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Daniela Strigl: MARIE VON EBNER-ESCHENBACH

11.04.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover  Strigl, Ebner Eschenbach

Daniela Strigl: 
Berühmt sein ist nichts
MARIE VON EBNER-ESCHENBACH
Eine Biographie
440 Seiten, Residenz Verlag, 2016

Ihre Lebensdaten sind identisch mit jenen von Kaiser Franz Joseph, geboren 1830, gestorben 1916, also gilt es auch des 100. Todestages von Marie von Ebner-Eschenbach zu gedenken. Den Kaiser wollte sie nicht überleben, und der Wunsch wurde ihr erfüllt. Die Dame, die in den Augen der Nachwelt als ausgesprochen „unsexy“ gilt (es ist Biographin Daniela Strigl selbst, die auf diese Bezeichnung kam), war nämlich politisch äußerst hellsichtig und ahnte den Zusammenbruch der Monarchie. Und sie war auch sonst in vieler Hinsicht bemerkenswerter, als man es je für möglich gehalten hätte. Dank an eine Biographie, die das aufzeigt.

Offen gestanden hätte man nie gedacht, dass der Lebensweg von Marie, geborene Baronin (später Gräfin) Dubsky, verheiratete Freifrau Ebner von Eschenbach, so interessant sein würde, dass man eine Buch von 440 Seiten nahezu verschlingt. Gleich gelobt sei dabei das Formale: Die Anmerkungen zu jedem Kapitel stehen an dessen Ende, d.h., man muss sich nicht jedes Mal zu Tode blättern, wenn man eine Referenz nachsehen will. Und als absolut wichtig erweisen sich die drei jeweils achtseitigen  Einfügungen von Bildern: von der kleinen Marie, sechsjährig vielleicht, mit einem ausgesprochen trotzigen Kleinmädchengesicht, bis zur alten Dame am Totenbett. Dazwischen Zeichnungen, Bilder, Fotos, die zeigen, was man nicht kennt, nämlich neben der „alten Frau“, als die „die Ebner-Eschenbach“ zum Denkmal erstarrt ist, auch noch eine hübsche Braut, eine noch attraktive Vierzigjährige (auf einem Gemälde von Blaas, das vielleicht geschmeichelt ist), bevor die hunderte-, tausendemale abgebildeten Altersgesichter folgen. Die (erst) 61jährige Ebner-Eschenbach 1891 beim Tarockieren mit den gleichfalls alten Damen Betty Paoli und Ida Fleischl, ihrer Lebensfreundin – das freilich gemahnt an die alten Tanten eines Lustspiels… Lebenslang hat sie darunter gelitten, nach konventionellen Vorstellungen nicht „hübsch“ zu sein. So etwas vergeht bekanntlich. Sie war gescheit. Das blieb.

„Alt“, „altmodisch“, „gestrig“ – es sind unsere Synonyme für den Begriff Ebner-Eschenbach und wohl auch für ihr Werk, das vermutlich heute kaum mehr gelesen wird. Auch dazu leistet Biographin Daniela Strigl Wichtiges, die in den Lebenslauf genaue Schilderungen und Analysen der Werke einfügt und uns damit zeigt, was man überlesen und gar nicht bemerkt hat. So wird klar, dass das nicht nur die Frau ist, die so passende Aphorismen schreiben konnte, und ja, die Hundegeschichte, nicht wahr, „Krambambuli“, ist doch auch verfilmt worden? Marie von Ebner-Eschenbach ist voll von Überraschungen.

Die Biographie leitet ein mit dem falschen Bild, das wir von ihr haben, vielmehr eigentlich: gar kein Bild. Höchstens ein langweiliges von Altersweisheit und Edelmut, kein Mensch, nur ein Stück verblasster österreichischer Literaturgeschichte. Und dann „erlebt“ man diese Marie in diesem Buch regelrecht, dankenswerterweise chronologisch von der Wiege bis zur Bahre, denn im Grunde lässt sich ein Leben nur so nachvollziehen. Zumal wenn es das innerlich so ungemein spannende einer geradezu besessen „Schreibenden“ ist, einer Frau, die ihre Existenz als Schriftstellerin ununterbrochen erkämpfen musste, gegen Familie, Gatten, gegen die Vorurteile, die man einer Frau ohnedies, die man einer Aristokratin erst recht entgegenbrachte. Und der Kampf hörte nie auf – und sie gab nie auf. „Ich brauche freilich nicht zu schreiben, um essen zu können“, sagte sie von sich, „aber ich brauche zu schreiben, um leben zu können.“

