Synagogen in den Bundesländern… es hätte diesbezüglich ruhig ein bisschen mehr sein können.

Natürlich trifft ein Autor seine Entscheidungen, muss nach eigenem Ermessen gewichten. Der Leser wird einiges anders sehen – dass der „zentrale“ jüdische Friedhof der Stadt (hinter Tor 1. des Zentralfriedhofs) in einem Absatz abgehandelt wird, wo er doch ein unvergleichliches Juwel der jüdischen Geschichte Wiens darstellt, versteht man ebenso wenig wie die geringe Schätzung eines Mannes wie Gustav Mahler, österreichische Musik von Weltrang, der in einem Absatz zwischen Goldmark und Zemlinsky eingequetscht wird. Um nicht missverstanden zu werden, man gönnt Hedy Lamarr ihre Doppelseite, vielleicht ist sie international berühmter als Mahler. Aber wir wissen es besser.

Es mindert den Wert des Buches nicht. Man kann blättern (es ist schön bebildert), kann sich festlesen, kann auch mit Hilfe des Inhaltsverzeichnisses Konkretes suchen. Konzentrationslager findet man nicht. Es ist eindeutig ein Buch der Versöhnung zwischen den Juden und Österreich.

Renate Wagner

 

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