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DANIELA FALLY: „So ein Ännchen gab es noch nie!“

02.06.2018 | INTERVIEWS, Sänger

 

Foto: Wiener Staatsoper / Pöhn

DANIELA FALLY:

„So ein Ännchen
gab es noch nie!“

Daniela Fally feiert mit dem „Freischütz“ ihre bereits siebente Premiere an der Wiener Staatsoper, in deren Ensemble sie ab nächster Saison wieder „fest“ zurückkehrt. Weil sie gerne Teil eines Teams ist – und weil sie nicht will, dass ihre kleine, jetzt zweieinhalbjährige Tochter Sophie ein reines „Kofferkind“ wird. Nächsten Herbst wird die Kleine ohnedies nach Dresden und Cleveland mitgenommen, wo die Mama für Thielemann und Welser-Möst ihre Paraderolle als Zerbinetta singt.

Das Gespräch führte Renate Wagner

Frau Fally, das Ännchen im „Freischütz“ ist ja nicht neu für Sie?

Nein, ich durfte es schon 2007 in einer Marelli-Inszenierung an der Volksoper singen, und im Vorjahr hatten wir eine konzertante Aufführung in Grafenegg, in einer Version, die der große Otto Schenk eingerichtet hat und wo er auch der Erzähler und Samiel war. Ich kenne die Rolle also.

Wird man das Ännchen allerdings wieder erkennen, wenn man es in der neuen Inszenierung in der Staatsoper sieht? Da soll ja vieles – auch Ihre Figur – so ganz anders sein als sonst.

Ja, und es ist unsere Aufgabe, nachzuvollziehen und glaubhaft zu machen, was sich der Regisseur wünscht, und darauf lasse ich mich ein. Wobei ich Christian Räth sehr schätze, weil er weiß, was er will, und weil er wie alle an dieser Premiere Beteiligten sein Handwerk versteht, und das ist sehr wichtig. Und ja, ein Ännchen wie dieses hat man wahrscheinlich noch nie gesehen. Erstens ist sie ein Phantasiegeschöpf von Max, der in dieser Inszenierung ein Komponist ist und sich die „Freischütz“-Geschichte ausdenkt. Und zweitens ist Ännchen hier ein koboldhaftes, androgynes Geschöpf – ich trage auch Hosen! – und ist gewissermaßen auf der Suche nach sich selbst, stark an Agathe gebunden und auf Max eifersüchtig. Sie spukt auch immer wieder ein bisschen frech und lästig dazwischen… ich denke, so ein Ännchen gab es noch nie.

Für Sie ist es, wenn man die Kinderopern-Abende der Staatsoper mitzählt, bereits Ihre siebente Premiere an der Staatsoper, für Kollegen Andreas Schager ist es die erste. Ein großes Niederösterreicher-Treffen? Sie kennen einander vermutlich schon lange.

Eigentlich nicht, wir sind im Lauf der Jahre immer wieder einmal aneinander vorbeigehuscht, ohne uns näher kennen zu lernen, aber jetzt ist es wirklich erstaunlich, wie schnell man sich unheimlich gut versteht – nun ja, ich komme aus dem Triesting Tal und er aus dem Gölsen Tal, die sind ja wirklich nahe genug beieinander. Und wenn man in einer ländlichen Gegend aufgewachsen ist, ist man ganz anders erzogen als die „Großstadtmenschen“, man hat bestimmte Werte mitbekommen, auch eine gewisse Bodenständigkeit und Bescheidenheit, und da versteht man sich schnell. Und ich freue mich so, dass er mit seiner Karriere jetzt so „abfliegt“, wenn jemand es verdient, dann er mit seiner unglaublichen Stimme…

Sie haben ja auch gemeinsam, dass Sie gewissermaßen noch auf „altmodische“ Weise ihren Weg gemacht haben, mit kleinen Häusern, Sie waren in Baden, Klagenfurt, dann in der Volksoper, dann erst kam die Staatsoper – das ist ja gar nicht mehr so üblich.