Im Nachwort erfährt man, dass Schloß Zdislawitz in Mähren, wo Marie am 13. September 1830 geboren wurde und wo sie in der Familiengruft ruht, heute verfallen ist. Niemand will den Besitz, der zum Verkauf steht, und niemand in der heutigen Tschechischen Republik denkt daran, ein Museum für eine deutschsprachige Dichterin einzurichten. Dennoch war das Schloß nicht nur der Ort ihrer Jugend, sondern ihres Lebens, immer ist sie hierher zurückgekehrt. Hier lebten der Vater (erst Baron, ab 1843 Graf) mit seinen zwei weiteren Ehefrauen (Maries Mutter, schon seine zweite Gattin, war nach ihrer Geburt gestorben), die er seinerseits alle auch überlebte. Hier waren die Geschwister und Halbgeschwister, Brüder von rabiatem Temperament (aber offener Brieftasche), Schwestern, die alle – wie auch Marie – standesgemäß heirateten und Nachkommen hatten. Marie, selbst nie Mutter, war vielfach „Tante“.

Diese reiche Verwandtschaft webt sich durch das ganze Leben der Marie von Ebner-Eschenbach, wahrlich nicht immer angenehm und leicht zu bewältigen, aber stets waren Schicksale der anderen Familienmitglieder für sie wichtig. Ebenso wie viele Freundschaften, denen die Daniela Strigl  penibel nachgeht, aber der wesentlichste Mensch ihres Lebens war doch ihr Mann. Damit hatte die Ebner-Eschenbach noch etwas mit Franz Joseph gemeinsam, denn auch sie heiratete einen Cousin ersten Grades (samt der dafür nötigen kirchlichen Dispens).

Moriz, Freiherr Ebner von Eschenbach, war 15 Jahre älter als sie, seine Mutter war die Schwester ihres Vaters. Er war ein ernster, pädagogisch hoch begabter Mann (später zählte er zu den Kommissionsmitgliedern, die bei den Prüfungen des kleinen Kronprinzen Rudolf anwesend waren), Naturwissenschaftler, Organisator (u.a. für die Wiener Weltausstellung), und die kluge Marie, eine Leseratte von früh auf, konnte nur einen so klugen Mann heiraten.

Was diese Ehe betrifft, so kriecht die Autorin mit dem Paar nicht unter die Bettdecke, obwohl hier vieles rätselhaft bleibt, nicht nur die Kinderlosigkeit der beiden und die  Abwesenheit jeglicher Sexualität im Werk der Ebner-Eschenbach (es gibt übrigens eine seltsame Episode über die lesbischen Avancen, die ihr von einer Schriftsteller-Kollegin entgegen gebracht wurden). So fortschrittlich und gebildet er war, hätte wohl auch Moriz gerne eine Frau gehabt, die sich mit den (sinnlosen) Tätigkeiten einer adeligen Dame in einer adeligen Gesellschaft voll geschäftigen Müßiggangs bewegt hätte. Dass sie das Schreiben geradezu erzwang, trieb die beiden wohl auch auseinander, und dass Moriz  gerne und viel und auch alleine reiste, hatte sicher damit zu tun – und dann erst hatte Marie die Freiheit, die sie für ihre Arbeit brauchte. Dennoch gibt es keinen Grund anzunehmen, dass es keine gute Ehe war – wenngleich Daniela Strigl andeutet, dass der Tod ihrer als literarische Beraterin unverzichtbaren Freundin Ida Fleischl im Jahre 1899 Marie mehr erschüttert hat als der Tod ihres Ehemannes im Jahr davor.

