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Dan Jones: SPIEL DER KÖNIGE

13.12.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Buchcover Jones Spiel Der Könige Xx

Dan Jones
SPIEL DER KÖNIGE
Das Haus Plantagenet und der lange Kampf um Englands Thron
688 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2020

Auch ein so seriöser Verlag wie Beck kommt nicht drum herum, das Lob des Wallstreet Journals auf den Umschlag zu kleben: „A real Life Game of Thrones“. Und damit liegt man ja nicht falsch. Die Familie Plantagenet ist zwar in der englischen Geschichte nicht A-Klasse wie Elizabeth I. oder ihr horribler Vater Heinrich VIII., der so locker Ehefrauen mordete, und die „Crown“ mit Queen und Diana rangiert wohl auch eine Nuance darüber – aber dann sind sie schon da, die Plantagenets, wobei Heinrich II. und Eleonore von Aquitanien vielleicht auch in erster Linie durchs Kino bekannt sein mögen (Peter O’Toole und Katherine Hepburn in „Der Löwe im Winter“). Über Richard Löwenherz erzählt sich die Geschichte auf spannendste und verwickeltste Weise bis zu jenen Heinrich IV., mit dem man in das Haus Lancaster eintritt, das sich mit dem Haus York jene spannenden „Rosenkriege“ geliefert hat, die man dann wieder von Shakespeare her kennt…

Dan Jones, Historiker und Journalist, was seiner Fähigkeit, Dinge plastisch und spannend zu beschreiben, sehr zugute kommt, hat sich den Zeitraum von 1120 bis 1399 als Rahmen gesteckt, knappe drei Jahrhunderte, in denen das Schicksal Englands davon bestimmt wurde, dass die Auseinandersetzung mit Frankreich eine permanente war – (ungeachtet dessen, dass laut Geschichtsbüchern erst später der „Hundertjährige Krieg“ mit Frankreich ausgefochten wurde, 1337 bis 1453, er reicht also schon in dieses Buch herein).

Schließlich war Wilhelm „der Eroberer“, der seinen Fuß so siegreich nach England setzte und sich hier zum König machte, Herzog der Normandie. Seinem Sohn, Heinrich I., blieben von seinen Kindern nur eine Tochter – Mathilde, an den deutschen Kaiser verheiratet, nach dessen Tod sie nach England heimkehrte. Jener Gottfried Plantagenet, der ihr zweiter Ehemann wurde, war gleichfalls Franzose, Graf von Anjou. Mit ihm beginnt allerdings die Geschichte dieses verschränkt englisch-französischen Plantagenet-Geschlechts, das große Besitzungen in Frankreich hatte und immer auch begehrlich nach der französischen Krone schielte, die die Kapetinger allerdings nie losließen.

Mit dem Sohn von Gottfried und Mathilde, dem legendären Heinrich II., schwingt sich das Geschlecht der Plantagnets gleich in die Höhe, das sich über Jahrhunderte von Vater auf Sohn fortsetzte – Richard I. (Löwenherz), dessen Kreuzzugsabenteuer mit seiner Gefangenschaft endete (wobei Sultan Saladin in dieser Zeit eine interessante Rolle spielt). sein Bruder Johann Ohneland, dessen Sohn Heinrich III., dessen Sohn Eduard I., dessen Sohn Eduard II. (berüchtigt für seine Günstlingswirtschaft, die das Land fast ruinierte), dessen Sohn Eduard III., schließlich dessen Enkel (da der Vater, der „Schwarze Prinz“, verstorben war) Richard II. So gut wie alle von ihnen waren mit Damen des französischen Adels verheiratet, die ihrerseits Land mitbrachten – was die Situation zwischen den beiden Nationen immer noch verschärfte.

Dann brach die Kontinuität ab: John of Gaunt, Herzog von Lancaster, der Onkel des weitgehend unfähigen Richard II. (so stellt ihn ja auch Shakespeare dar) riß die Herrschaft an sich, und von da ab würden seine Nachkommen und jene seines Bruders, Edmund von York, einander mit roten und weißen Rosen erbitterte Kämpfe um die Macht führen. Als ob es vorher nicht auch schon der Fall gewesen wäre… Der Autor verspricht übrigens in der deutschen Fassung, in einem Folgeband von diesen „Rosenkriegen“ zu berichten: auf Englisch ist er schon erschienen, man kann ihn also vermutlich in absehbarer Zeit auch auf Deutsch erwarten.

Tief ins Mittelalter einzusteigen, ist kein ersprießliches Erlebnis, es ist eine Epoche extremer Grausamkeit, in der das Blut von Unschuldigen und Schuldigen überreich floß. Und keinen der Könige, die hier vorüber ziehen, lernt man als sympathischen Charakter kennen. Man würde auch keinen beneiden wollen – jeder von ihnen führte ein Leben voll von Fehden und musste sich mit den französischen Königen, mit den eigenen Lords und Baronen und oft auch mit der eigenen Familie auseinandersetzen. Heinrich II. mochte zwar in Eleonore von Aquitanien eine ganz besondere Dame geheiratet haben, aber er musste erleben, dass sowohl die Gattin wie alle seine drei Söhne sich mit seinen Feinden verbündeten und ihm in den Rücken fielen. Überhaupt herrschte wenig familiäre Zuneigung bei den Plantagenets, von denen einige große Krieger und andere unfähige Verschwender waren. Jedes Charakterbild wird sorglich nachgezeichnet, mit all den schlechten (und nicht allzu vielen guten) Seiten der Herren (es waren auch kaltblütige Mörder unter ihnen) und hält den Leser wochenlang im Mittelalter fest.

Immer zu bedenken ist, dass man sich in einem Zeitalter befand, wo es keine schnelle Nachrichtenübermittlung gab (auch wenn Boten und Mönche ununterbrochen unterwegs waren), also neu geknüpfte und schon wieder verratene Bündnisse so schnell wechselten, dass Betroffene es oft erst viel später erfuhren. Die Schauplätze von kriegerischen Auseinandersetzungen waren nicht nur England, sondern auch Schottland, Wales, Cornwall, Irland (alles von den Engländern nach und nach erobert und wieder verloren und immer Problemfelder, die zu bedenken waren), auf der anderen Seite die Franzosen, nicht nur die jeweiligen Könige, sondern auch mächtige Landesfürsten. Dennoch kann der Autor eines klar machen – die Plantagenets „erfanden“ England, im Lauf der Zeit trat die französische Sprache zurück, eine eigene Identität wurde gefunden…

Und der Leser legt sich dankbar ein permanentes Lesezeichen zu den Stammbäumen am Ende des Buches, sonst könnte er manchmal durch die „Familienbande“ kaum durchsteigen.

Renate Wagner

 

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