Und davor noch die Schauspiel- und Musicaljahre! Ja, ich habe das Theaterhandwerk gelernt, etwas, das heute eher rar geworden ist. Für mich war es genau richtig, ich denke gerne an Baden zurück und an das, was ich u.a. bei Robert Herzl gelernt habe, und auch an die Volksopern-Jahre, wo man mir so viele Möglichkeiten gegeben hat. Da konnte ich ja auch schon mit 27 Jahren in einer Doppelpremiere mit Klagenfurt meine erste Zerbinetta singen, die mich seither begleitet. Wenn man dann an die Staatsoper zurück kommt und wieder ein Teil des Ensembles ist, weiß man, dass man nicht nur große Rollen singt, sondern auch kleinere, und jedes gute Besetzungsbüro – wie eben auch unseres! – weiß, dann wenn man glückliche Sänger im Haus haben möchte, man ihnen ein paar schöne Aufgaben gibt. Dann singt man auch gern die kleinen Rollen. Ich persönlich mag auch diese Abwechslung sehr gerne! Und ich freue mich schon sehr, wenn ich nächste Spielzeit wieder einmal die Rosina sein darf.

Sie waren jetzt ein paar Jahre nur per „Residenzvertrag“ hier und kehren ab nächste Saison wieder ins Ensemble zurück. Warum?

Erstens bin ich froh und dankbar, dass man mich mit offenen Armen wieder aufgenommen hat. Zweitens bin ich riesig gern in einem Ensemble, ich bin ein echter Teamplayer, ich mag es, mit Leuten zusammen zu arbeiten, die ich gerne habe und gut kenne. Übrigens: Nur so entsteht der Zauber eines Ensembles, von dem man eventuell später noch spricht wie von dem einst legendären Mozart-Ensemble der Staatsoper. So etwas kann man nicht über Nacht magisch herbeizaubern, so etwas wächst, ist ein Prozeß, der einsetzt, wenn man sich gut kennt und viel und oft miteinander singt. Und nicht nur arbeitet, sondern auch gemeinsam grillt und lacht…

Ich könnte mir auch vorstellen, dass diese Entscheidung für Wien einen Namen hat, und zwar Sophie – und damit meine ich nicht das Fräulein Faninal im „Rosenkavalier“, eine Rolle, in der ich Sie übrigens persönlich besonders schätze, weil Ihre Sophie einfach so bezaubernd ist.

Vielen Dank. Meine Tochter heißt Sophie – den Namen hat sich allerdings ihr Vater ausgesucht, Gustavo Quaresma Ramos, dem ich in Köln begegnet bin und der jetzt einen großen Anteil an der Versorgung unserer Zweieinhalbjährigen nimmt, weil meine Eltern leider zu krank sind, um hier helfend einzuspringen. So lange sie klein ist, kann ich Sophie zu Gastspielen mitnehmen – das wird sich Ende des Jahres in Richtung Dresden und Richtung USA ergeben, aber ich will wirklich nicht, dass sie ein reines „Kofferkind“ wird.

Früher hieß es, Frauen müssten sich zwischen Beruf und Karriere bzw. Ehe und Kindern entscheiden. Das gilt doch wohl schon lange nicht mehr? Alle großen Sängerinnen haben Kinder und „schaffen das“?

Natürlich – trotzdem ist noch immer ein gewaltiger Unterschied zwischen einer Sängerin mit Kindern und einem Sänger, der eine Frau im Hintergrund hat, die daheim die Kinder erzieht und ihm womöglich noch alle Flüge bucht und alle Kleinigkeiten des Alltags vom Leib hält, in jeder Probe und Vorstellung sitzt und Feedback gibt. Das sehe ich sehr oft und beneide diese Männer manchmal ein bisschen… Als ich an der Staatsoper meine erste „Don Pasquale“-Norina singen sollte, auf die ich mich sehr gefreut habe, schlug im Kindergarten eine Grippe zu, ich hatte offensichtlich nicht die ausreichenden Abwehrkräfte… Man weicht als Mutter eben nicht von der Seite seines kranken Kindes… und somit keine Norina und kein Opernball. Auch als ich meine erste „Regimentstochter“-Marie singen sollte, bin ich auch krank geworden, und wer weiß, wie lange es dauert, bis sich im Repertoire wieder die Chance dafür ergibt. Aber ich beschwere mich nicht. Das berühmte erste Kindergartenjahr ist jetzt vorbei, und von nun an wird es leichter, die Viren und ich kennen einander jetzt! Ich bin unendlich glücklich mit Sophie, und ich denke, eine Sängerin, die wie ich gewissermaßen im „gehobenen Mittelfeld“ rangiert, kann mit den Anforderungen schon zurecht kommen. Wenn man hingegen ein Spitzenstar sein will, wird es als Frau und Mutter schon sehr herausfordernd… Das klappt eigentlich nur, wenn man entweder sehr viel Geld für eine wirklich gute Kinderbetreuung hat, oder – was meist der Fall ist – einen Mann oder eine Mutter, die hier übernehmen. All das muss man jedoch auch wollen. Meine Lehrerin hat immer gesagt: „Der Beruf duldet eigentlich keinerlei Konkurrenz oder Ablenkung“. Und das stimmt an sich zu hundert Prozent.