Das Leben mit einem k.u.k. Offizier brachte dessen Versetzungen, aber nach Jahren in Znaim ließ sich Marie permanent in Wien nieder, immer mit langen Aufenthalten in Zdislawitz, oftmaligen Kuraufenthalten und Reisen, wobei diese in ihren späten Jahren häufiger wurden, wo sie oft viele Monate in Rom verbrachte.

Was tut nun eine adelige Dame in Wien? Nun, Marie von Ebner-Eschenbach schrieb. Und es ist hoch interessant, dass sie über Jahrzehnte hinweg, tatsächlich bis Mitte der siebziger Jahre, die Bühne als ihre Berufung ansah, dass sie es wagte, auch ein „Maria Stuart“-Drama zu schreiben (allerdings mit ganz anderer Handlung als bei Schiller), dass sie um Aufführungen regelrecht kämpfte und Zurückweisungen schwer, aber tapfer ertrug. Und als sie reüssierte und gespielt wurde und schlechte Kritiken erhielt und jeder Menge persönlicher Gehässigkeiten ausgesetzt war (ihre ärgerliche Distanz zur Kritik, ob Theater oder Literatur betreffend, ist ihr geblieben), warf sie auch das nicht aus der Bahn. Immerhin hat der damals doch sehr bedeutende Theatermann Eduard Devrient ihre Maria Stuart am Hoftheater Karlsruhe aufgeführt, immerhin wurde sie am Burgtheater gespielt. Und doch, die Biographin setzt die Zäsur um 1875 an, konnte Marie von Ebner-Eschenbach als Autorin erst wirklich reüssieren, als sie sich voll der Prosa zuwandte. 28 Dramen hat sie verfasst, 13 davon wurden gespielt.

Schon in ihren Theaterstücken hatte die Ebner-Eschenbach, meist zur Empörung ihrer Familie, immer wieder auch satirische Kritik am Adel angemeldet, den sie ja – als dessen Mitglied – so gut kannte. Wenn sie sich nun auch „einfachen Menschen“ zuwandte, tat sie es nicht aus Berechnung, sondern aus ihrem liberalen, über die Standesenge hinaus sehenden Bewusstsein heraus. Eine böhmische Magd (Bozena), eine emanzipierte Handwerkerin (Lotti, die Uhrmacherin) und eine nicht abreißende Reihe von Novellen, in denen sie tief in das soziale Gefüge ihrer Welt eindrang, sicherten ihr dann nicht nur Leser, sondern auch Anerkennung. (Und die literarische Schubladisierung in den „Realismus“.)

Dass sie den Antisemitismus ebenso verabscheute wie den Krieg, rückte sie von ihren Standesgenossen ab und bringt sie uns nahe, ebenso wie ihr entschlossener Kampf darum, Schriftstellerin (also sie selbst) sein zu wollen, zu müssen (was sie auch gegen lebenslange Krankheiten und Schmerzen durchsetzte, peinigende Migränen, Gliederschmerzen, Augen- und Ohrenprobleme).

Das „Zimmer für mich allein“, das die um 52 Jahre jüngere Virginia Woolf forderte, hat die Ebner-Eschenbach für sich durchgesetzt, und es war nicht einfach, musste sie doch auch gegen die eigenen Gewissensbisse kämpfen, dass sie ihre „Pflichten“, familiär und gesellschaftlich, vernachlässigte („Ich kann nur meine Arbeiten im Kopfe haben“).  

So, wie Daniela Strigl es erzählt, ist dieses Buch voll von innerer und auch äußerer Spannung, basiert auf den Selbstaussagen der Ebner-Eschenbach (wenn die Buchausgabe ihrer Tagebücher nicht so unverschämt teuer wäre – 6 Bände zwischen 100 und 200 Euro das Stück!). Es basiert auf genauester Recherche von Lebensumständen und Zeitgenossen, basiert auf Analyse der Werke aus heutiger Sicht. Und dabei reflektiert die Biographin als Wissenschaftlerin nebenbei auch noch, was die Ebner-Eschenbach-Forschung hier und dort befindet (manchmal auch, um zu widersprechen).

Kurz, das ist ein Buch für alle, die es genau wissen wollen. Und für diese Leser ist es dann eine Fundgrube.

Renate Wagner

 

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