Es heißt auch immer, dass sich die Stimmen von Sängerinnen nach der Geburt eines Kindes verändern. Haben Sie das auch erlebt?

Ich selber kann das schwer beurteilen, da so etwas ja ein kontinuierlicher Prozeß ist, aber andere Leute sagen mir, die Stimme sei weicher geworden, was mir nur recht ist in Hinblick auf eine Rolle wie beispielsweise die Sonnambula, die ich ja glücklicherweise gesungen habe. Natürlich frage ich mich, wie lange ich noch die Fiakermilli oder die Zerbinetta sein kann, aber da ist die Nachfrage zum Glück noch groß: Ich singe die Zerbinetta im Herbst an der Staatsoper, dann mit Thielemann in Dresden, dann mit Welser-Möst in konzertanten Aufführungen in Cleveland. Und was meine Milli angeht – vielleicht mache ich da noch einmal der Marika Rökk Konkurrenz und schaffe den Spagat bis ins hohe Alter…

 
Foto: Wiener Staatsoper / Pöhn

Thielemann und Welser-Möst – zwei wichtige Namen für Sie, zwei Dirigenten, die Sie immer wieder holen?

Ja, und es ist natürlich sehr wichtig, an Dirigenten zu geraten, die auch noch Einfluß auf Besetzungen nehmen. Dabei denke ich nicht daran, wie „karrierefördernd“ es ist, mit ihnen zu arbeiten, sondern es ist schlicht und einfach eine Ehre…

Neben der Zerbinetta sind Sie ja noch immer die Lieblings-Adele des Wiener Publikums. Wie war das eigentlich in Mailand, die „Fledermaus“ vor einem Publikum zu spielen, das wohl zu 90 Prozent nicht Deutsch sprach?

Cornelius Obonya und Carolin Pienkos haben für die Mailänder Scala da eine zweisprachige Fassung gewählt, Deutsch und Italienisch, aber da achtet man natürlich auch besonders darauf, mit Mimik und Körpersprache die Pointen zu setzen. So war es auch in Chicago, wo wir die „Fledermaus“ auf Deutsch gespielt haben – und die Leute haben trotzdem gelacht.

Spielt die moderne Musik in Ihrem Leben eigentlich eine Rolle?

Nun, es gibt immer wieder Leute, die meinen, ich sollte doch einmal die Lulu singen, aber nein – diese Frauenfigur finde ich einfach nicht in mir. Ich mag sie nicht. Sorry! Was die Moderne betrifft – ich habe ja an der Volksoper und eben erst im Theater an der Wien in Brittens „Sommernachtstraum“ gesungen, was zumindest nicht das ganz gängige Repertoire ist –, so ist es für mich wichtig, dass es immer noch eine Melodie gibt, an der ich mich orientieren kann. Wobei mir klar ist, dass es auch daran liegen mag, wie intensiv man sich mit den Dingen beschäftigt – ich hatte einmal ein Angebot, das sich dann nicht realisiert hat, aber dazu habe ich eine Partitur von Luigi Nono studiert, und mit der Zeit hat etwas, das mir anfangs ganz fremd war, dann Sinn gemacht.

Wenn Direktor Meyer jetzt fragen würde, welche Rollen sich Daniela Fally idealerweise wünscht, was würden Sie sagen?

Nun, in erster Linie die Konstanze. Das ist eine wunderschöne Rolle, und da ich vom Schauspiel kommend gute Dialoge liebe, denke ich, dass diese Rolle auch in dieser Hinsicht neben den schweren Arien eine wunderbare Herausforderung sein könnte – und vielleicht eine Art neue Visitenkarte für mich. Und dann will ich doch eines Tages die Lucia di Lammermoor sein. Und einmal, später, viel später, bevor ich Abschied von der Bühne nehme, die Traviata. Das wäre eine Traumpartie für mich.

Liebe Frau Fally, dann sind wir neugierig auf Ihr „noch nie dagewesenes“ Ännchen und werden Ihren weiteren Weg mit großem Interesse verfolgen.

 

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